Premiere von Bizets „Perlenfischer“ in KölnSo holt man eine Oper aus ihrem Mauerblümchen-Dasein

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Links im Bild singt Sara Blanch, sie trägt ein rosa Kleid mit Tüll. Neben ihr im Vordergrund eine Violinistin des Gürzenich Orchesters, im Hintergrund verschwommen weitere Musiker.

Sara Blanch mit dem Gürzenich-Orchester in Köln

Georges Bizets Oper „Perlenfischer“ hatte in der Kölner Oper Premiere. Es gab zu Recht großen Beifall.

Georges Bizet ist als Komponist von „Carmen“ in die Musikgeschichte eingegangen. Und sonst? Die Antwort „Fehlanzeige“ ist sicher zu extrem, aber allzu weit davon weg befindet sich die Sachlage – jedenfalls die der Rezeptionsgeschichte – auch nicht. Mit großem Abstand auf „Carmen“ folgen in der Publikumsgunst „Les pêcheurs de perles“ (Die Perlenfischer), ein Frühwerk von 1863, aus dem viele Musikfreunde immerhin den einen oder anderen Wunschkonzert-Hit kennen, etwa das „Freundschaftsduett“ aus dem ersten Akt.

Dass es sich im Kanon etabliert hätte, wäre indes eine starke Übertreibung. Möglicherweise ist die Oper mit diesem Mauerblümchen-Dasein zu schlecht bedient, sie verfügt über große Schönheiten, über eine bezwingende Macht der melodischen Erfindung und ein fabelhaftes instrumentales Kolorit. All das kommt freilich so recht erst zum Vorschein und zur Geltung, wenn das Werk optimal, mit Power, Verve und Esprit aufgeführt wird und solchermaßen auch die veritablen Kitschzonen zu funkeln beginnen.

Kölner Oper mit Bizets „Perlenfischer“

Die jüngste Produktion an der Kölner Oper – im Saal 2 des Staatenhauses – setzt diese Forderungen auf allen Ebenen in nahezu idealer Weise um. Es handelt sich „nur“ um eine konzertante Aufführung, deren Suggestivität und dramatische Eindringlichkeit aber die Frage nach dem möglichen Mehrwert einer szenischen Realisierung erübrigt. Immer wieder sind der Plot und das Libretto für den langfristigen Misserfolg des Werkes verantwortlich gemacht worden, aber selbst diesbezüglich legt die Kölner Darbietung eine differenzierte Einschätzung nahe: Klar, die im (seinerzeit beliebten) exotischen Milieu der Perlenfischer von Ceylon angesiedelte Handlung ist überkonstruiert und wahrscheinlichkeitsfern. Eine verschleierte junge Frau als Priesterin und Schutzpatronin der Fischer bricht ihr Keuschheitsgelübde, indem sie sich einem der beiden sie begehrenden Männer zuwendet. Der verschmähte Bewerber sinnt auf Rache, muss das Liebespaar aber laufen lassen, als er in der Frau eine frühe Retterin des eigenen Lebens erkennt.

Ist das abstrus? Ja und nein. Der Schluss ist unbestreitbar schwach, aber im Motivationsgebälk knirscht es jedenfalls nicht übermäßig, und motivisch gibt es, den Widerstreit von Pflicht und Neigung betreffend, Verbindungen zu „Norma“, Bellinis Priesterinnen-Oper, und sogar zu Schillers „Jungfrau von Orléans“.

