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Reker-PorträtDas kölsche Mädchen mit den Perlenohrringen

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Oberbürgermeister Torsten Burmester und seine Vorgängerin Henriette Reker enthüllen das Reker-Porträt für die Ahnengalerie der Kölner Oberbürgermeister.

Oberbürgermeister Torsten Burmester und seine Vorgängerin Henriette Reker enthüllen das Reker-Porträt für die Ahnengalerie der Kölner Oberbürgermeister.

Die Malerin Helena Parada Kim hat Henriette Reker für die Ahnengalerie der Kölner Oberbürgermeister verewigt. Eine Bildbetrachtung.

„Jedem seine Rolle“ steht auf einem in den Uffizien ausgestellten Schiebedeckel, hinter dem sich wohl einmal das Porträt eines Edelmanns verbarg. Das Gemälde ist verschollen, aber die mit einer Maske, Delfinen und Fabelwesen bemalte Schmuckkiste aus dem Jahr 1520 gilt heute als früher Beleg für die Erkenntnis, dass es keine wahrhaftigen Gesichter gibt. Jedes Porträt ist eine Maske, weil jeder Mensch im Leben wechselnde Rollen spielt.

Bei Henriette Reker liegt diese Unterscheidung auf der Hand. Zehn Jahre war sie Kölner Oberbürgermeisterin, ein Amt, das sie in dieser Zeit nicht nur zur am häufigsten fotografierten Frau der Stadt machte, sondern ihr auch viele öffentliche Rollen abverlangte – von der bürgernahen Kümmerin bis zur entscheidungsstarken Verwaltungschefin. Obwohl Reker stets dafür gerühmt (oder kritisiert) wurde, als Oberbürgermeisterin sie selbst geblieben zu sein, lässt sich dieses Selbst als Bild eben nicht so leicht verewigen. Wer wollte entscheiden, welche Reker auf den Tausenden Bildern die echte ist?

Die offizielle Amtskette der Stadt bleibt für das Porträt im Schrank

Von Amts wegen steht die Antwort auf diese Frage seit Dienstagabend fest: Bei einem Festakt im Historischen Rathaus wurde das offizielle Reker-Porträt für die Ahnengalerie der Oberbürgermeister enthüllt. Das Ölgemälde stammt von der Künstlerin Helena Parada Kim und zeigt das erste weibliche Kölner Stadtoberhaupt ab den Knien aufwärts in Lebensgröße – über ihrem Kopf bleibt hingegen Luft für Ideen. Wie ihre Amtsvorgänger Fritz Schramma und Jürgen Roters hat sich Reker in Zivil ohne Amtskette oder andere Insignien verliehener Macht abbilden lassen. Zudem verzichtete sie anders als diese darauf, im Bühnenbild des Historischen Rathauses zu posieren. Stattdessen steht sie vor einem quer und vertikal schraffierten, wie mit einem dicken Pinsel gezogenen, zum unteren Bildrand hin verblassenden mattgrünen Hintergrund.

Nichts lenkt von den beiden Hauptmotiven ab: Rekers Gesicht und das Tangzhuang-Gewand der Kölner Oberbürgermeisterin, einer chinesischen Jacke mit Mandarin-Stehkragen und Knotenverschlüssen, die fachsprachlich als „Froschknöpfe“ firmieren. Das langjährige Stadtoberhaupt schaut uns, den Körper leicht seitlich gestellt, mit offenem Blick und unverwandtem Lächeln an; die Fältchen um die Augen hat die Malerin mit feinem Strich zur Geltung gebracht. Das Gleiche lässt sich für die beiden Perlenohrringe sagen, die man für Vermeer-Zitate halten könnte, hätte man sie nicht ganz ähnlich schon bei einigen Anlässen an Rekers Ohrläppchen gesehen. Allerdings leiden die gemalten Perlen wohl an Riesenwuchs.

