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„Madman-Theory“Spielt Donald Trump den Verrückten?

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US-Präsident Donald Trump spricht am 13. April 2026 vor dem Oval Office im Weißen Haus in Washington, D.C., mit der Presse.

US-Präsident Donald Trump ist ein Anhänger der „Madman-Theorie“

Donald Trump versucht im Irankrieg offenbar, Nixons alte „Madman-Theorie“ anzuwenden. Kann das gut gehen? Ein historischer Vergleich.

Ist Donald Trump verrückt oder spielt er seine Verrücktheit nur, um seine politischen Gegner über seine wahren, finsteren, aber in dieser Finsternis vollkommen rationalen Absichten hinwegzutäuschen? Diese Frage haben schon einige Beobachter hin und her gewendet und sind teilweise zu einander ausschließenden Antworten gekommen. Vergleichsweise beliebt ist die These, Trump poste all die Beleidigungen seiner Gegner (und des gesunden Menschenverstands) lediglich, um vom Umbau der USA in eine Tyrannei abzulenken. Aber warum inszeniert sich Trump dann ständig als allmächtiger Herrscher, der sich Triumphbögen errichten und sich von der KI als christlicher Erlöser pinseln lässt?

Seine Ziele verbergen, indem man sie in die Welt hinausposaunt – ist das nun verrückt oder nicht vielmehr deren Gegenteil? Bei Trump kommt man aus der endlosen Schleife des Selbstwiderspruchs scheinbar nicht heraus. Vielleicht hätte vor ihm sogar Niccolò Machiavelli kapituliert, der 1517 in seiner Fürstenbetrachtung meinte, es könne manchmal weise für einen Herrscher sein, als töricht zu erscheinen. Weil seine Gegner ihn dann entweder unterschätzen oder nicht wissen, woran sie an ihm sind.

Bislang hat der Iran Trump die Verrücktheit nicht geglaubt

Allein die iranische Führung scheint sich von Trumps Verrücktheit nicht beeindrucken zu lassen – obwohl der Angriff auf das Land nach politischen Maßstäben das irrationalste ist, was Trump in seiner zweiten Amtszeit bislang getan hat. Haben die Revolutionsgarden also den Bluff des US-Präsidenten durchschaut? Oder wenden sie ihn gegen seinen Urheber? Einen langen Krieg gegen die USA zu riskieren, das scheint jedenfalls Donald Trump für verrückt zu halten. Als er die Mullahs „crazy bastards“ schimpfte, tat er ihnen mutmaßlich einen Gefallen.

Das Vorbild für beide Seiten war offenbar ein anderer US-Präsident. Als Richard Nixon einen Ausweg aus dem Vietnamkrieg suchte, verfiel er, so berichtet es sein engster Vertrauter H.R. Haldeman, auf eine „Madman-Theory“. „Ich möchte, dass die Nordvietnamesen glauben, ich sei an einem Punkt angelangt, an dem ich zu allem bereit bin, um den Krieg zu beenden. Wir lassen sie einfach wissen: Um Gottes willen, ihr wisst doch, dass Nixon vom Kommunismus besessen ist. Wir können ihn nicht bändigen, wenn er wütend ist – und er hat die Hand am Atomknopf.“ Nixon war angeblich davon überzeugt, dass Ho Chi Minh danach persönlich um Frieden betteln würde.

Richard Nixon spricht in ein Mikrofon.

Richard Nixon, US-Präsident von 1969 bis 1974 und Erfinder der modernen „Madman-Theory“

Bekanntlich kam es anders. Aber die Idee, dass man als Politiker verrückten Drohungen Glaubwürdigkeit verleiht, indem man sich irrational verhält, wird seit Nixon diskutiert. Im Grunde läuft die „Madman-Theorie“ auf die Maxime „Der Klügere gibt nach“ hinaus. Man muss die Gegenseite nur davon überzeugen, dass es klug ist, am Ende der Dumme zu sein, weil man nachgegeben hat. Richard Nixon hatte dafür die Vorarbeiten geleistet, indem er scheinbar verrückte Dinge tat: Er weitete den Krieg aus, um ihn zu beenden, und opferte für den Frieden das Leben zehntausender Menschen. Trotzdem trauten ihm die Nordvietnamesen ein neues Hiroshima nicht zu. 

Trumps Außenpolitik der zweiten Amtszeit scheint eine Aktualisierung der „Madman-Theorie“ zu sein: Er droht seinen Alliierten, erhebt willkürliche Zölle, kündigt an, Grönland zu annektieren, und demonstriert, etwa in Venezuela, dass er gewillt ist, verwegene Dinge zu tun. Selbst sein Versprechen, die USA aus militärischen Konflikten herauszuhalten, hat er mit dem Krieg gegen den Iran gebrochen. Allerdings hätte man damit rechnen können, denn Trump hatte im Wahlkampf angedeutet, China und Russland als gewählter Madman auf Linie zu bringen: Über Xi Jinping sagte Trump: „Er respektiert mich und er weiß, dass ich f***ing crazy bin.“

Er respektiert mich und er weiß, dass ich f***ing crazy bin
Donald Trump über Xi Jinping

Wobei sich hier die Frage stellt, was Xi Jinping weiß: dass Trump verrückt ist oder dass er den Verrückten spielt? Schließlich ist es ein Zeichen von Gesundheit, zu wissen, dass man selbst verrückt ist. Hat Trump also seine Tarnung als Madman selbst auffliegen lassen? Und wäre das nicht wiederum verrückt?

Vielleicht sind China, der Iran und Europa mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass Trump sich zwar für sehr viel klüger hält, als er ist – dies aber noch lange nicht das Gleiche wie Verrücktheit ist. Zudem war bislang weitgehend darauf Verlass, dass der US-Präsident seine wüstesten Androhungen nicht wahrmacht oder zumindest wieder abmildert. „Trump always chickens out“, kurz Taco, ist längst ein geflügeltes Wort: Wenn es ernst wird, macht Trump immer einen Rückzieher.

Der Taco-Präsident hatte etwas Tröstliches, weil er der deutlichste Hinweis auf Trumps rationale Gesinnung war. Darin liegt allerdings auch eine Gefahr. Wenn Trump glaubt, dass ihm seine Gegner die Verrücktheit nicht (mehr) abnehmen, könnte er zum vernünftig erscheinenden Schluss gelangen, etwas Verrücktes tun zu müssen, um den alten Eindruck wiederherzustellen. Man mag der Ansicht sein, der Irankrieg sei schon irrational genug gewesen. Aber weiß Trump das auch?

Richard Nixons „Madman-Theory“ beruhte auf der Annahme, seine Verrücktheit sei nur eine Episode, und dass er, hätte er sein Ziel erreicht, wieder zu seinem rationalen Selbst zurückfinden würde. Warum sollten seine Gegner sonst mit ihm Frieden schließen? Bei Trump ist die Verrücktheit dagegen zum Dauerzustand geworden, mit gelegentlichen Ausschlägen auf der Madness-Skala. Selbst die Ankündigung, die iranische Zivilisation auslöschen zu wollen, bewegt sich noch im für ihn normalen Bereich. Für den Iran scheint es daher die rationalere Variante zu sein, nicht auf seine Forderungen einzugehen. Denn entweder ist Trump nicht verrückt, und seine Drohungen sind hohl. Oder er ist verrückt, und dann kann man ihm nicht trauen.

In dieser Sackgasse der „Madman-Theory“ sitzt Trump derzeit. Und mit ihm die ganze Welt. Auf die Vernunft des US-Präsidenten zu hoffen, mag verrückt sein. Aber es ist die beste Alternative, die wir haben.