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Vision für den Deutzer HafenEin Interim als Leuchtfeuer

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Blick auf den Deutzer Hafen in Richtung Dom. Rechts das neue Kulturhaus.

Visualisierungen mögliches Kulturzentrum im Deutzer Hafen

Ein neues Kulturzentrum im Deutzer Hafen könnte eine Heimat für Philharmonie und Museum Ludwig während der Sanierung sein – und danach Anziehungspunkt bleiben.

Ein strahlendes neues Opernhaus direkt am Rhein – vor rund 20 Jahren, als man noch optimistisch über die Zukunft der Kölner Oper diskutierte, galt auch das als eine mögliche Variante. Doch bekanntlich kam es anders. Und so eröffnet in diesem September nach stolzen 14 Jahren Sanierung die Oper tatsächlich wieder am alten Standort, im Riphahn-Bau in der linksrheinischen Innenstadt.

Doch das rechte Ufer des Rheins als Kulturstandort hat seinen Zauber seitdem nicht verloren – das zeigt aktuell eine spannende Vision für den Deutzer Hafen, dessen Umwandlung in ein attraktives Büro- und Wohnquartier gerade intensiv geplant wird.

Und genau für diesen Standort, direkt neben der historischen Drehbrücke und benachbart zur denkmalgeschützten Aurora-Mühle, hat das renommierte und weltweit tätige Kopenhagener Architekturbüro 3XN einen Entwurf für ein Kulturhaus geschaffen, der dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ exklusiv vorliegt. Und der auf den ersten Blick begeistert: Weil er zum einen das neue Stadtviertel architektonisch wie inhaltlich bereichern würde, weil er zum anderen das Rechtsrheinische, traditionell das Stiefkind der Kölner Stadtplanung, erheblich aufwerten würde.

Bedeutungsverlust droht

Vor allem aber könnte ein solches Haus ein zentrales Problem beheben – und zwar eines, das die Stadt noch gar nicht richtig wahrhaben mag: Museum Ludwig und Philharmonie, vor 40 Jahren direkt am Dom eröffnet, stehen ebenfalls vor einer tiefgreifenden Sanierung – beide Häuser könnten im Deutzer Hafen ein hochattraktives Interimsquartier finden und so dem Schicksal einer jahrelangen Schließung entgehen, an dessen Ende ein Bedeutungsverlust droht, weil sie aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwinden. Zu besichtigen etwa beim Römisch-Germanischen Museum (bis auf ein Mini-Interim geschlossen seit 2019) oder dem Kölnischen Stadtmuseum (zu seit 2017, kleines Ausweich-Interim), selbst das Wallraf-Richartz-Museum, ein Haus von internationaler Ausstrahlung, macht im August dieses Jahres wegen Sanierung komplett dicht – Dauer ungewiss, auch wenn man bislang optimistisch von nur 18 Monaten Schließzeit spricht. Ein Interim ist hier gar nicht erst vorgesehen.

Das ist die triste Realität in Köln – und genau dagegen wollen die Initiatoren ihr Kulturhaus im Deutzer Hafen setzen. Ein neues „Leuchtfeuer für die Stadtgesellschaft“ soll es sein, das jedenfalls ist die Vision einer Gruppe von Architekten und Stadtentwicklern. Gemeinsam haben sie eine Kombination aus Konzertsaal, Museum und Kunstsammlung entwickelt, die als temporäres Ausweichquartier sowohl für das Museum Ludwig als auch für die Philharmonie dienen könnte. Und das an einem der aufregendsten Orte, die Köln dereinst zu bieten hat: Auf dem Filetgrundstück im Deutzer Hafen, der nächsten großen Aktionsfläche zukunftsgewandter Stadtentwicklung.

Die Vision glänzt zunächst einmal auffällig silbern: Der erste Entwurf von 3XN Architekten zeigt einen in drei unterschiedlich große Blöcke gegliederten und mit gewölbten Fassaden versehenen Baukörper, der das erste Baufeld des Deutzer Hafens besetzen und damit zwischen Drehbrücke und Aurora-Mühle einen spannenden Impuls setzen könnte.

