Abo

Videokünstler Phil CollinsDie Hauptrolle im eigenen Leben

3 min

Die Ausstellung von Collins «In every dream home a heartache» ist bis zum 21. Juli 2013 im Museum Ludwig zu sehen.

Er ließ schon junge Palästinenser in Ramallah acht Stunden lang vor seiner Videokamera zur westlichen Disco-Musik tanzen. Ehemalige Marxismus-Leninismus-Lehrer aus Osteuropa unterzog er einem Aktualisierungstest ihres linientreuen Lebensentwurfs, indem er sie in die Hörsäle heutiger BWL-Studenten schickte. Eine Reise auf den Balkan nutzte der Hobby-Ethnologe dazu, Kosovo-Albaner auf Serbisch erklären zu lassen, warum sie die Sprache eigentlich nicht sprechen möchten. Auch wenn die Machart dieser Inszenierungen dokumentarisch wirkt, sind die Eingriffe unübersehbar, zumal ihr gewitzter Initiator sein politisches Engagement stets mit einem subtil verspielten Plot verbindet.

Phil Collins, 1970 in der Nähe von Liverpool geboren und nein, nicht mit dem gleichnamigen Pop-star verwandt, geht es nicht etwa um Exzentrik, auch wenn er weder Kreditkarte noch ein Handy besitzt - sondern um die befreiende Kraft des Unvorhersehbaren, die seine aufs Mitmachen setzenden Projekte stets auszeichnet. Die gecasteten Protagonisten melden sich auf Zeitungsannoncen, nur um anschließend die Hauptrolle in ihrem eigenen Leben zu übernehmen. Das Paradoxon hindert Collins nicht daran, pointierte Geschichten zu erzählen und auf eine kryptisch intellektuelle Überhöhung seines Ansatzes zu verzichten.

Nach einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes blieb der Brite 2008 in Berlin hängen. Zwei Jahre zuvor war er neben Tomma Abts für den Turner Prize nominiert. Beide sind am Rhein inzwischen zu akademischen Ehren gekommen. Während Abts an der Düsseldorfer Kunstakademie unterrichtet, übernahm Collins 2011 die Professur für Videokunst an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM).

Seine erste Ausstellung im Museum Ludwig gibt sich betont antimuseal. "In every dream home a heartache" steht in Großbuchstaben auf dem knallgelben Flyer. Der leicht verrätselte Titel ist Programm, schließlich geht es auch diesmal um Gemeinschaften, die entweder einen kuriosen Zugang zur Realität pflegen oder sich zumindest am Rande der Gesellschaft bewegen.

Erfahrung zu verkaufen

Wer sich schon immer in einem Wohnwagen trashige Fernsehformate zu Gemüte führen wollte, hat jetzt im höchstgelegenen Raum des Traumhauses die Gelegenheit dazu. In den auf runden Podesten platzierten Vehikeln läuft in Endlosschleife eine von Collins' Firma Shady Lane Productions hergestellte Teleshopping-Sendung. Zu verkaufen gibt es keine Heizkissen, sondern scheinbar echte Erfahrungen.

Auch das an die Ästhetik des Musikvideos angelehnte Porträt antifaschistischer Skinheads in Malaysia sollte man sich - möglichst in der Horizontalen - nicht entgehen lassen. Aus der Perspektive des weichen Gummibodens entwickelt "The Meaning Of Style" einen betörenden Sog, wenn glatzköpfige Jungs in einem Kino ihren Doppelgängern auf der Leinwand dabei zuschauen, wie diese Schmetterlinge beobachten und auf dem Boden liegend zur elegischen Musik Karten spielen.

Pop, der für einen kurzen Moment die Verhältnisse auf den Kopf stellt, begegnet man auch in Collins' neuester, eigens für die Kölner Ausstellung entstandenen Arbeit. Für sie überredete Collins Obdachlose der Überlebensstation Gulliver dazu, eine kostenlose Telefonzelle für private Gespräche zu nutzen.

Ihre mitunter dramatischen Anrufe schnitt er mit und schickte sie anonymisiert an Musiker, die ausgewählte Dialoge in eigens dafür komponierten Songs collagieren. Auf Schallplatte gepresst müssen die Stücke eigenhändig auf einem Plattenspieler zu Gehör gebracht werden - eine seltene Geste des zur Aktivität aufgerufenen Besuchers, der dem Nachdenken über die prekäre Situation der Sprechenden nicht mehr auszuweichen vermag. Das alles ergibt teilnehmende Kunst vom Besten.

Phil Collins - Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, Köln, Di.-So. 10-18 Uhr, bis 21. Juli.