Die Romanische Nacht in Köln bot von makelloser Reinheit bis zur schlecht gestimmten Orgel ein ungewöhnliches Kontrastprogramm.
Kölner MusikfestivalEine Sommereise vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart

Die Romanische Nacht in der Kirche St. Maria im Kapitol bündelt mehrere Konzerte. Die Veranstaltung ist der Höhepunkt der Musikreihe Romanischer Sommer.
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Bei Auftrittswechseln und auch sonst ändert sich die künstliche Beleuchtung im Chorraum von Sankt Maria im Kapitol. Mal ist er in Feuerrot getaucht, dann wieder in Gold-Gelb, und vor Beginn der Romanischen Nacht herrscht Gletscherspalten-Blau. Das beißt sich zwar mit den Kirchenfenstern, ist aber trotzdem stimmungsvoll. Dabei sichern allein schon die Architektur des Kirchenraums und seine Akustik dem Reigen der vier Stundenkonzerte, die die Schlussveranstaltung des Romanischen Sommers formieren, eine bannende Aura.
Die allerdings mittlerweile nicht mehr jenes starke Publikumsinteresse findet, das in früheren Jahren üblich war. Die Zone hinter dem Lettner war mit Zuhörern gut gefüllt, aber im Langhaus herrschte Leere. Was allerdings nicht nur Nachteile zeitigte. Vor Zeiten verwandelte sich die Kapitolskirche während der Romanischen Nacht auch schon mal in eine Bahnhofshalle – da war es mit der Aura auch nicht mehr so weit her.
Zum Höhepunkt geriet das Konzert des Herrenensembles amarcord
Wie gewohnt wartete auf die Besucher ein stark gespreiztes, weit auseinander liegende Stile, Kulturen, Epochen und geografische Räume überspannendes Programm – das aber, gemäß dem diesjährigen Veranstaltungsmotto „Odem“, einen gemeinsamen Nenner in der Vokalmusik hatte. Los ging es mit dem Auftritt des Kölner Bachverein-Chores, der unter seinem Leiter Christoph Siebert und unter Beteiligung von teils aus dem Chor selbst heraustretenden Solisten doppelchörige Motetten und -Messesätze von Mendelssohn sang. Dank mustergültiger Artikulation erstand hier ein fesselnd-abwechslungsreiches Ausdruckspanorama zwischen geistlichem Drama und lyrischer Expressivität. Immer wieder wurde da das Bach’sche Erbe hörbar – allerdings eben in seiner spezifisch romantischen Umformung. Sie beleuchtete auch Michael Bottenhorn einprägsam mit einigen Mendelssohn-Sätzen an der leider schlecht gestimmten Lettner-Orgel.
Vom Berlin oder Leipzig des 19. Jahrhunderts in ein archaisches Baskenland. Dieser Sprung wurde fällig bei der folgenden Darbietung des Julen Achiary Trios, dessen Leiter Julen Axiari auch die Instrumentalbegleitung auf dem Saitentambourin beisteuerte. Zu hören waren traditionelle Lieder und Hirtengesänge, die vom intensiven Austausch zwischen Mensch und Natur handeln. Modale Prägungen, in einen Quint- oder Oktavraum eingebundene Melodien, aber auch „süffige“ Terzen und Sexten – eine eigentümlich reizvolle Begegnung mit dem Fremden wurde hier möglich, wobei die Magie der Eintönigkeit auch etwas erschlaffend wirken konnte.
Zum Höhepunkt der Nacht geriet das Konzert des fünfköpfigen Leipziger Herrenensembles amarcord, das Marienantiphonen von Josquin des Préz intonierte – einer zentralen Figur des musikalischen Epochenübergangs zwischen Spätmittelalter und Renaissance. Hier wird zum Teil bereits die Schwelle hin zur Dur/moll-Tonalität überschritten, es gibt auf der Basis eines motettisch-kontrapunktisch durchgeformten Vokalsatzes, die in diesem Sinne typischen Quartvorhalte und Kadenzformeln. Das alles präsentierten die Gäste mit einer makellosen Reinheit und Klarheit, einer suggestiven gesanglichen Schönheit, die in dieser Raumumgebung zu perfekter Wirkung fand.
Vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart: Zu später Stunde fand sich, teils im Raum verteilt, das seit 2018 aktive VokalOrchester NRW ein, das sich der experimentellen Verflüssigung von Musik und ihrer Aufführung verschrieben hat – im Sinne eines frei improvisierenden Zusammenwirkens und der Hybridisierung von Stilformen. Jetzt erklangen indes auch Kompositionen etwa von Meredith Monk. Das kurz vor Mitternacht ausgedünnte Publikum vernahm eine Lautkunst, die stellenweise an die Sprache-Musik-Experimente der Fluxus-Bewegung der 60er Jahre erinnerte. Die hatte bekanntlich in Köln einen Schwerpunkt – angejahrte Besucher mochten somit nicht zuletzt ihrer eigenen Vergangenheit begegnen.
