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Jürgen Wiebicke„Der Rhein trennt in Köln soziale Welten“

5 min
Jürgen Wiebicke steht vor einer Tribüne mit roten Sitzen.

Jürgen Wiebicke im Stadion von Viktoria Köln

Für unsere Serie „Mein Kulturmonat“ spricht Autor und Moderator Jürgen Wiebicke über die soziale Spaltung in Köln und gibt persönliche Tipps für den Dezember.

„Das Stadion besiegt das Kunstmuseum”, steht auf einem Plakat, das bei mir zu Hause in Köln-Holweide hängt. Ich habe es bei einem Besuch in Weimar entdeckt, und der Spruch des ehemaligen Bauhaus-Direktors Hannes Meyer gefällt mir, weil für mich Kultur nicht bei Theatern, Museen und Konzerten aufhört. Ein Heimspiel von Viktoria Köln in Höhenberg gehört definitiv auch dazu. Und zwar auch deswegen, weil es das schönste Stadion in Köln ist. Viele kennen es aber gar nicht – ein Versäumnis! Weil Drittliga-Fußball ganz anders ist als dieser Event-orientierte Kommerzfußball vom FC. Und weil ich einfach finde, dass man das Rechtsrheinische in den Blick nehmen muss, wenn man über die Zukunft dieser Stadt spricht. Fußball ist Alltagskultur. Und ein Begegnungsort. Und gerade hier ist dieser Verein auch deswegen wichtig, weil da sehr viele Kinder und Jugendliche einen Ort haben, um Sport zu treiben. Kinder, die nicht so privilegierte Lebensverhältnisse haben wie in Lindenthal, im Agnesviertel oder Klettenberg.

Was mich nervt in Köln, vor allem angesichts der Verfassung dieser Stadt, ist diese folkloristische Redeweise von der „Schäl Sick“. Dass man irgendwie denkt: Rechtsrheinisch ist nichts los. Wenn ich von „Schäl Sick“ spreche, dann spreche ich häufig von sozialen Lebenslagen. Dann spreche ich von Wohnquartieren, die sehr weit weg sind von der Lebenswelt der Wohlstandsquartiere im Linksrheinischen. Denn der Rhein trennt in Köln soziale Welten. Von den 20 Schulen in Köln mit den schwierigsten sozialen Bedingungen sind allein 17 im Rechtsrheinischen. Und die anderen drei sind in Chorweiler. Das ist eine soziale Spaltung, die die Stadt auseinanderreißt. Die auch die Wahlergebnisse deutlich widerspiegeln. Und das hat auch etwas mit der Ignoranz von in der Tendenz wohlhabenden Leuten zu tun, die denken, Kultur gibt es nur im Linksrheinischen.

Gerade deswegen war das Schauspielhaus im Depot in Mülheim fürs Rechtsrheinische ein mittelschweres Wunder. Und zwar nicht so sehr, weil man die Hallen bespielt. Sondern weil diese furchtbare Beton-Orgie, diese Brache vor dem Schauspiel, durch das Urban Gardening belebt wurde. Am Anfang wurde das belächelt: Jetzt fangen die da auch noch an zu gärtnern! Aber tatsächlich kann man das Theater ja gar nicht getrennt von seiner Umgebung sehen.

Man hätte vor Jahren schon den Mut haben müssen zu sagen: Das war eine Schnapsidee mit der Sanierung des Schauspiels. Wir haben einen viel besseren Platz gefunden - und da bleiben wir
Jürgen Wiebicke

Die Menschen aus diesem Stadtquartier gehen ja gar nicht unbedingt in das Theater. Aber sie gehen vor das Theater, weil es gelungen ist, einen Ort zu schaffen, der Begegnungen möglich macht. Viele Leute denken bei dem Begriff Urban Gardening an Blumen, Tomaten und Gurken. Dabei geht es darum, dass man Hässliches in Schönes verwandelt. Und das ist meiner Meinung nach oft der Anfang von positiver Veränderung, etwas, das Menschen beflügelt. Und ich finde es sehr schade, dass das Schauspiel da wieder weggeht. In ein Theater, was so viel Geld verschlungen hat. Dabei war man am perfekten Ort! Und man hätte vor Jahren schon den Mut haben müssen zu sagen: Wisst ihr was, das war eine Schnapsidee mit der Sanierung. Wir haben einen viel besseren Platz gefunden - und da bleiben wir.

