- Rozbeh Asmani macht aus geschützten Farbmarken wie Nivea-Blau abstrakte Bilder und kämpft gegen die Kolonialisierung unserer Erinnerungen.
- Der Kölner Künstler ist zwischen westdeutscher Kultur und iranischer Community aufgewachsen. Er fühlt sich „doppelt zerrissen“.
- Im Gespräch berichtet er von der Gentrifizierung von Künstlerräumen und verrät, was Köln von einer Stadt wie Leipzig lernen kann.
Köln – Auch Rozbeh Asmani hat die Frage, woher er denn nun wirklich komme, schon viel zu oft gehört. „Aus Köln“, das scheint etliche Fragende zu überfordern, weshalb Asmani dann noch ein „aus der Südstadt“ hinterherschickt. In der Heimat seiner Eltern ergeht es ihm freilich auch nicht besser: „Im Iran bin ich der Fremde“, so Asmani, „und gelte schnell sogar als eine Art Verräter, als jemand, der im goldenen Westen lebt.“ So erklärt sich, warum Asmani sagt, er sei ein „total westdeutsch sozialisiertes Kind“ gewesen, und dann doch hinzufügt: „Man ist doppelt zerrissen und bleibt es auch.“
In Asmanis Kunst zeigt sich wenig von dieser privaten Zerrissenheit, die ist „total westdeutsch“, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennt. Eher zufällig entdeckte Asmani, dass viele Farben seiner Kindheit, das Violett einer Schokolade, das Tiefblau einer Hautcreme, geschützte Marken sind – wer in Deutschland Lila und Milchschokolade kombinieren möchte, braucht dafür die Zustimmung des Milka-Produzenten Mondelēz. Ähnliches gilt für das Dunkelblau von Nivea oder das Telekom-Magenta. Allein in Deutschland sind weit über 100 Farbmarken registriert.
Das könnte Sie auch interessieren:
In der Regel sind es multinationale Unternehmen, die sich Farben oder Farbkombinationen in Verbindung mit einem Produkt oder eine Dienstleistung reservieren lassen. Asmani sah darin eine neue Form der Kolonialisierung, dieses Mal auf der Landkarte des geistigen Eigentums, und beschloss, sich die Farben im Namen der Kunst zurückzuholen. Für seine Bilderserie „Colourmarks“ stellte er im Siebdruckverfahren schlichte Leinwand-Quadrate her, die etwa das exakt nachgebildete Gelb der Langenscheidt-Lexika oder die Rot-Gelb-Blau-Kombination des Lidl-Logos in Form unterschiedlich dicker Farbstreifen zeigen.
Capri-Sonne in Silber
Im nächsten Schritt nahm sich Asmani die beim deutschen Patent- und Markenamt hinterlegten Referenzbilder vor. Denn natürlich können sich Firmen nicht einfach so Farben schützen lassen, sie müssen in Testreihen nachweisen, dass ausreichend viele Menschen bei einer Farbe in Kombination mit einem Produkt automatisch an ihre Marke denken. Aus diesem Bildarchiv, in dem die Markennamen und Logos durchweg verfremdet sind, schöpft Asmani die Motive seiner gegenständlichen Siebdrucke: eine UPS-Uniform etwa oder eine BP-Tankstelle, die scheinbar arabische Schriftzeichen trägt. Außerdem ließ er ein Stück Zwieback in Bronze gießen und dem Standbodenbeutel der Capri-Sonne ein Denkmal in Neusilber setzen. „Der Supermarkt ist mein Biotop“, sagt Asmani, „dort beginne ich meine Versuchsreihen.“ Mittlerweile ist er bei den Geruchsmarken angekommen und druckt Bilder mit Lakritz.

Copyright: Peter Rakoczy
Wenn es stimmt, dass uns die Konsumwelt unsere Kindheit stiehlt, dann ist Asmani unser Robin Hood. Dabei sollte er eigentlich kein Künstler werden. „Als Iraner“, sagt Asmani, „wird man Ingenieur oder Mediziner, das sind die Alternativen, die einem die Eltern lassen.“ Vielleicht ging er auch deswegen zum Studium nach Leipzig, wo es anders als in Köln oder Düsseldorf keine große iranische Gemeinschaft gibt. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst lernte Asmani jahrhundertealte Drucktechniken schätzen und auch einen in Westdeutschland unmodisch gewordenen Kunstdiskurs.
Investigativer Realismus
In Leipzig drehe sich vieles um Realismus, sagt er, und dieser Idee fühle er sich weiterhin verpflichtet. Allerdings eher im Sinne eines „investigativen Realismus“, wie der in Köln geborene Konzeptkünstler Hans Haacke breitet Asmani in seinen Werken Rechercheergebnisse aus. Er finde es spannend, wenn Kunst über das Feuilleton hinausgehe und Politiker beginnen, über Kunst zu diskutieren.
Während des Studiums lernte Asmani eine Offenheit kennen, die es in Köln nicht gab. „Es war spannend, aus der engen Kölner Nachkriegsarchitektur in eine gut erhaltene Stadt zu kommen. Ganze Straßenzüge im Zentrum standen leer, man zahlte kaum Miete für einen Gründerzeit-Altbau und feierte Partys auf vier Etagen.“ Ein wenig trauere er zudem dem Zusammenhalt innerhalb der Leipziger Kunstszene nach. Man sei dort eher im Trotz vereint als neidisch aufeinander gewesen. In Köln, der Kunst- und Galerienstadt, gebe es dagegen nicht einmal richtige Künstlerkneipen: „Die MD Bar, wo die Gintonics neun Euro kosten, kann es nicht sein.“
Aus Leipzig wechselte Asmani an die Kölner Hochschule für Medien. Hier entwickelte er seine „Colourmarks“, die später auf Litfaßsäulen in Köln und Düsseldorf plakatiert wurden, er fand eine Galerie und erhielt mehrere Stipendien. „Das ist wie ein positives Schneeballsystem“, sagt er, eine Förderung ziehe die nächste nach sich. „Dann bin ich Vater geworden und gleichzeitig liefen die Stipendien aus. Ich musste richtig rotieren.“ Im April tritt Asmani eine Professur in Greifswald an, am Fachbereich Medien und Angewandte Grafik des Caspar-David-Friedrich-Instituts. „Ich habe bald drei Standorte: „Köln, Greifswald und die Deutsche Bahn.“
Gentrifizierung im Atelierhaus
Am Standort Köln lebt Asmani in einem Atelierhaus der gemeinnützigen Immobiliengesellschaft GAG. Auch hier merkt man die Gentrifizierung, die Mieten ziehen an, für viele Mieter werde das ein existenzieller Kampf. Auch deswegen müsste im Atelierhaus, eigentlich ein Vorzeigeort für junge Kunst, mehr passieren, findet Asmani. „Sonst wird es einem weggenommen.“ Im Grunde sei Köln aber ein guter Ort für junge Kunst. Es gebe im Rheinland viele Sammler, gutes Handwerk, und an Ausstellungsmöglichkeiten fehle es ebenfalls nicht. „Es gibt die kleinen Kunsträume. Man muss nur hingehen.“

