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Lehmbruck MuseumDie magischen Klangwelten des Künstlerpaars Cardiff & Miller

4 min

Duisburg – Es ist ausgesprochen leise für eine Ausstellung mit „raumgreifenden Klanginstallationen, bewegten Maschinen-Skulpturen und interaktiven Environments“. Bei geschlossenen Türen nämlich hört man erst einmal gar nichts. Betritt man dann aber den jeweiligen Raum, bewegt sich hierhin, dorthin oder bedient einen Knopf, dann ist man mittendrin.

Bekannt geworden und international mit vielen Ausstellungen gefeiert ist das kanadische Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller für seine immersiven Multimedia Sound Installationen und ihre Audio/Video Spaziergänge. Ursprünglich war die Ausstellung der Lehmbruck-Preisträger in Duisburg für 2020 geplant, jetzt kann sie endlich stattfinden.

Der Escape-Room ist erstmals in Europa zu sehen

Die meist sehr aufwändigen Arbeiten aus den letzten 20 Jahren sind in Duisburg auf den 1.200 Quadratmeter der Wechselausstellungsräume des Anbaus eingerichtet, die bewegten Skulpturen und theatralisch inszenierten Miniaturwelten, einige kleinere Arbeiten (die Telefon-Serie Dreams, 2008-2010) sind in der Sammlung verteilt. Der erstmals überhaupt in Europa gezeigte „Escape-Room“ (2021) mit seinen dystopischen Fantasiebauten, den die Besucher mit ihren Bewegungen selbst „zum Leben“ erwecken können, findet sich im Untergeschoß. „Sad Waltz and the Dancer Who Couldn’t Dance“ (2015), eine Mixed Media Installation mit Marionetten, Sound und Licht auf einem hölzernen Tisch, wurde vom Lehmbruck Museum für die eigene Sammlung angekauft.

Wer liebt es nicht, im dunklen Kinosaal zu sitzen, sich von einem Film für eine Weile davontragen und den Alltag hinter sich zu lassen? Ursprünglich wurde „The Paradise Institute“ 2001 für den kanadischen Pavillon auf der Biennale in Venedig entwickelt. Die begehbare Sperrholz-Box sieht innen aus wie ein kleines Kino, altmodisch, mit gedimmtem Licht, rotem Teppich und zwei Reihen rotsamtener Sitze. Über einen kleinen Balkon gelehnt schaut man in die Miniatur-Replika eines alten Lichtspielhauses. Die Illusion einer Perspektive und die Sound-Projektion via Kopfhörer tragen die staunende Besucherin zugleich in zwei Wirklichkeiten, einmal die des (ziemlich düsteren schwarz-weißen) Films und dann aber auch - diese überlagernd - in die eines vermeintlichen Publikums im Kinosaal neben mir.

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Alleine und doch nicht allein; während vorne der Film beginnt, wird neben mir Popcorn gegessen, getuschelt, der richtige Platz gesucht. Die wispernde Nachbarin aus der hinteren Reihe kommt mir beim herunterbeugen ständig zu nah, es wird laut geatmet, gekichert, gehüstelt. Fast kann ich die anderen riechen, nerven tun sie auf jeden Fall. Projektion, Töne, Raum und Film verschmelzen, was ist real, was ist Fiktion?

Überhaupt, Kino und Theater, als Medium und Institution, sind in den Arbeiten von Cardiff / Miller häufig Ausgangspunkte von Inszenierungen. Ebenso die Akustik. Ein dunkler Raum, Lichtsensationen, Sound, eine oder mehrere sich überlagernde Erzählungen, verschwimmende Grenzen zwischen Realität und Fiktion, das sind die Versatzstücke, mit denen die Künstler gerne spielen. Und nie vergessen sie die Macht und Magie von Musik und Klängen.

Die große Lautsprecher-Installation „The Forty Part Motet“ (2001) ist ein buchstäblich ergreifendes, ein intensives Musik- und Klangwerk, das mit den Stimmen des 40-köpfigen Chors - der die 1570 entstandene Motette Spem in Alium des Renaissance-Komponisten Thomas Tallis singt - einen ganzen Kathedralraum zu erschaffen scheint. Ein Werk, das das Transzendenz-Erlebnis, das es auslöst, dann doch auch wieder erden kann, wenn im Fortlauf des 14-minütigen Tonband-Loops die Singenden sich mit ganz alltäglichen Geräuschen zur Chorprobe versammeln.

Cardiff & Miller erwecken Kafkas Strafkolonie zum Leben

In einem der hinteren Räume, weitab, findet sich die düsterste Arbeit einer Schau, deren Exponate ohnehin gerne zwischen Hell und Dunkel changieren. Mit dem großen roten Button kann man den Apparat selbst in Gang setzen. Aber will man das auch? Der ausgesucht widerwärtige Folterapparat, den Franz Kafka in seiner 1919 veröffentlichten Erzählung „In der Strafkolonie“ beschreibt, hat Janet Cardiff und George Bures Miller 2007 zu ihrer Installation „The Killing Machine“ inspiriert, zu einer Arbeit, die die automatisierte Choreographie einer Tötungsmaschine aufnimmt und ästhetisch überformt. Die Roboterarme mit den spitzen Tätoowierungsinstrumenten führen ein elegantes Ballett auf über dem leeren Zahnarztstuhl. In Kafkas Erzählung wird dem Verurteilten sein „Vergehen“ mit der Tatoonadel so lange in den Rücken geschrieben bis er stirbt.

Die theatralische Installation der „Killing Machine“ verbirgt die finsteren Absichten des Gerätes hinter der harmlos scheinenden Mechanik einer Music Box, mit Licht, falschem Pelz und Discokugel. Nur die dissonante Musik unterstreicht das bedrohliche Tun, erst am Ende wird sie sanfter, fast schon harmonisch, da aber, als auch die glitzernden Reflexe der Spiegelkugel munter durch den Raum wandern, wirkt sie wie Hohn.

Janet Cardiff & George Bures Miller: Wilhelm Lehmbruck Preisträger 2020
Duisburg Lehmbruck Museum, bis 14. August.