Die Kultur muss dahin, wo man Verwandlungsprozesse anstoßen möchte. Ich fand das Schauspiel in Mülheim deswegen genial. Denn Kultur findet meiner Meinung nach auch im öffentlichen Raum statt. Die Art und Weise, wie eine Stadt aussieht und was sie für sich selbst tut, ist Ausdruck unseres kulturellen Entwicklungsstandes. Und der ist einfach im Moment im Eimer.

Die Kultur muss dahin, wo man Verwandlungsprozesse anstoßen möchte
Jürgen Wiebicke

Als ich die Tipps für den Dezember für diese Serie herausgesucht habe, habe ich gedacht: Am liebsten würde ich Ihnen einen Kulturort empfehlen, den es gar nicht gibt. Den man erst noch schaffen müsste. Und der wäre rechtsrheinisch. Hier fehlt das und hier müssten ein paar Leute das anstoßen. Wenn Menschen, die kulturfern sind, eine Beziehung zu dieser Welt bekommen sollen - dann läuft das über Begegnung und über Ästhetik. Räume, wo man sich gerne aufhält. Die Stadtteilbibliothek in Kalk ist ein gelungenes Beispiel dafür. Aber mir geht es gar nicht darum, dass man irgendwas Hochsubventioniertes schafft. Mir geht es erstmal darum, dass man versteht, dass die Stadt gespalten ist. Und dass das nicht nur damit zu tun hat, dass auf der linken Seite die Coolen wohnen und auf der rechten Seite die weniger Coolen. Sondern mit sozialen Lagen. Da muss die Perspektive sich verändern.

Aufgezeichnet von Kerstin Meier


Jürgen Wiebicke wurde 1962 in Köln geboren und arbeitet als freier Journalist. Er moderiert „Das philosophische Radio“ auf WDR5 und schreibt Bücher - zuletzt unter anderem über das Schweigen der deutschen Kriegskinder. Außerdem gehört er zu den Programm-Machern des Philosophie-Festivals phil.Cologne.

Jürgen Wiebickes Tipps für den Dezember:

Ich mag das Theater der Keller gerade deswegen gerne, weil sie kein Geld haben für aufwendige Bühnenbilder. Da kommt es einfach nur auf das Sprechen und Spielen an. Und ich mag auch den Ort gerne in Deutz in der Tanzfaktur - es soll aber bald auch eine neue Spielstätte geben. Jetzt gibt es dort eine neue Adaption eines Romans von Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen“. Der Vorgänger „Ach diese Lücke...“ lief sieben Jahre lang sehr erfolgreich. Was mir bei Meyerhoff so gut gefällt, ist dieses Nebeneinander von Tragik und Komik. Mir tut der Bauch weh vom Lachen. Und manchmal könnte man heulen. Die Termine im Dezember sind jetzt leider schon ausverkauft, am besten jetzt schon Karten für den Januar besorgen. theater-der-keller.de

Ganz toll finde ich auch die unabhängige, zwar katholische, aber freigeistige Karl-Rahner-Akademie in der Innenstadt. Da wird am Donnerstag, 4. Dezember, der Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ gezeigt, den Regina Schilling, gemacht hat. Ein großartiger Film über unsere Generation und über die Prägungen der Kindheit, über das Schweigen, über die deutsche Vergangenheit. karl-rahner-akademie.de

Die Lichtspiele Kalk zeigen sehr besondere Filme und auch vieles im Original mit Untertiteln. Ich finde es spannend, dass da ein paar Leute ihren Traum verwirklicht haben und ein Kino mit Retro-Charme geschaffen haben. Das einzige Kino rechtsrheinisch, das in einer ganz anderen sozialen Welt angesiedelt ist als die Kinos im Linksrheinischen, weil die Kalk-Mülheimer Straße wirklich keine einfache Straße ist. lichtspiele-kalk.de