Henriette Reker steht im grünen Mantel vor einem grünen Hintergrund.

Das offizielle Porträt von Henriette Reker für die Ahnengalerie der Kölner Stadthäupter

Beim Festakt stellte Torsten Burmester, Rekers Amtsnachfolger, Helena Parada Kim als Kölner Malerin vor, die „für eine zeitgenössische Porträtauffassung“ stehe und „für geradezu altmeisterliche Großformate“ bekannt sei, „die immer auch die Frage nach Identität aufwerfen“. Ihr Reker-Porträt wirft nun tatsächlich die Frage auf, warum sich die einstige Oberbürgermeisterin als Amtsfrau im chinesischen Ornat abbilden lässt.

Der grasgrüne Mantel ist mit Blumen, Blättern und Blüten in gedeckten Farben geschmückt, unter denen vor allem die weißen, fadenförmigen Chrysanthemen ins Auge fallen. Sie stehen je nach Kulturkreis für Trauer und Liebe oder für Langlebigkeit, Glück und Perfektion. Offenbar ist es ein Kleidungsstück aus Rekers privatem Fundus. Einen ähnlichen (wenn nicht identischen) Mantel trug sie im Jahr 2016 beim offiziellen Empfang von Liu Yandong, der zweiten Vizeministerpräsidentin der Volksrepublik China – damals von der Amtskette gekrönt.

Im chinesischen Gewand steht Reker für die kulturelle Vielfalt Kölns

Sicherlich ist das Blumenkleid nicht als Abschiedsgeste an die chinesischen Partnerstädte gemeint. Vielleicht deutet sie auf eine private Vorliebe Rekers für den asiatischen Kulturkreis hin oder darauf, dass es für die Rollenwechsel einer Oberbürgermeisterin auch eine entsprechende Garderobe braucht. Offenkundig spielt in die Kleiderwahl aber auch eine Neigung der Malerin hinein. Parada Kim zelebriert ihr altmeisterliches Können gerne an Stoffen und Gewändern, die sie meist vor planen Flächen zeigt; mitunter stecken in Stoff auch geisterhafte Menschen. In einen Geist hat sie Reker aber gerade nicht verwandelt. Vielmehr führt sie uns mit ihrem Bild die Illusion vor, in der langen Zwiesprache zwischen Malerin und Gegenstand entstehe eine tiefere Wahrheit, als sie dem eilig zuschnappenden Fotoapparat gegeben ist.

Im chinesischen Gewand steht Henriette Reker auch für die (auch von ihr) oft beschworene und täglich erlebbare kulturelle Vielfalt Kölns. Zwar könnte man das dem „kölschen Mädchen“ Reker als kulturelle Aneignung (oder modische Oberflächlichkeit) auslegen. Aber ihre Porträtistin, Tochter spanisch-koreanischer Eltern, plädiert bei solchen umkämpften Fragen von Herkunft und Identität für Entspannungspolitik. Für sie ist jede Form von Kunst eine Form unlauterer Aneignung (von Vorbildern, Traditionen und Eindrücken). Exakte Grenzen zu ziehen, ist in der Kunst schlichtweg unmöglich. Sie malt mit Vorliebe „Unkraut“ wie Teichrosen, Rhododendron, roten Mangold oder Pestwurz, aber das mit einer Kunstfertigkeit, die spanische oder flämische Barockmeister zu ihrer Zeit für bedeutendere Gegenstände zu reservieren pflegten.

Auf Rekers Blumenmantel dürfte sich die Malerin daher wie zu Hause gefühlt haben – und eine Ahnung davon, dass Kunst eine universelle Heimat sein kann, vermittelt sie auch auf ihrem Reker-Porträt. Die „zeitgenössische Porträtauffassung“ entdeckt man dort allerdings vor allem am unteren Mantelsaum. Dort wird der Hintergrund zum Vordergrund und legt sich wie Kleister über das zarte Grün.