Tschernobyl-Sorgen und Sehnsucht nach Ablenkung: Im Sommer 1986 suchte die Region Leichtigkeit – und fand diese 11 Hits im Radio.
„Bilderbuchsommer“ 1986Das waren die 11 größten Sommerhits vor 40 Jahren

Trio Rio aus Köln lieferte einen der größten Sommerhits des „Bilderbuchsommers“ 1986. (Archivbild)
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Das Jahr 1986 ging vor allem durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April in die Geschichte ein. Sie veränderte den Alltag der Menschen tiefgreifend. Doch im Laufe des Sommers suchte die Region ganz bewusst nach Unbeschwertheit und Normalität, um die Sorgen der Vormonate zumindest zeitweise zu vergessen.
Die Freibäder und Eisdielen füllten sich und im Radio lief der passende, leichte Soundtrack gegen die gedrückte Stimmung. Es war eine Zeit des kollektiven Durchatmens zwischen Verunsicherung und Lebensfreude. Die unvergesslichen Sommerhits dieses laut der ARD wettertechnisch echten „Bilderbuchsommers“ lieferten den Menschen in der Region genau die Leichtigkeit, die sie damals so dringend brauchten.
Bananarama – „Venus“
Im Sommer 1986 rieben sich ältere Musikhörer ungläubig die Ohren: Als die ersten Takte von „Venus“ aus den Radios dröhnten, zuckte die Nostalgie-Fraktion zusammen. Die Melodie war vertraut – stammte das Original doch von der niederländischen Band Shocking Blue aus dem Jahr 1969 –, doch der neue, kompromisslose High-Energy-Beat ließ das gesetztere Publikum eher erschaudern.
Für das britische Trio Bananarama war die Nummer ein radikaler Befreiungsschlag. Sie setzten gegen alle Widerstände ihres Managments auf ihre erste Zusammenarbeit mit dem Hit-Trio Stock Aitken Waterman (Rick Astley, Kylie Minogue, Jason Donovan). Die Produzenten verpassten dem alten Rock-Klassiker eine futuristische Synthpop-Spritze und katapultierten den Track im August weltweit an die Chartspitze – inklusive Platz eins in den USA.
Level 42 – „Lessons in Love“
Wenn eine Beziehung Schiffbruch erleidet und Zweifel die Träume ertränken, hilft laut Level 42 nur eins: schnell aus den Fehlern lernen. Diese schmerzhafte Lektion verpackte die Band 1986 in anspruchsvollen Funk-Pop, getragen von einem treibenden, perkussiven Basslauf und prägnanten, elektronischen Bläsersätzen.
Das komplexe, im Studio aufwendig mit Synthesizern geschichtete Stück stand sechs Wochen auf Platz eins der deutschen Charts. Im britischen „Q“-Magazin wurde der Titel später als eine der besten Singles der 1980er-Jahre beschrieben. In der Heimat reichte es für Platz drei, und während der Erfolg hierzulande danach abflaute, blieb die Formation in Großbritannien eine feste Größe in den Top 10.
Human League – „Being Boiled“
Die Überraschung des Pop-Sommers 1986: „Being Boiled“ („gekocht werden“) stammt ursprünglich von 1978 und ist kein klassischer Popsong, sondern eine düstere, fragmentarische Collage aus religiösen Anrufungen, industriellen Bildern und drastischer Gewaltmetaphorik: Seidenraupenzucht als Symbol systematischer Ausbeutung, dazu eine Stimme „Buddhas“, die zwischen Warnung und Gleichgültigkeit schwankt, während immer wieder Bilder sinnloser Brutalität und unschuldiger Opfer auftauchen.
Erst der spätere Durchbruch mit „Don’t You Want Me“ entfachte auch das Interesse an diesen frühen, radikal reduzierten Aufnahmen. In einer überarbeiteten Stereo-Version kam der Song erneut in Umlauf, zunächst 1982 in Großbritannien, bevor er 1986 auch in Deutschland den Sommer eroberte.
Samantha Fox – „Do Ya Do Ya (Wanna Please Me)“
Nach ihrem großen Durchbruch mit dem provokanten Debüt-Hit „Touch Me (I Want Your Body)“ im Frühjahr legte Samantha Fox im Spätsommer 1986 direkt nach. Mit der Nachfolge-Single „Do Ya Do Ya (Wanna Please Me)“ bewies das ehemalige britische Fotomodell, dass sie alles andere als Eintagsfliege-Phänomen war.
Der rasante Track gilt als Paradebeispiel für klassischen 80er-Jahre-Pop, abgerundet mit einer dezenten Note von rockigem Hair-Metal-Sound. Im Text dreht sie den Spieß selbstbewusst um: Mit Zeilen wie „Do you know how to please?“ fordert sie die Männerwelt heraus und nimmt das Heft auf den Tanzflächen fest in die Hand.
Madonna – „Papa Don't Preach“
Mit „Papa Don't Preach“ aus ihrem über 20 Millionen Mal verkauften Erfolgsalbum „True Blue“ gelang Madonna der Übergang von leichter Popkost zu anspruchsvollen, gesellschaftlichen Themen. Der Song über ein ungewollt schwangeres Teenager-Mädchen hielt sich ab August wochenlang in den Top 10 und kletterte im September auf Platz zwei der deutschen Charts.
Dass die Musikerin bis heute eine feste Größe im Popgeschäft ist, zeigt sich gerade wieder im Sommer 2026 mit der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Confessions II“. Schon damals bewies sie, dass ein Sommerhit auch Tiefgang haben kann.
