Corona-Mythen und Vorbereitung auf Tag XBild des Täters nach Explosion in Ratingen wird deutlicher

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Hochhaus in Ratingen am 11. Mai: Das SEK durchsucht die Wohnung des 57-Jährigen, der die Explosion herbeigeführt haben soll.

Hochhaus in Ratingen am 11. Mai: Das SEK durchsucht die Wohnung des 57-Jährigen, der die Explosion herbeigeführt haben soll.

Verschwörungspamphlete, gehortete Vorräte, keine kriminelle Vorgeschichte: Was man über den Angreifer von Ratingen weiß.

Der Tatverdächtige von Ratingen, Thomas P. (Name geändert), verglich den Corona-Impfstoff mit dem Teufel. Staat, Behörden oder die Kirche lehnte der frühere Handwerker nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ ab. Stattdessen hing er offenbar wirren Verschwörungstheorien aus der Querdenkerszene an, die er schriftlich festhielt.

In der Wohnung seiner Mutter in Ratingen hortete der Sohn Nudeln, Wasserkästen, Konserven in großer Menge – offenbar bereitete sich der 57-jährige gelernte Maler und Lackierer auf den Tag X vor. Weltuntergang.

Als Polizei, Rettungssanitäter und Feuerwehrleuten am vergangenen Donnerstagmorgen an der Wohnungstür im Laubengang zur Wohnung der Mutter klingelten, nahm ein furchtbares Attentat seinen Lauf. Da niemand öffnete, brach die Polizei die Tür auf. Dahinter sollten Wasserkästen den Zugang erschweren.

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Explosion in Ratingen: Die Beamten stießen auf einen verwahrlosten Mann

Ein 29-jähriger Beamter und seine 25-jährige Kollegin stießen auf einen verwahrlost wirkenden Mann. Was dann geschah, ist zum Teil noch immer unklar. Fakt ist nach Ermittlerangaben, dass der Polizist angesichts der diffusen Lage seine Dienstwaffe zog und sein Gegenüber aufforderte, sich hinzulegen. P. reagierte nicht. Vielmehr soll er ein Bündel mit einem Benzingemisch angezündet und den Beamten entgegengeworfen haben. Durch den Luftzug von draußen entwickelte sich ein Feuerball, der eine verheerende Wirkung entfaltete. Die Flammen übertrugen sich offenbar auf neun der vorderen Einsatzkräfte.

Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht am 11. Mai am Tatort in Ratingen zur Presse. Er drückte sein Unverständnis, Wut und Mitgefühl aus.

Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht am 11. Mai am Tatort in Ratingen zur Presse. Er drückte sein Unverständnis, Wut und Mitgefühl aus.

Wie brennende Fackeln stürzten die beiden Polizisten das Treppenhaus hinunter. Lebensgefährlich verletzt verlor der 29-jährige Beamte seine Pistole in der Wohnung. So entstand die Gefahr, dass der Angreifer auch über eine Schusswaffe verfügte. Ein Spezialeinsatzkommando setzte den Mann schließlich fest und sicherte die Pistole, die immer noch auf dem Boden lag. Gegen P. erging Haftbefehl wegen versuchten Mordes in neun Fällen.

Zwei Polizeibeamte weiterhin in Lebensgefahr nach Explosion in Ratingen

Derzeit schweben die Polizistin und ihr Kollege immer noch in Lebensgefahr, sieben weitere liegen auf der Intensivstation. Welche Brandbeschleuniger der Tatverdächtige benutzte, wird noch untersucht. Eine Explosion schließen die Ermittler aus.

Feuerwehrfahrzeuge vor dem Ratinger Hochhaus, in dem es am 11. Mai zu einer Explosion gekommen ist, die ein 57-Jähriger herbeigeführt haben soll.

Feuerwehrfahrzeuge vor dem Ratinger Hochhaus, in dem es am 11. Mai zu einer Explosion gekommen ist, die ein 57-Jähriger herbeigeführt haben soll.

Den Ermittlungen zufolge stießen die Rettungskräfte auf eine verweste Frauenleiche im Rollstuhl. Eine DNA-Analyse soll bestätigen, dass es sich um die Mutter des Angreifers handelt.

Unklar bleibt demnach das Motiv. Wurden die Einsatzkräfte bewusst in eine Falle gelockt? Und welche Rolle spielte das Verschwörungs-Gedankengut bei der Brandattacke?

Tätverdächtiger von Ratingen: 666 auf Instagram-Account

Wie diese Zeitung erfuhr, fanden sich im Wagen des Tatverdächtigen Flyer einer Anti-Corona-Organisation. In der Wohnung stießen die Strafverfolger auf etliche handschriftliche Verschwörungspamphlete. Auch werten die Ermittler demnach derzeit Posts in den sozialen Medien aus.

So existiert auf Instagram ein Account unter P.s Namen. Das Profilbild zeigt eine Rechnungssumme. Untereinander stehen die Jahreszahlen 2021, 2022 und 2023, verbunden durch ein Plus. Das Ergebnis ergibt (mathematisch nicht korrekt) „666“. Im Hintergrund schemenhaft zu sehen sind ein dunkles Gruselschloss und ein Sensenmann. In der okkulten Szene steht das Kürzel für den Antichrist, in der Heavy-Metal-Szene gilt die Zahl als Zeichen des Weltuntergangs. Hinweise auf Kontakte in die Reichsbürgerszene haben die Strafverfolger eigenen Angaben zufolge bisher nicht entdeckt.

Die Staatsanwaltschaft hat einen forensischen Psychiater damit beauftragt, den Beschuldigten auf seinen Geisteszustand zu begutachten. Allerdings scheint noch nicht klar zu sein, ob dieser sich befragen lässt. Rechtlich gesehen kann er sich der so genannten Exploration verweigern. Sein Verteidiger wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Das Strafregister von P. ist dem Vernehmen nach überschaubar. Drei Einträge wegen einfacher Körperverletzung sind aktenkundig. Zwei Strafbefehle wegen Geldbußen ergingen. Allerweltsfälle. Bei Schwerverbrechern tauchen im Polizeicomputer meist Warnhinweise auf: „Vorsicht gewalttätig!“ oder „Vorsicht bewaffnet!“ P. war ein unbescholtenes Blatt.

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