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Hits vor 70 JahrenErinnern Sie sich noch an die 11 größten Hits des Jahres 1956?

9 min
Caterina Valente und Peter Alexander singen zusammen.

Caterina Valente und Peter Alexander hatten gleich mehrere große Hits im Jahr 1956 – alleine und zusammen. (Archivbild)

Von Peter Alexander bis Elvis Presley: Diese elf Lieder liefen vor 70 Jahren in Deutschland rauf und runter. Kennen Sie sie alle?

Das Jahr 1956 markiert einen faszinierenden Wendepunkt in der deutschen Musikgeschichte, an dem zwei Welten mit voller Wucht aufeinanderprallten. In den offiziellen Verkaufscharts spiegelte sich noch die tiefe Sehnsucht nach Harmonie und fernen Ländern wider: Schlagergrößen wie Freddy Quinn, Caterina Valente oder Margot Eskens lieferten den Soundtrack zum deutschen Wirtschaftswunder und einer Gesellschaft, die nach den harten Nachkriegsjahren dringend Ruhe und Romantik suchte.

Doch wer damals am Radioknopf drehte und Sender wie AFN oder BFBS empfing, hörte bereits das Donnern einer neuen Ära. Während in den heimischen Wohnzimmern noch von der „Südlichen Nacht“ geträumt wurde, eroberten Elvis Presley und der Rock & Roll die Herzen der Jugend. Um diesem besonderen Spannungsfeld gerecht zu werden, haben wir uns für einen Mix entschieden: Wir blicken sowohl auf die großen Hits der deutschen Charts als auch auf jene internationalen Titel, die weltweit für Furore sorgten und über die Radiowellen auch hierzulande ein neues Lebensgefühl einläuteten.

Freddy Quinn – „Heimweh“ / Dean Martin – „Memories Are Made of This“

In diesem Fall kommen wir an einer Doppelvorstellung nicht vorbei, denn 1956 teilten sich zwei Interpreten dieselbe Melodie, bedienten aber völlig unterschiedliche Sehnsüchte. Während Dean Martin in den USA mit „Memories Are Made of This“ eine lässige Ode an das kleine private Glück sang, verwandelte Freddy den Song für den hiesigen Markt in eine schwermütige Hymne der Einsamkeit.

„Heimweh“ traf den Nerv einer Generation, die nach Krieg und Vertreibung oft noch immer nach einer inneren oder äußeren Heimat suchte. Mit dieser Version startete Freddy seine beispiellose Karriere und blieb damit 1956 unglaubliche fünf Monate an der Spitze der deutschen Verkaufscharts. Wer damals hingegen die englischsprachigen Soldatensender hörte, bekam den lockeren Charme von Dean Martin geliefert. Ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein und derselbe Song zwei völlig unterschiedliche Gefühlswelten bediente.


Caterina Valente & Silvio Francesco – „Steig in das Traumboot der Liebe“ (als Club Indonesia)

Unter dem exotisch klingenden Namen Club Indonesia lieferten die Geschwister Caterina Valente und Silvio Francesco einen der prägendsten Sehnsuchtshits des Jahres. In einer Zeit, in der Urlaubsreisen in den Süden für die meisten Menschen noch ein unerreichbarer Luxus waren, bot dieses Lied die perfekte Flucht aus dem Alltag.

Die Valente war zu diesem Zeitpunkt längst die weibliche Stimme des Wirtschaftswunders. Mit „Steig in das Traumboot der Liebe“ fing sie das Lebensgefühl der 1950er Jahre ein: eine Mischung aus romantischer Verklärung und der Hoffnung auf eine bessere, buntere Welt. Dass sie zeitgleich in den USA mit Ella Fitzgerald Jazz sang und hervorragende Platten wie „Plenty Valente!“ aufnahm, entging den Deutschen leider.


Elvis Presley – „Heartbreak Hotel“

Mit diesem Song schlug der Blitz in die Musikwelt ein. Während in den deutschen Charts noch sanfte Melodien dominierten, markierte „Heartbreak Hotel“ im Jahr 1956 den internationalen Durchbruch von Elvis Presley und den endgültigen Startschuss für die Ära des Rock & Roll. Der meistverkaufte Titel des Jahres in den USA war für die damalige Zeit düster, minimalistisch und klang völlig anders als alles, was man bis dahin kannte.

In Deutschland erreichte der Titel als erster Elvis-Hit überhaupt immerhin Platz 12 in den Single-Charts. Für die Jugendlichen, die ihn über Sender wie AFN hörten, war dieser Sound eine Offenbarung – eine Flucht aus der Enge der Nachkriegszeit. „Heartbreak Hotel“ war weit mehr als nur ein Lied; es war das Signal für einen kulturellen Umbruch, der bald auch die deutschen Tanzsäle erschüttern sollte. Elvis wurde damit über Nacht zum Symbol einer neuen, rebellischen Generation.