Kölns kulturelles Selbstbewusstsein ist noch spürbar, aber es ist schwächer geworden
Ron Haßler, Projektentwickler

Unter einem gemeinsamen, mehrfach gefalteten Dach würde eine multifunktionale Konzerthalle Platz für rund 750 Besucherinnen und Besucher bieten (also deutlich weniger als die rund 2000 Plätze in der Philharmonie), die mit allen Nebenflächen rund 6200 Quadratmeter beanspruchen würde. Etwas kleiner fiele der Platz für die Museumsfläche aus, hier sind rund 6100 Quadratmeter vorgesehen. Zur Einordnung: Das Museum Ludwig bietet am Dom rund 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Der dritte und kleinste Teil des Hauses könnte als temporäre Ausstellungsfläche genutzt werden, etwa im Umfeld der Art Cologne. Oder auch von privaten Kunstsammlern, von denen es in Köln ja einige gibt. Hier stünden 4700 Quadratmeter Fläche zur Verfügung.

„Köln war einmal eine der prägenden Kunststädte Europas – mit der Art Cologne, vielen international beachteten Galerien und einer Szene, die weit über die Stadt hinausgewirkt hat“, sagt der Projektentwickler Ron Haßler, einer der Initiatoren der Neubau-Idee. „Dieses kulturelle Selbstbewusstsein ist noch spürbar, aber es ist schwächer geworden und droht in Vergessenheit zu geraten.“ Das soll sich mit dem neuen Kulturzentrum ändern, das – so die Vorstellung der Initiatoren – zunächst für die Dauer der Sanierung als Interim für Philharmonie und Museum Ludwig dienen und anschließend als eigenständiger Kultur- und Veranstaltungsmagnet im Rechtsrheinischen betrieben werden soll. Und das spartenübergreifend, Jazz oder Tanz wären hier ebenfalls denkbar. Zumindest der Museumsteil gäbe der Stadt zudem die Gelegenheit, auch nach der Sanierung des Stammhauses ihre vertraglichen Verpflichtungen einzuhalten: 1994 hatte man dem Sammler Peter Ludwig zugesagt, als Gegenleistung für weitere Schenkungen für das Museum Ludwig eine dauerhafte Ausstellung auch im Rechtsrheinischen zu zeigen – nach dem Niedergang der einstigen Halle Kalk wurde das Versprechen jedoch nicht mehr eingelöst.

Drei unterschiedliche Nutzungen also, die zusammengehalten werden von einer Klammer, nämlich dem gemeinsam genutzten Untergeschoss, das sich als öffentlicher Raum versteht und somit höchst niederschwellig zugänglich und erlebbar sein soll. Hier wäre etwa Raum für Restaurants, für einen Museumsshop, für andere Begegnungsflächen. Das Haus öffnet sich also nach außen, und wie: Die ersten Pläne sehen – ähnlich wie beim Rheinboulevard weiter nördlich – eine opulente Stufenanlage vor, die vom Haus hinunter zum Hafenbecken führt. Dieser Treppe vorgelagert könnte gar ein Rhein-Schwimmbad entstehen, sollte diese Vision einmal Wirklichkeit werden.

Kein finaler Entwurf

Die genaue äußere Form steht noch nicht fest, der Entwurf ist also bisher nur ein Platzhalter für vertiefende Planungen. „Die vorliegenden Pläne zeigen eine sehr konkrete konzeptionelle und architektonische Richtung, die wir gemeinsam mit 3XN Architekten entwickelt haben“, sagt Ron Haßler. „Sie sind jedoch bewusst noch kein finaler Ausführungsentwurf. Für uns sind vor allem die grundlegenden Prinzipien entscheidend: die Offenheit des Hauses, die enge Verzahnung von Innen- und Außenraum und die multifunktionale Nutzbarkeit.“

Doch weit vor den endgültigen Entscheidungen über die Architektur stehen natürlich jede Menge Fragen. Vor allem zwei: Hat ein solches Projekt überhaupt eine Chance? Und wer soll das bezahlen? Darauf allerdings hat das Projekt noch keine Antworten, es versteht sich vielmehr als Anstoß zur grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft der Kulturstadt Köln. In der viel zu lange Jahre fast ausschließlich über unausweichliche Schließungen, langwierige und unendlich teure Sanierungen – die Oper ist da nur die Spitze des Eisbergs – geredet wurde. Dass Ende 2025 eine defekte Notstromanlage den Betrieb von Museum Ludwig und Philharmonie spontan für drei lange Tage lahmlegte und damit rund 100.000 Euro an Einnahmeausfällen bescherte, erhöht den Druck allerdings. Denn fest steht: Die Sanierung ist unausweichlich, nur der Zeitpunkt ist noch unklar.

