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Niederländisches FotomuseumWas kann Rotterdam besser als Düsseldorf?

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Leuchtende Bilderwände stehen in einem Fabrikgebäude.

Im Ausstellungsbereich des neuen Nederlands Fotomuseum in Rotterdam

Das Nederlands Fotomuseum hat eine spektakuläre Heimat gefunden. Taugt es als Vorbild für das Deutsche Fotoinstitut in Düsseldorf?

Von außen gibt sich das neue Nederlands Fotomuseum eher zurückhaltend. Inmitten eines städtischen Entwicklungsgebiets, flankiert von Baustellen, kann man das Gebäude leicht übersehen. Doch beim zweiten Blick entpuppt sich das ehemalige Santos-Haus mit seinem champagnerfarbenen Dach als architektonisches Juwel in Rotterdams Museumslandschaft. Im Februar, nach nur einem knappen halben Jahr des Umzugs, wurde der denkmalgeschützte Backsteinbau feierlich seiner neuen Bestimmung übergeben.

Zuvor war das 2003 gegründete Museum viele Jahre im modernistischen Nachkriegsgebäude Las Palmas am Kop van Zuid beheimatet. Stark steigende Mieten und Betriebskosten von zuletzt 1,7 Millionen Euro jährlich machten einen Verbleib unmöglich. Da erwies es sich als Glücksfall, dass 2023 der Hamburger Alexander Garbe, damaliger Eigentümer des Santos-Gebäudes im Rheinhafen, seine Pläne für ein Stilwerk-Designhaus aufgab. Dank einer Spende von 38 Millionen Euro der Rotterdamer Stiftung Droom en Daad (Traum und Tat) konnte das Fotomuseum das Gebäude kaufen und den Umbau finalisieren.

Die schnelle Umsetzung lag auch an weniger strengen Denkmalschutz-Auflagen

Das „Santos“ liegt in Katendrecht, das noch bis vor rund zehn Jahren weniger für Hochkultur als für industrielle Produktion bekannt war. Heute wandelt sich der Stadtteil am Ufer der Maas rasant zu einem Viertel mit Gastronomie- und Kreativbetrieben. Das freistehende Haus, 1903 als Lager für Kaffeeimporte aus der brasilianischen Hafenstadt Santos errichtet, gilt als eines der besterhaltenen niederländischen Beispiele für Lagerhausarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts.

Den Umbau des mehr als 9000 Quadratmeter großen und sieben Stockwerke hohen Kubus verantwortete – seit seiner Planung 2016 – das Hamburger Büro Renner Hainke Wirth Zirn Architekten mit WDJA-Architekten aus den Niederlanden. Während WDJA den Innenausbau übernahm, stammt die Dachkrone von Renner und Partner. Auf einem Stahlgerüst montiert, legt sich die Konstruktion wie eine Loggia um die 16 Kurzzeitapartments in der siebten Etage und die darunterliegenden Verwaltungsräume samt Restaurant mit Panoramaaussicht – ein Relikt der ursprünglichen Stilwerk-Planung. Als halbtransparente Metallfassade, die an Origami erinnert, umhüllt sie das Ensemble mit warmtonig schimmernden, perforierten Aluminium-Paneelen.

Ein altes Fabrikgebäude mit modernem Dach

Das Nederlands Fotomuseum in Rotterdam

„In den nächsten Jahren werden links und rechts von dem jetzt noch freistehenden Gebäude gigantische Hochhäuser entstehen“, erklärt Architektin Karin Renner. „Durch den Blick von oben wird die Dachlandschaft von Santos wie eine fünfte Ansicht erscheinen.“ In nur knapp einem Jahr nach dem Ankauf wurde die Renovierung abgeschlossen. Danach folgte der Innenausbau. Die insgesamt schnelle Umsetzung habe auch an weniger strengen Denkmalschutz-Auflagen gelegen, so Renner.

Die Straßenfassaden sind mit Sockel, Mittelteil und Dachabschluss im Stil des Beaux-Arts erhalten geblieben. Hinter der historischen Hülle öffnet sich das Gebäude jedoch radikal. Ein im Dach verglastes Atrium schneidet vertikal durch den ehemaligen Speicher. Hier liegt das eigentliche Statement: eine Treppe, die sich durch das gesamte Gebäude zieht und das Rückgrat des Hauses bildet. Sie übernimmt die Wegeführung, in einem Bau, der einst für Warenströme konzipiert war.

