Rapper Danger Dan im Gespräch„Lichterketten halten keinen Neonazi-Mob auf“

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Kein Grund für eine sorgenvolle Miene: Danger Dans Album mit Klaviermusik wird bleibenden Eindruck hinterlassen.

Danger Dan: Pandemie, Lockdown, Kontaktsperre – es herrscht Ausnahmezustand. Haben Sie deshalb ein eher melancholisches Klavieralbum aufgenommen?

Danger Dan: Es ist tatsächlich weit unromantischer. Es wurde ein Klavieralbum, weil ich schlichtweg Zeit hatte und Klavier üben konnte. In den vielen Jahren davor konnte ich mir diese Zeit nicht nehmen. Da hatte ich andere Prioritäten, die auch über die Antilopen Gang als meine Band hinausgingen: Ich traf andere Leute und brachte die Abende in Kneipen zu. Das fiel ja jetzt alles weg.

Aber es ist schon seltsam: Der Rapper einer erfolgreichen deutschen Rap-Band setzt sich im Lockdown daheim nicht etwa hin und widmet sich, nun ja, dem Rap. Sondern schreibt Songs am Klavier.

Naja, ich habe ja im vergangenen Jahr bereits zwei Rap-Alben rausgebracht mit der Antilopen Gang, war dahingehend also nicht unkreativ. Aber abgesehen davon höre ich tatsächlich kaum mehr Rap, sondern viel Skinhead- und Roots-Reggae. Motown. Und mir machen Klavierspielen und Singen einfach sehr viel Spaß. Ich bin kein klassischer Rapper. Und das zeigt nun auch dieses Album.

Das Klavier ist im Pop ein unterschätztes Instrument. Es geht ja meist um die Gitarre. Sagen Sie doch mal was zur Ehrenrettung des Klaviers.

Das Gute an einem Klavier, wenn man es mit der Gitarre vergleicht: Es brennt länger. Wenn man mal heizen muss, hat das Klavier eindeutig mehr Potenzial. Ich gebe zu: Ich habe selbst jahrelang gebraucht, um mich mit diesem Instrument anzufreunden.

Als Kind hatte ich Unterricht. Aber dann kam ich in die Pubertät – und auf einmal stand das Klavier in meinen Augen für ein klein- und spießbürgerliches Dasein und ich habe mich geweigert, Musik zu hören, in der ein Klavier vorkommt. Dafür hörte ich eben Rap. Oder Punk, wo ein Klavier ja auch eher selten Platz findet. Erst mit den Jahren fing ich dann an, mich wieder dafür zu interessieren.

Und das hat sich nun gelohnt: In dem Moment, in dem Sie den Titelsong Ihres Albums „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ mit seinen Spitzen gegen Akteure aus dem rechten Spektrum veröffentlichten, reagierten sehr viele Menschen sehr begeistert. Auch Menschen, die Sie zuvor gar nicht kannten. Inwiefern hat Sie das überrascht?

Das glaubt mir ja niemand: Aber damit habe ich wirklich überhaupt nicht gerechnet. Wir hatten nur eine kleine Plattenauflage geplant. Weil wir dachten: Das ist stilistisch nicht besonders zeitgeistig und eher für eine Nische von Hörern.

Es könnte eines der wichtigsten Lieder des Jahres werden. Und damit in den vielen Rückblicken auf 2021 rauf- und runterlaufen.

Ich kann das selbst nicht absehen. Aber ich bin sehr gespannt, was da noch passiert und hoffe auf einige mit Geld dotierte Autorenpreise. Meine Corona-Hilfe als Künstler habe ich jedenfalls noch nicht bekommen.

Nun: Die ersten beiden Auflagen der Vinylversion des Albums sind schon ausverkauft.