Offen ist neben der Finanzierung aber auch, wer ein solches Haus überhaupt bauen soll. Mit der Stadt als Bauherr sind die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte ziemlich unrühmlich, egal, ob bei Museen, Schulen oder Brücken. Und wie schnell ließe sich ein solcher Bau verwirklichen, selbst wenn alle anderen Fragen geklärt sind? „Wenn Genehmigungen, Finanzierung und ein Betreiberkonzept vorliegen, kann das Projekt zügig realisiert werden“, sagt Ron Haßler. „Aus heutiger Sicht erscheint ein Zeitraum von rund drei Jahren bis zur Fertigstellung realistisch.“

Ein Kulturhaus würde die bereits heute sehr lebendige Szene auf der rechten Rheinseite bereichern
Andreas Feicht, Chef der Stadtwerke Köln

Zusammengefasst lässt sich sagen: Noch sind das alles nicht mehr als Gedankenspiele. Allerdings ist das Projekt in kleinen Runden der Politik, der Kultur und der Verwaltung bereits diskret vorgestellt worden – die Resonanz, so ist zu hören, ist dabei grundsätzlich sehr positiv. Einer der Eingeweihten äußert sich so: „Ein Kulturhaus würde die bereits heute sehr lebendige Szene auf der rechten Rheinseite bereichern und für die ganze Stadt einen Anziehungspunkt im neuen Veedel bieten,“ sagte Andreas Feicht, Chef der Rhein-Energie und der Stadtwerke, und damit auch verantwortlich für die Stadttochter „Modernes Köln“, die den Deutzer Hafen entwickelt und vermarktet, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Auf dem ehemaligen Industrieareal im Deutzer Hafen entsteht ein Quartier, das urbanes Leben, Austausch und Kreativität ideal miteinander verbindet.“

Die bisherigen Planungen für die Umwidmung in ein neues Stadtquartier sehen zwar eine Mischnutzung aus Wohnen, Büro und Gewerbe vor. Ein Anziehungspunkt, der unabhängig davon Menschen in großer Zahl ins neue Viertel lockt, fehlt bisher aber. „Aus unserer Sicht wäre es schade, wenn gerade der Auftakt des Hafens eine nichtöffentliche Nutzung erfährt“, so Ron Haßler. Wie wichtig ein solcher Magnet ist, zeigt sich direkt gegenüber im Rheinauhafen: Nur an der Nordspitze des Hafens gibt es mit dem Schokoladenmuseum einen solchen Fixpunkt. Weiter südlich werden regelmäßig Klagen laut, es sei zu wenig Leben im Quartier.

Sein Anspruch sei es, einen Ort mit hohem öffentlichem Nutzen zu schaffen, ohne die Stadt mit unkalkulierbaren Verpflichtungen zu belasten, sagt Projektentwickler Haßler. „Das Haus versteht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Häusern, sondern als Plattform, die Kooperationen ermöglicht und zusätzliche Räume schafft.“ Das alles sei nicht mehr als eine Einladung – „an die Stadt, an die Kulturszene und an alle, die Köln weiterdenken wollen.“


Münchens erfolgreiches Provisorium

Als im Oktober 2021 die „Isarphilharmonie“ in München-Sendling ihre Türen öffnete, waren die Erwartungen verhalten. Ein Interimsbau für die Zeit Sanierung des Kulturzentrums Gasteig am Rosenheimer Platz – mehr sollte es zunächst nicht sein. Doch was als temporäre Notlösung begann, hat sich zu einem der bemerkenswertesten Konzertsäle der Stadt entwickelt. Das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner zeichnete für den Entwurf des Modulbaus verantwortlich, die akustische Gestaltung übernahm der weltbekannte Akustiker Yasuhisa Toyota. Toyota setzte dabei auf das sogenannte Schachtelprinzip – ein Saal im Saal also. Das Ergebnis überzeugte auf ganzer Linie.

Schon bei der Akustikprobe vor der Eröffnung zeigten sich Architekten, Musiker und Dirigenten einhellig begeistert. Heute gilt die Isarphilharmonie als Haus mit der wahrscheinlich besten Akustik aller Münchner Konzertsäle. Der Sender BR-Klassik schwärmte gar von einem echten „Klangzauber“. Rund 1800 Gäste finden Platz im Saal des temporären Baus – und das Publikum hat die Isarphilharmonie jedenfalls längst ins Herz geschlossen. Was als pragmatische Übergangslösung geplant war, wird heute als eigenständige kulturelle Institution wahrgenommen, die die Gasteig-Sanierung überdauern könnte.


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