Die ursprünglichen sechs Stockwerke mit ihrer gusseisernen Säulenkonstruktion sowie ein großer Keller unter der gesamten Fläche, der aufwändig wasserdicht gemacht werden musste, blieben erhalten. Um die historischen Innenräume weitgehend zu bewahren, wurden Klimakanäle, Stromkabel, Beleuchtungsschienen und Rohre größtenteils zwischen den ursprünglichen Holzbalken der Decken integriert.

Das Treppenhaus im Nederlands Fotomuseum

Das Treppenhaus im Nederlands Fotomuseum

Der Grundriss ist offen, die Fassaden jedoch geschlossen. Das Tageslicht bleibt begrenzt, da sich die originalen Ladeluken schließen lassen. Eine durch Fernwärme regulierte Fußbodenheizung sorgt für konstante klimatische Verhältnisse. So entstehen ideale Bedingungen für die Bewahrung der über 6,5 Millionen fotografischen Objekte, darunter (Glas-)Negative, Daguerreotypien, Dias, Prints, Kontaktbögen und 16.000 historische Alben. Damit zählt die Sammlung, die auf die Initiative des Amateurfotografen Hein Wertheimer zurückgeht, zu den größten ihrer Art weltweit.

Im zweiten Stock sind hinter Glaswänden wechselnde Fotos und Objekte aus der Sammlung zu sehen. Dank klimatisierter Vitrinen kann das Museum extrem empfindliche Negative bei vier Grad Celsius präsentieren – nach eigenen Angaben eine „Premiere in der internationalen Museumswelt der Fotografie“. Im dritten Stock steht die Arbeit hinter dem Archiv im Mittelpunkt. Schaufenster erlauben Einblicke in Depots und Ateliers, in denen restauriert, konserviert oder digitalisiert wird. In der vierten und fünften Etage finden die Wechselausstellungen statt. Aktuell ist hier noch bis zum 24. Mai unter anderem „Rotterdam im Fokus“ zu sehen, eine Schau mit mehr als 300 Amateur- und Profifotos, die das Leben in der Maas-Metropole der letzten 180 Jahre porträtiert. 

Beim Deutschen Fotoinstitut sind weiterhin viele Fragen offen

Der zügige Umbau wirkt umso bemerkenswerter im Vergleich zu kulturpolitischen Prestigeprojekten hierzulande. Während in Rotterdam zwischen Ankauf und Umzug im Herbst 2025 kaum mehr als zwei Jahre lagen, wird in Nordrhein-Westfalen seit Jahren geplant, verworfen und vertagt. Ein zentraler Unterschied liegt in der Finanzierung: Das Nederlands Fotomuseum wurde maßgeblich privat getragen, während vergleichbare Vorhaben in Deutschland meist von öffentlichen Geldgebern abhängen – mit entsprechend längeren Verfahren und steigenden Kosten.

Als derzeit wohl prägnantestes Beispiel gilt das geplante Deutsche Fotoinstitut (DFI) in Düsseldorf. Der im vergangenen Sommer vorgelegte Fünf-Punkte-Plan der 2023 eingesetzten Gründungskommission unter Vorsitz von Susanne Gaensheimer skizziert ein nationales Kompetenzzentrum, das Museen, Archive und private Sammlungen bei Vor- und Nachlässen beraten soll. Neben der Sicherung und Digitalisierung fotografischer Bestände ist vorgesehen, die Forschung zum Erhalt empfindlicher Materialien für künftige Generationen systematisch auszubauen. Ergänzt wird dies durch Programme zur Aus- und Weiterbildung in Kooperation mit Hochschulen und der Fotoindustrie.

Geplant ist, das Institut mit zunächst 37 Stellen unter einer Doppelspitze als Gründungsdirektion in einem Interimsquartier an den Start zu bringen. Tatsächlich existiert ein solches Projektbüro bereits. Von einem regulären Betrieb jedoch, kann bislang keine Rede sein. Während das inhaltliche Konzept zunehmend Konturen gewinnt, bleiben zentrale Fragen offen. So ist der zuletzt favorisierte Standort am Düsseldorfer Ehrenhof weiterhin nicht gesichert, ebenso ungeklärt sind Trägerschaft und langfristige Finanzierung.

Der Zeitplan unterstreicht die Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung: Ein baureifes Projekt wird frühestens für 2028 erwartet, die Fertigstellung ist für 2031 avisiert. Dann wären mehr als zwölf Jahre vergangen, seit Bund und Land 2019 jeweils rund 40 Millionen Euro in Aussicht gestellt haben – von der Idee für ein solches Institut ganz zu schweigen, die Jahre zuvor schon auf dem Tisch lag.

Autorin: Cornelia Ganitta