Das Gürzenich Orchester lässt im Staatenhaus gleich zu Beginn aufhorchen

Im Staatenhaus lassen gleich die ersten Takte des Gürzenich-Orchesters aufhorchen: Unter einer schönen Melodie erklingt beharrlich, als dissonanter Querschläger, das Pendel der kleinen Sekunde. Hier wird – gut durchhörbar, mit agiler Präsenz, ganz ohne wattige Weichzeichnung – der Klangraum der bevorstehenden Fast-Tragödie aufgerissen; der Besucher der Aufführung ist sofort „drin“. Dieses Niveau wird über drei Akte hinweg gehalten: Unter dem detailintensiven, in der gestischen Ausformulierung hochmusikalischen und das Ganze souverän „tragenden“ Dirigat des Australiers Nicholas Carter vollbringt das sichtlich animierte Ensemble schier eine Glanzleistung, mit wunderbaren kammermusikalischen Reduktionen (etwa bei Flöte und Harfe), erfülltem Streicher-Cantabile, geschmeidig gestalteten Übergängen und bemerkenswertem rhythmischem Biss.

Großartig ist aber vor allem die Sängercrew (es gibt nur vier Vokalsolisten), unter denen die Spanierin Sara Blanch als Leila den Vogel abschießt. Ist das ein lyrischer, ein dramatischer, ein Koloratursopran? Die Stimmfachfrage wird hier eigentümlich substanzlos: Blanch ist alles auf einmal, sie verfügt über eine exquisite Legato-Phrase genauso wie über ein bewegliches Parlando, sie setzt ihre Höhen mit selbstverständlicher Grandezza, bewältigt anstandslos den großen Ambitus ihrer Partie und füllt den Raum mit völlig unangestrengter vokaler Schönheit. Ihr Vibrato ist stets Ausdrucksmittel, nicht etwas, das halt so unterläuft. Außerordentlich aber ist zumal ihre Kraft der emotionalen Anverwandlung – man nimmt ihr ab, was sie singt: Leidenschaft, Schmerz, Verzweiflung, Ergebung.

Der Chor agiert als Meute

Gegen diese Auftrittsqualität hatten es die männlichen Partner schwer. Am wenigsten noch der Zurga Insik Chois, des gefeierten Kölner Ensemble-Mitglieds. Als Bariton, der seine Stimme mit betörender Wirkung in die Tenorlage zu führen weiß, lieferte auch er ein eindringliches Charakterporträt. Der Ansturm der Empfindungen im dritten Akt ließ, rollenangemessen, das noble Ebenmaß seiner Performance kontrolliert entgleisen. Eindrucksvoll auch Christoph Seidl, der als Nourabad den düsteren Geist einer kollektiv vollzogenen Rache beschwor.

Nicht ganz leicht, zumal im Duett und unter dem Forte-Druck des Orchesters, hatte es hingegen Anthony Leon als Nadir. Der kubanisch-kolumbanische Sänger ist erfreulicherweise kein Stentor, sondern ein schlanker, beweglicher Tenor von der Art, wie sie eben seit einigen Jahrzehnten Lateinamerika bevorzugt hervorbringt. In einem Stück wie der Cello-Arie im ersten Akt kommt die Stimme tadellos, ja begeisternd herüber, in anderen Konstellationen droht sie unterzugehen, da fehlt es ein wenig an Kraft und Passion.

„Die Perlenfischer“ sind eine Choroper – da bringt sich in der Gattung des Drame lyrique noch die Tradition der französischen Grand Opéra zur Geltung. Und der Chor ist weithin „böse“, stellt eine schnell von Tötungsinstinkten befeuerte Meute dar. Der Kölner Opernchor meisterte die schwere Aufgabe, von geringen Koordinationsschwierigkeiten und Homogenitätsmängeln vorzugsweise am Anfang abgesehen, nicht nur mit beeindruckendem klanglichem Output, sondern auch mit genauer Schlagkraft und schöner Flexibilität in der Aufteilung der Stimmgruppen. Großer einhelliger Beifall des Premierenpublikums – zu Recht!

Stückbrief und weitere Termine

Musikalische Leitung: Nicholas Carter

Darsteller: Sara Blanch, Anthony Leon, Insik Choi, Christoph Seidl

Dauer: 2 ¼ Stunden inklusive Pause nach dem zweiten Akt

Weitere Aufführungen: 11., 20. Juni. Alle Informationen gibt es hier

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