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Kölner PhilharmonieZum Dahinschmelzen schön

3 min
Anne-Sophie Mutter mit dem New York Philharmonic Orchestra.

Anne-Sophie Mutter mit dem New York Philharmonic Orchestra.

Perfektion von Violinistin Anne-Sophie Mutter und dem Pittsburgh Symphony Orchestra in der Kölner Philharmonie.

Krzysztof Pendereckis zweites Violinkonzert mit Titel „Metamorphosen“ ist kein Virtuosenkonzert, obwohl es extrem virtuos ist, nicht nur für die Solovioline, sondern fürs ganze Orchester! Anne-Sophie Mutter spielte es zusammen mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck in der Philharmonie. Penderecki sagte einmal sinngemäß zu Anne-Sophie Mutter, der er dieses Violinkonzert gewidmet hat, ihn habe die Frische ihres Spiels und zugleich die Reife schon in ihren jungen Jahren fasziniert. Anne-Sophie Mutter weicht in dem Gespräch aus und ruft in Erinnerung, dass, als sie die „Metamorphosen“ Mitte der 90er-Jahre für die Uraufführung einstudiert habe, ihr damaliger Mann im Sterben lag.

Jetzt, mehr als 30 Jahre später, konnte man diese beiden Facetten, das Spielerische und das Transzendente, erneut nachvollziehen. Es ist ein Kaleidoskop immer neuer Gedanken, die meistens aus dem Orchester herauswachsen, die Klangerfindungen der vielen Perkussionsinstrumente, die Soli des Fagotts, der Bratschen, das marschartige, staccatoartige Pochen. Anne-Sophie Mutter greift das vielfältige Geschehen, das die 100 Musikerinnen und Musiker um sie herum erzeugen, auf und spinnt es weiter. Da windet sich eine Skala in immer größerer Beschleunigung nach oben und reißt am Gipfel ab, oder umgekehrt: In langsamen Sextparallelen mit pulsierenden Trillern in den oberen Noten schieben sich die Töne der Geige durch den Raum. Und immer wieder die ätherischen Flageoletttöne, als sei die Musik in einer anderen Welt angekommen.

Man spürt, wie Anne-Sophie Mutter dieses Werk verinnerlicht hat, wie sie die Musik nach innen und nach außen wenden kann und das, was im Notenbild halsbrecherisch aussieht, zu einer sprachnahen Geste wandelt. Penderecki hatte sich zu dieser Zeit längst von der Hardcore-Avantgarde abgewandt. Man mag seine Tonsprache als rückwärtsgewandt betrachten. Es braucht wohl eine Künstlerin wie Anne-Sophie Mutter, um die eigentliche Qualität wieder spürbar zu machen.

Neuer Zugang zu alten Werken

Man möchte es nicht für möglich halten, dass es bei Dvořáks 9. Sinfonie („Aus der Neuen Welt“) noch irgendetwas zu entdecken gibt. Bei Manfred Honeck und seiner Truppe aus Pennsylvania schon. Er steht dem Pittsburgher Orchester seit 2008 vor und hat gerade bis 2033 verlängert. Zurzeit sind sie auf einer langen Europatournee durch neun Städte. Da sind „Musikarbeitende“ zugange, denen man anmerkt, dass sie Freude an ihrem Tun haben: Warum nicht mal im ersten Satz die dynamischen Gegensätze auf die Spitze treiben? Die langsame Einleitung klingt düster und fahl, beim Sforzato-Einsatz des Hauptthemas kracht ein Gewitterschlag im Saal, der die Partitur vom Dirigentenpult gefegt hätte, wenn Honeck nicht wohlweislich von vornherein auf sie verzichtet hätte.

Im zweiten Satz dann die Englischhornmelodie, die Dvořák angeblich der Musik der Native Americans abgelauscht hat. Sie war zum Dahinschmelzen schön und auch klar artikuliert, was dem Spieler einen Sonderapplaus bescherte. Im dritten Satz wurden die Orchesterflächen wie Orgelregister geschichtet, als wollte die Musik Anton Bruckner den Rang ablaufen. Und im Finale dann noch einmal ein Melting Pot aller Themen, aber von Honeck so dargeboten, dass man die Ingredienzien alle heraushören konnte. Das Neue war hier nicht eine irgendwie neue Sicht auf Dvořák, sondern ein souveränes Aufspannen und Auskosten des musikalischen Materials.

Zur Einleitung des umjubelten Konzerts mit drei Zugaben (Bach, Sarabande aus der d-Moll-Partita; Brahms Ungarischer Tanz Nr. 1; Schubert, Bearbeitung der Litanei auf das Fest Allerseelen) gab es von John Adams den Vierminüter „Short Ride in a Fast Machine“, wo angeblich die Fahrt in einem Sportwagen zum Ausdruck kommt. Das waren aber eher Panikattacken des Beifahrers, als ein röhrender Motorensound.