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Leserbriefe zur Hand-vor-Mund-Geste:
Deutschland als Moral-Weltmeister?

Die deutschen Fußball-Nationalspieler David Raum, Manuel Neuer,Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Jamal Musiala halten sich mit der jeweils rechten Hand den Mund zu. Das Foto zeigt einen Ausschnitt der gesamten Mannschaft vor dem WM-Vorrundenspiel gegen Japan.

Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft halten beim Mannschaftsfoto vor dem WM-Vorrundenspiel gegen Japan die rechte Hand vor ihren Mund.

Die Protest-Geste der deutschen Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Japan hat eine Diskussion über Bekenntnisse und Haltungen, auch außerhalb des Sports, entfacht. Leser sehen Haltungsbezeugungen kritisch.

Große Ge­ste, schwa­che Leis­tung: Der WM-Auf­­tritt der Na­tio­nalelf ist ein Sinn­bild für den Zu­stand un­se­rer Ge­sell­schaft – Kommentar von Carsten Fiedler (26.11.)

WM: Haltung wichtiger als Erfolg?

Ein großes Dankeschön für den Kommentar „Große Geste, schwache Leistung“. Ja, die Nationalmannschaft ist ein getreues Spiegelbild unserer Gesellschaft, genau wie Frau Baerbock, die es zur beliebtesten deutschen Politikerin gebracht hat, indem sie mit ihren unerbetenen Belehrungen in aller Welt mehr Porzellan zerschlägt, als Robert Habeck auf seinen Bittstellertouren je wieder zusammenkitten kann.

Und diese Einstellung wird nirgends so penetrant zelebriert wie bei uns in Köln. Hier sagt uns nicht nur Frau Reker, sondern jede Humtata-Band und jede forsche Kabarettistin, wo wir zu stehen haben in allen gesellschaftlichen Fragen und dass für Menschen, die eventuell anderer Meinung sind, in dieser Stadt kein Platz ist. Haltung zeigen und Stellung beziehen, das reicht zum Regieren heute und so will es ja auch die Mehrheit. Dass vor lauter Haltungsbezeugungen die Leistungen leiden, das müssen wir dafür wohl in Kauf nehmen. Karl Schulte Köln

„Gesten können Wegbereiter von Veränderungen sein“

Ich bin anderer Meinung als Sie, Herr Fiedler. Gesten sind ausgesprochen wichtig und können der Wegbereiter für Veränderungen sein. Viele große Revolutionen der Vergangenheit begannen mit kleinen Gesten. Vielleicht ist die kleine Geste der Nationalmannschaft ein erster Schritt zu einem Machtwechsel bei der Fifa. Georg Pünder Erftstadt

Deutschland als selbst ernannter Moral-Weltmeister

Völlig d’accord mit dem Leitartikel des Chefredakteurs. Er trifft – trotz notwendiger pauschaler Verdichtung – pointiert einen in der deutschen Gesellschaft und Politik vorfindbaren Grundzug. In der Tat sehen wir mittlerweile allenthalben eine Kultur eilfertiger Empörung, hochmoralisch aufgeladener Bekenntnisse und ideologischer, teils spaltender gesellschaftlicher Debatten.

Jederzeit verfügbare und zur Schau gestellte Gesinnungsethik ist eine billige Münze, sie kostet fast nichts, verschafft ein gutes Gewissen. An konsequentem praktischem Tun, stringenter pragmatischer Lösungsorientierung, an einer Ethik verantwortlichen und mutigen Handelns mangelt es dagegen vielfach. Aber gut, wenn es schon nicht zur Weltmeisterschaft im korrumpierten, gnadenlos kommerzialisierten Fußball reicht: Deutschland mag immerhin – selbst ernannter – Moral-Weltmeister sein. Roland Schweizer Leverkusen

WM: Schlecht spielen, aber richtige Haltung? 

Danke für diesen Kommentar! Damit fing mein Tag gut an. Der Blick in der Schweiz sieht die Hand auf dem Mund sinnbildlich für die Situation in Deutschland: Besser Klappe halten, als in den Verdacht zu geraten, nicht für die beste aller Haltungen zu stehen. Ich gehe noch weiter: Es geht in Deutschland ums Schönreden.

In NRW haben wir ein Bildungsdesaster! Unterricht fällt aus, Schulen sind baulich in desolatem Zustand, aber wir jubeln darüber, dass Schüler in Aufsätzen gendern und nun Toiletten für das dritte Geschlecht da sind. Die miefigen Schultoiletten an sich – egal, Hauptsache richtige Haltung! Alles wird schöngeredet, Realitätsverkennung staatlich gefördert.

Eine Mannschaft kann Weltmeister werden und dann so ein Zeichen setzen. Schlecht spielen und richtige Haltung? Nein, danke. Die Aufnahme von drei Millionen Flüchtlingen, ohne qualitativ hochwertige Deutschkurse obligatorisch zu machen – Folgen dieses Desasters erlebe ich als Arzt jeden Tag. Schönrederei ist die Pflicht des Bürgers. Heute gut fühlen, später andere dafür bezahlen lassen. Dr. Till O. Seidler Odenthal

WM: Anpassung ans Gastland sinnvoll

Der DFB hat sich mit seiner Kapitänsbinde blamiert. Dann noch die dumme Idee, dass sich die Spieler den Mund zuhielten. Von solchen Aktionen haben die Menschen in Katar nichts. Wir wollen, dass sich Gäste in Deutschland an unsere Kultur anpassen und benehmen. Da ist es recht und billig, dass wir uns im Gastland Katar auch wie Gäste benehmen. Sonst klappt der ganze Umgang miteinander nicht. Wenn ich in die Türkei fahre, muss ich mich der Landeskultur anpassen, was ich umgekehrt auch erwarte. Wir sollten uns nicht immer als die Guten bezeichnen. Benehmen ist keine Glückssache. Dieter Kopf Köln

Konzentration aufs Wesentliche – Alles andere wäre zu viel verlangt

Wer einmal selbst leidenschaftlicher Sportler gewesen ist, weiß, dass es das Spiel auf höchstem Niveau ist, was den Sportler reizt. Es ist absolut legitim, diese WM politisch zu bewerten, zu boykottieren oder auch zu ignorieren. Aber von den Spielern einerseits zu verlangen, sich auf Siege zu konzentrieren, sich aber andererseits bei einer Weltmeisterschaft mit politischen Gesten hervorzutun, die ihnen die Teilnahme am Spiel versagen könnten, ist ein wenig zu viel verlangt.

Ich würde mich freuen, wenn die Medien nicht jedes Thema emotionalisieren würden. Früher hat man mit Ländern, deren Systeme man nicht in Ordnung fand, einfach keinen Handel betrieben. Daher wäre es vom DFB konsequent gewesen, an dieser WM nicht teilzunehmen. Das ist eine politische Entscheidung. Wenn man sich aber entscheidet, teilzunehmen, dann kann man den Spielern nicht vorwerfen, dass sie spielen möchten. Dafür trainieren sie hart und freuen sich auf ein nur alle vier Jahre stattfindendes Turnier. Alexander Hümmerich Köln

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