Musik und Gesang überzeugen in der Kölner Kinderoper, aber die Handlung von „Max und Moritz“ erschließt sich nicht.
„Max und Moritz“Ein spektakulärer Tiefpunkt an der Kölner Kinderoper

John Heuzenroeder (l.), Maike Raschke und Ferhat Baday in „Max und Moritz“ an der Kölner Kinderoper.
Copyright: Matthias Jung
Gibt es, so möchte man auf Anhieb fragen, ein glücklicheres Sujet für eine Kinderoper als Wilhelm Buschs unsterbliches Text/Bild-Werk „Max und Moritz“ mit den sieben Streichen zweier frühreifer Tunichtgute? Nun ja, ein beherztes „Ja“ will trotzdem gut überlegt sein, denn der Autor und Zeichner entwirft am praktischen Exempel nicht weniger als eine pessimistische Anthropologie, die im Kern besagt, dass der Mensch von Haus aus, also im Naturzustand vor zivilisierender Erziehung, nicht (wie bei Rousseau) gut, sondern böse ist, und zwar abgrundtief böse. Wie aber sollen Kinder als Zuschauer einer dramatisierten Version damit umgehen, dass da auf der Bühne ein derart kritisch-ablehnendes Porträt der eigenen Altersstufe entworfen wird?
Gesang und gesprochenes Wort sind oft kaum zu verstehen
Anlässlich der neuen Produktion der Kölner Kinderoper gelangt der (erwachsene) Besucher freilich kaum an den Punkt, an dem sich solche intrikaten Fragen aufdrängen. Bei der Premiere im Saal 2 des Staatenhauses – der Saal 3 wird nicht mehr bespielt, hier kündigt sich bereits das Ende des Deutzer Opern-Interims an – hatte er Mühe genug, für sich selbst überhaupt einen Bezug zu Buschs „Max und Moritz“ herzustellen. Klar, die „Cartoon-Oper“ der Norweger Øystein Wiik (Libretto) und Gisle Kverndokk (Musik) von 2010 ist eine fürs Computerzeitalter adaptierte und aktualisierte Version, hinter der der Grundtext nur noch vage und ungefähr erkennbar ist. „Frei nach Wilhelm Busch“ wäre wohl eine angemessene Charakterisierung.
Indes hat der Zuschauer jedenfalls in Köln größte Schwierigkeiten zu gewärtigen, dass es hier überhaupt um Max und Moritz geht. Die Hindernisse sind vielfältiger Art. Rein akustisch sind Gesang und gesprochenes Wort oft kaum zu verstehen, und Übertitel, die ihm helfen könnten, fehlen (ein Programmheft gibt es ebenfalls nicht). Das hat damit zu tun, dass diese Produktion im Staatenhaus nur einmal gezeigt wurde und jetzt – zweifellos an sich eine gute Sache – ihre Reise zu Aufführungen an Grundschulen der Region antritt. Auch die Kargheit des Bühnenbilds (Jaqueline Rohde) und die minimale Instrumentalbesetzung mit Bläsern und Klavier sind den Umständen dieses Reiseprojekts geschuldet.
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Die Musik ist eine farbig-temperamentvolle Stilrevue
Aber es geht eben nicht nur um Akustik. Ist er selbst schuld daran, fragt sich der Rezensent, dass er keinen Grund und Boden in die Handlung bekommt? Indes ist er nicht der einzige, dem (wohl auch) die Regisseurin Cora Hannen den Zugang zu diesem Kontinent namens Kannitverstan verwehrt. Wie beim Rausgehen zu hören war, hatte sich bei vielen Anwesenden die Wut des Verstehenwollens relativ rasch in gelangweilte Ratlosigkeit aufgelöst.
Sicher, im Nachgang konnte man im Internet so halbwegs ermitteln, was man zu sehen bekommen hatte. Dass da etwa – neben verwirrend undefiniertem Personal – auch Witwe Boltes einen grausamen Tod sterbende Hühner und anderes Getier auftraten. Eine Produktion freilich, die sich nicht von sich aus erschließt, muss als misslungen betrachtet werden.
Tatsächlich erreicht – an dieser deprimierenden Erkenntnis führt kein Weg vorbei – die Kölner Kinderoper mit „Max und Moritz“ einen spektakulären Tiefpunkt ihrer im Ganzen überaus ruhmreichen Geschichte. Einen Rat sollte sie unter allen Umständen beherzigen: Besagten Grundschülern ist das Stück ohne Vorbereitung und erklärende Einführung auf keinen Fall zuzumuten. Da sind dann auch 45 Minuten noch zu lang.
Musikalisch gibt es augenzwinkernde Zitaten zwischen Mozart und Tschaikowsky
Und wo bleibt das Positive? Doch ja, das gibt es sogar: Kverndokks vom Gürzenich-„Orchester“ unter Rainer Mühlbach zündend exekutierte Musik ist eine farbig-temperamentvolle Stilrevue durch die Gefilde von Marsch, Walzer, Koloratur-Arie, Swing und Charleston – mit vielen augenzwinkernden Zitaten zwischen Mozart und Tschaikowsky. Da ist viel beflügelnder Broadway drin, aber auch noch Kurt Weills 20er Jahre-Lässigkeit.
Die Sänger-Akteure erfreuen durch die Bank mit agilem Spiel und prachtvollen Stimmen. John Heuzenroeder, Wesley Harrison (Max), Mala Weissberg (Moritz), Maike Raschke, Alicia Grünwald, Ferhat Baday – sie alle seien hier ohne besondere Hervorhebung gelobt. Wer sich bei herabgelassenen Augenlidern auf Musik und Gesang konzentriert, kann zweifellos auf seine Kosten kommen. Nur: Er geht ja eigentlich nicht in die Oper, um dort die Augen zu schließen.