Caterina Valente & Peter Alexander – „Eventuell“

Wenn die beiden größten Stars der 50er Jahre gemeinsam vor das Mikrofon traten, war ein Hit vorprogrammiert. Caterina Valente und Peter Alexander verkörperten das charmante, augenzwinkernde Gesicht der deutschen Unterhaltungsmusik. In dem Nummer-eins-Hit „Eventuell“ lieferten sie sich ein spielerisches Duett, leichtfüßig musikalisch untermalt von Kurt Edelhagen.

Wie geschaffen für den Revue- und Schlagerfilm „Liebe, Tanz und 1000 Schlager“, in dem die beiden Entertainer um die Wette singen durften. Das kann man als leichte Kost abtun, doch dahinter steckte echtes Können: Edelhagen war einer der besten Jazzer seiner Zeit, die Valente sang auch herausragend Standards, und Peter Alexander hatte von der Operette bis zum Wiener Lied deutlich mehr drauf, als oft gewürdigt wird.


Bruce Low – „Und es weht der Wind“ / Gogi Grant – „The Wayward Wind“

In den USA war „The Wayward Wind“ einer der größten Hits des Jahres 1956 und erreichte Platz 1 der US-Charts. Gogi Grants Stimme verlieh der Geschichte eines ruhelosen Wanderers eine fast sehnsüchtige Melancholie. Es war der Sound der weiten amerikanischen Prärie, der über die Soldatensender auch in die deutschen Radios schwappte. Grant hatte zwar keinen weiteren vergleichbaren Hit mehr, stand aber bis ins hohe Alter auf der Bühne.

Für das hiesige Publikum übernahm Bruce Low den Titel. Während Gogi Grant die Rastlosigkeit fast romantisch besang, verlieh Low dem Stück in „Und es weht der Wind“ eine fast schon schicksalhafte Schwere. Low, der mit seinem Bass-Bariton aus dem Schlagergenre herausragte, war seinerzeit auf countryartige Schlager wie „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“ oder „Wenn die Sonne scheint in Texas“ spezialisiert. Nach einer Hitflaute kehrte er in den 1970er Jahren mit gospelartigen Hits wie „Noah“ oder „Die Legende von Babylon“ zurück.


Elvis Presley – „Don’t Be Cruel“

Nachdem er mit dem „Heartbreak Hotel“ die Tür eingetreten hatte, zementierte Elvis Presley mit „Don’t Be Cruel“ noch im selben Jahr seinen Status als neuer König der Popmusik. Während seine erste Platte eher düster wirkte, zeigte er hier seine charmante, fast schon sanfte Seite – ohne dabei den typischen Rock-&-Roll-Rhythmus zu verlieren. In den USA war das Lied ein beispielloser Erfolg und besetzte zusammen mit der B-Seite „Hound Dog“ monatelang die Spitze der Charts.

In Deutschland war dieser Song ein fester Bestandteil im Programm der englischsprachigen Sender und prägte das Bild des coolen, modernen Amerikas. „Don’t Be Cruel“ war die Art von Musik, die bei den Älteren oft für Kopfschütteln sorgte, während die Jugend den neuen Sound und den lässigen Gesangsstil von Elvis regelrecht aufsaugte.


Peter Alexander – „Der Mond hält seine Wacht“

Wem Elvis eine Nummer zu hart war, der kam beim Wiener Charmeur wieder voll auf seine Kosten. Peter Alexander hatte nicht nur mit Caterina Valente einen der Hits des Jahres, sondern auch solo. In „Der Mond hält seine Wacht“ bediente er die tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit und Romantik in einer weich gezeichneten Schlagerwelt voller Mondschein, Sternenglanz und Herz-Schmerz.

Zwischen Gauchos, weiten Weiden und ein bisschen Fernweh nach der großen, weiten Welt schwang immer auch diese typische Schlager-Fantasie mit, in der die Liebe gern unter südlichem Himmel oder am Brunnen im Abendgold stattfindet. Das Ganze war weniger realistische Geografie als vielmehr ein musikalischer Sehnsuchtsfilm im Drei-Minuten-Format.


Margot Eskens – „Tiritomba“

Nachdem sie bereits im Vorjahr erste Erfolge feierte, gelang Margot Eskens 1956 mit diesem Titel der endgültige Durchbruch zum Superstar der jungen Bundesrepublik. „Tiritomba“ war italienisch angehauchtes Lebensgefühl voller Mandolinenklang, Reigen und einem Hauch südländischer Leichtigkeit, das wochenlang den ersten Platz der Verkaufscharts besetzte.