Ja. Und dadurch geht es unserem kleinen bandeigenen Label „Antilopen Geldwäsche“ derzeit auch ganz gut. Wieder. Das war bitter notwendig. Wir haben jetzt seit einem Jahr nur von Erspartem gelebt. Und da rettet uns diese Platte – sofern jetzt nicht doch noch ein Brief kommt und sie doch noch aufgrund mancher Texte verboten und eingestampft werden sollte – tatsächlich, salopp gesagt, den Arsch. Ohne das Album wären wir jetzt zahlungsunfähig. Stattdessen können wir uns jetzt wieder eine Kugel Eis leisten. Sogar ein Spaghetti-Eis.

Haben Sie den Songtext eigentlich im Vorfeld von Experten prüfen lassen?

Ja. Ich habe das mit meiner Anwältin besprochen, da ich ja in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hatte, dass da plötzlich durchaus Leute ankommen und einen verklagen können.

Sie sprechen auf den als antisemitischen Verschwörungstheoretiker geltenden Ken Jebsen an, der einst gegen die Antilopen Gang klagte?

Genau. Er wollte damals, glücklicherweise erfolglos, unser Lied „Beate Zschäpe hört U2“ verbieten lassen.

In dem es um den NSU sowie den in der Mitte der Gesellschaft angelangten Rechtsradikalismus geht.

Ja. Und in dem er genannt wird. Und hätte das geklappt, wäre es für uns finanziell ein Desaster gewesen. Meine Anwältin sagte mir zu »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« jedenfalls den folgenden Satz: »Dan, wenn du diese zwei, drei Wörter noch ein bisschen verdrehen würdest, dann wären unsere Karten besser.«

Könnten Sie uns diese Wörter verraten?

Nein. Tut mir leid. Ich würde auch Vieles von dem, was ich in dem Lied singe, nicht in Interviews wiederholen, da Interviews leider nicht von der Kunstfreiheit gedeckt sind.

Zur Person

Danger Dan, bürgerlich Daniel Pongratz, ist eigentlich Teil der deutschen Rap-Band Antilopen Gang. Jetzt aber hat er ein Soloalbum aufgenommen, auf dem er Klavier spielt. Und dessen erste (Titel-)Single „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ als intelligent-ironisches Statement gegen Rassismus und Rechtspopulismus für Aufsehen sorgte.

Hat sich denn schon eine der im Song angesprochenen Personen wie Jebsen, AfD-Politiker Alexander Gauland oder Rechts-Aktivist Jürgen Elsässer bei Ihnen gemeldet?

Nein. Bislang springt niemand durch den brennenden Reifen, den ich in der Manege stehend hochhalte. Aber: Wenn das tatsächlich jemand mache sollte, dann müsste dieser jemand schon eine wahnsinnige Profilneurose und zu viel Geld haben. Denn die Chancen auf Erfolg stünden sehr schlecht.

Die letzte Zeile im Lied lautet im Hinblick auf rechte Gewalt: „Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst, ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz“ Gewalt mit Gewalt bekämpfen – das ist in einer Demokratie für viele undenkbar.

Es ist ja nicht so, dass eine Demokratie keine Gewalt wäre. Im Grundgesetz steht, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Der Staat ist organisierte Gewalt, er hat das Gewaltmonopol. Und davon abgesehen: So heikel finde ich meine Aussage nicht. Notwehr oder Selbstverteidigung sind legitim, man kann sich leider nicht immer mit Licht und Liebe helfen. Den Nationalsozialismus hätte man mit pazifistischen Mitteln nicht niederringen können. Und Lichterketten sehen wirklich sehr schön aus, aber sie werden einen Neonazi-Mob nicht davon abhalten, auf Menschenjagd zu gehen.

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Ich glaube schon, dass sich so ein Lied wie meines beim Marsch durch die Institutionen nach und nach glattschleifen kann. Für den Staatsfeind Nummer eins bin ich derzeit jedenfalls ganz schön beliebt. Ich habe ja sogar ein Notenheft zum Album veröffentlicht. Ob das noch Punk ist, wage ich zu bezweifeln.

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