- Eine seit vielen Jahren verfehlte Planungspolitik des Schulministeriums hat zu einem eklatanten Lehrermangel in NRW geführt.
- Dabei birgt der Lehrerberuf – trotz vieler Widrigkeiten – die Chance auf ein hohes Maß an Erfüllung.
- Lehrer können Menschenbildner sein, Brückenbauer zwischen Generationen und Schichten. Ein Plädoyer.
Werdet Lehrer! Immer mehr Lehrer fehlen – täglich ärgert uns diese kultusministerielle Todsünde ersten Grades. Dabei konnte man die Geburtenrate bereits sechs Jahre vor der Einschulung kennen – und die Pensionierungsquote noch früher.
Aber vielleicht war die Hoffnung ja, dank digitaler Aufrüstung könne man jede Menge Pädagogen einsparen. Zudem hat die in Nordrhein-Westfalen so verkorkst inszenierte Inklusion einige Altlehrer vorzeitig den Dienst quittieren lassen – und wohl manchen Neuinteressenten abgeschreckt.
Mal ganz davon zu schweigen, dass die wertvollen Grundschullehrkräfte noch immer zu schlecht bezahlt werden. Überhaupt: Hätte die Schulbürokratie nicht schon unter Rot-Grün einfach vehement für diesen Beruf werben müssen?
Zur Person
Unser Autor arbeitet nach langem Lehrer-leben als freier Schulentwicklungsberater. Er ist Mitbegründer der „Initiative Unterrichtsqualität“.
Ich jedenfalls kann nur dazu raten, Lehrer zu werden. Als meine Pensionierung nahte, wollte ich gar nicht mit dem Unterrichten aufhören. Aber: Was war eigentlich so reizvoll daran, mich mit jungen Menschen abzugeben?
Mit Schülern, die manchmal auf alles Lust hatten, nur nicht auf Bruchrechnung; mit Eltern, die bei schlechten Noten gleich mit dem Anwalt anrückten, von mir aber die umfangreiche Nacherziehung ihrer Sprösslinge erwarteten; mit einer Schulbehörde, die in kürzerer Zeit aus volleren Klassen mehr Abiturienten herausholen wollte.
Im Lehrerberuf steckt ein Glücksangebot
Es stimmt, Lehrer sein ist verdammt harte Arbeit. Aber auch eine wunderbare. Nein, ich meine jetzt nicht die langen Ferien – bekanntlich ist das ja nur ein gerechter Ausgleich für durchkorrigierte Abendstunden und Wochenenden. Es geht um etwas anderes: Jungen Menschen das Wurzelziehen beizubringen oder ihre Ideen beim Interpretieren von Gedichten zu fördern, das schenkt einem – ungeachtet aller Sorgen, Ungewissheiten und Mühen – eine eigentümliche Form von Erfüllung.
Anderen gerne zu helfen, das war eine Zeit lang als Helfersyndrom in Verruf geraten – aber es verschafft ganz einfach innere Befriedigung. In Zeiten, in denen Gewinn und Konsum, Bilanz und Design unsere Werteliste anführen, sei deshalb an das Glücksangebot erinnert, das zwischenmenschliche Nähe und Fürsorge beinhalten – bereits Platon sprach von pädagogischem Eros.
Aber man muss nicht nur nach innen sehen. Sind Lehrer nicht Menschenbildner – Künstler, die trotz aller Lehrpläne in recht unabhängiger Weise Lebendiges mitgestalten? Sind sie nicht Brückenbauer zwischen Generationen, Schichten und Zeiten?
Schlagen sie nicht immer wieder Verbindungen zwischen denen, die zwar schon viel wissen, aber vielleicht auch schon erstarren, und denen, die wohl offen sind, aber auch noch vieles brauchen? Jemand hat einmal gesagt, der Mensch existiere nur durch seine Werke.
Das kann natürlich heißen: eine Firma gründen, einen Bestseller schreiben oder ein eigenes Häuschen bauen. Lehrer aber prägen eben Menschen, im Laufe eines Berufslebens ziemlich viele, ihre Werke sind lebendig!
Da ist aber noch etwas: Wer einen Klassenraum betritt und Kindern etwas beibringen möchte, geht ein Wagnis ein, stellt sich dem Reiz des Lebendigen – und damit Ungewissen. Niemand kann ihm vorher sagen, wie die Schüler heute sein werden und wie er mit ihnen wohl zurechtkommen wird.
Eines der letzten Abenteuer der Wohlstandsgesellschaft
Und sollte ein Lernschritt – oder auch mal die gesamte Stunde – schiefgehen, so kann er nicht einfach vor den Kindern davonlaufen, weder für den Rest der Stunde noch endgültig. Damit immer wieder aufs Neue fertig zu werden: Ist das nicht eine verlockende Herausforderung, vielleicht sogar eines der letzten Abenteuer in der Wohlstandsgesellschaft?
Kaum ein anderer Beruf lässt einen übrigens so selbstständig sein, lässt die Frage nach dem Sinn der Arbeit so selten aufkommen! Und wo sonst fliegen einem – nicht immer, aber oft genug – Herzen förmlich zu, gerade als Lehrkraft in der Grundschule?
Jetzt müsste nur noch das Wissenschaftsministerium mehr Studienplätze für die Lehrämter liefern. Und die Uni Köln könnte vielleicht darauf verzichten, Grundschulbewerber durch allzu viel Höhere Mathematik abzuschrecken.