Italien war damals – spätestens seit Rudi Schurickes Evergreen „Capri-Fischer“ – das große Sehnsuchtsziel der Deutschen: irgendwo zwischen Sonne, Meer und romantisch verklärten Piazzas. Und weil zum Schlager der 50er auch die Brüche gehören, schwingt unter der fröhlichen Oberfläche bereits die typische Geschichte mit: große Liebe, großes Versprechen, und dann das leise Zerbrechen von Ring und Rose im Hintergrund – alles schön verpackt in drei Minuten Fernweh. 

Übrigens ruht Eskens, die 2022 starb, auf dem Kölner Melaten-Friedhof.


The Platters – „My Prayer“

In einem Jahr, das zwischen der rohen Energie des Rock & Roll und der Sehnsucht des deutschen Schlagers pendelte, sorgten The Platters für die perfekte Verbindung aus Eleganz und Gefühl. Mit „My Prayer“, dem Anschlusshit zum Klassiker „The Great Pretender“, bewies die Gruppe, dass der Rhythm and Blues der USA auch eine sanfte, fast schon sakrale Seite haben konnte.

Während die Jugend in Deutschland bei Elvis das Rebellische suchte, lieferten The Platters den Soundtrack für ruhige Stunden. Die markante Tenorstimme von Leadsänger Tony Williams machte den Titel zu einem zeitlosen Klassiker, der über die internationalen Radiowellen auch in Deutschland ein Publikum fand, das sich nach Musik mit mehr Tiefgang und Harmonie sehnte. Im Jahr darauf gelang den Platters dann mit „Only You“ auch in Deutschland ein echter Verkaufshit – zwei Jahre nachdem der Titel bereits die US-Charts erobert hatte.


Die Sieben Raben – „Smoky“

Wem die vorherigen Stars von Caterina Valente über Peter Alexander bis hin zu Elvis Presley sicherlich noch ein Begriff sein dürften, kommen wir hier nun zu einer Formation, die heute unter einer dicken Staubschicht der Musikgeschichte verborgen liegt. Und erneut ging es – zumindest textlich – in den Wilden Westen, dorthin, wo Lagerfeuerromantik, Kanus bei Nacht und große Sehnsucht zuhause waren.

Hinter den Sieben Raben steckten vier Mitglieder des damals äußerst populären Comedian-Quartetts, das die Nachkriegsjahre musikalisch mitprägte. Mit „Smoky“ trafen sie den Nerv einer Zeit, in der Fernweh und Abenteuerlust im deutschen Schlager oft wichtiger waren als geografische Genauigkeit. Bis zum Ende des Jahrzehnts landeten die Raben noch zwei weitere Hits, bevor sie gewissermaßen davonflogen und aus dem Rampenlicht verschwanden.

Geschrieben wurde das Lied übrigens von Kurt Feltz, der auch für viele andere Stars dieser Ära große Erfolge verfasste – darunter „Steig in das Traumboot der Liebe“ oder „Der Mond hält seine Wacht“.


Bill Haley & His Comets – „Rock Around the Clock“

Bill Haley & His Comets landeten im Sommer 1955 mit dem bereits im Vorjahr veröffentlichten „Rock Around the Clock“ auf Platz eins der US-Charts. Ihr Auftritt in der damals populären TV-Musiksendung „The Ed Sullivan Show“ am 7. August 1955 war eine Sensation und brachte den neuen Sound in die Wohnzimmer von Millionen Amerikanern.

Die Deutschen mussten sich bis zur Veröffentlichung im November gedulden – im Januar 1956 stand der Klassiker auch hier auf Platz eins und war nach Freddys „Heimweh“ einer der größten Hits des Jahres. Haley, oft als „weißer Vater des Rock & Roll“ bezeichnet, popularisierte einen Stil, der längst von schwarzen Musikern wie Big Joe Turner oder Wynonie Harris geprägt worden war.

Mit seiner Mischung aus Country, Blues und Rhythm and Blues machte er den Rock & Roll massentauglich – laut, wild und tanzbar, aber eben noch gerade so kontrolliert, dass ihn auch Eltern nicht sofort abschalteten. Während Elvis Presley kurz darauf das Rampenlicht endgültig an sich riss, blieb Haley der Mann, der die Tür aufgestoßen hatte. Und „Rock Around the Clock“ läuft bis heute auf nostalgischen Partys zuverlässig dann, wenn die Tanzfläche endlich voll werden soll.