Nu Shooz – „I Can't Wait“
Für eine Überraschung auf den Tanzflächen sorgte im Jahr 1986 das Ehepaar John Smith und Valerie Day aus Oregon mit ihrem Projekt Nu Shooz, das bereits seit 1979 exisiert. Ihr Song „I Can’t Wait“ war ursprünglich eine eher unauffällige Auskopplung, bis ein niederländischer DJ den Titel remixte und ihm den markanten, abgehackten Stimm-Effekt im Intro verpasste. Diese neue Version entwickelte sich im Frühjahr und Sommer zu einem internationalen Club-Hit, der durch seinen minimalistischen Funk-Groove und den markanten Basslauf auffiel.
Die Nummer war weltweit sehr erfolgreich und verpasste in Deutschland, Großbritannien und den USA nur knapp Platz eins der Charts. Und sie läuft bis heute: Mittlerweile wurde der Song auf Spotify über 85 Millionen Mal gestreamt. Das Duo ist allerdings Geschichte: Im Jahr 2019 haben Nu Shooz das Mikrofon an den Nagel gehängt.
Stéphanie – „Irresistible”
Prinzessin Stéphanie von Monaco bewies im Jahr 1986, dass der Schritt vom royalen Palast ins Musikstudio von Erfolg gekrönt sein kann. Ihre Debütsingle „Ouragan” führte fast drei Monate lang die französische Hitparade an, während die englische Version „Irresistible” im Frühsommer bis auf Platz zwei der deutschen Charts kletterte.
Ein großer Trumpf war der aufwendige Videoclip, der die Prinzessin in einem Tagtraum zwischen Marilyn-Monroe-Pose, Karibik-Segeltörn und Actionfilm-Verfolgungsjagd inszenierte. Der Erfolg des Titels hallt bis heute nach: Auf Spotify generieren die beiden Versionen zusammen fast 20 Millionen Streams. Der Witz der singenden Prinzessin war allerdings schnell verflogen und nach zwei weiteren Hits flaute das Interesse wieder ab – Stéphanie ging Anfang der 1990er Jahre in „gesangliche Rente”.
Modern Talking – „Atlantis Is Calling (S.O.S. for Love)“
Viele Kritiker bemängelten zwar die auffallende Ähnlichkeit zu den vorherigen Veröffentlichungen, doch das Duo Dieter Bohlen und Thomas Anders erwies sich als resistent gegen jede Schelte. Mit „Atlantis Is Calling (S.O.S. for Love)“ landeten die beiden 1986 ihre fünfte aufeinanderfolgende Nummer-eins-Single in den deutschen Charts.
Dass die Metapher des versunkenen Atlantis im Text völlig logikfrei von den Sternen herabrief, störte beim Tanzen niemanden. Hinter den Kulissen kriselte es zu diesem Zeitpunkt jedoch schon gewaltig, sodass der hastig zusammengereimte SOS-Hilferuf im Songtitel wie ein Omen für das nahende Ende der Zusammenarbeit wirkte.
Chris Norman – „Midnight Lady“
Apropos Dieter Bohlen: Mit einer Ballade bewies der Produzent im Jahr 1986, dass sein Repertoire über die typischen Euro-Disco-Versatzstücke hinausging. Er komponierte das Lied „Der Tausch“ speziell für den Schimanski-„Tatort“. Wenn man seiner Autobiografie glaubt, musste er mit den Verantwortlichen der ARD zäh kämpfen, um seinen Song dort platzieren zu können.
Für den ehemaligen Smokie-Sänger Chris Norman erwies sich das Stück als Segen und Fluch zugleich. Eigentlich wollte er als Rockmusiker solo durchstarten, fand sich stattdessen jedoch mit einer millionenfach verkauften Ballade auf Platz eins der Charts wieder. Das Überleben im Musikgeschäft ist ihm dennoch gelungen: Norman ist bis heute regelmäßig auf Tournee – immer im Gepäck: „Midnight Lady“.
MC Miker G & Deejay Sven – „Holiday Rap“
Der unbestrittene König der Freibäder und Strandpromenaden im Spätsommer 1986 war der „Holiday Rap“. Das Duo MC Miker G & Deejay Sven stürmte erst im August die Chartspitze mit einem Mix aus Madonnas „Holiday“ und Cliff Richards „Summer Holiday“.
Textlich dreht sich die gutgelaunte Hip-Hop-Nummer um das bittersüße Ende der großen Ferien: Die Rapper trauern den unbeschwerten sieben Wochen Urlaub nach, während die Eltern sie morgens schon wieder für die Schule aus dem Bett werfen. Statt im Klassenzimmer zu sitzen, träumen sie sich lieber nach London oder New York und schufen so die ultimative Hymne gegen den Spätsommer-Blues.
Trio Rio – „New York – Rio – Tokyo“
Als die exotischen Klänge von „New York – Rio – Tokyo“ im Radio liefen, vermuteten viele Hörer, dass es sich um ein neues Werk des US-amerikanischen Jazz-Sängers Al Jarreau handele. Doch hinter dem eleganten Latin-Pop-Stück steckte nicht der internationale Weltstar, sondern die Kölner Formation Trio Rio um den Jazzmusiker Peter Fessler.
Die Band hatte sich kurz zuvor von klassischen Jazzstandards verabschiedet. Maßgeblichen Anteil daran hatte der neue Keyboarder Oliver Heuss, der dem Song eine Mischung aus Dance-Pop und südamerikanischen Rhythmen verpasste. Das musikalische Konzept ging auf. Die Nummer entwickelte sich im August 1986 zu einem Erfolg und kletterte bis auf Platz drei der deutschen Singlecharts.
Leider blieb es dabei und Trio Rio ging als One-Hit-Wonder in die Popgeschichte ein. Bereits 1987 löste sich die Band auf. Peter Fessler ist bis heute als Jazzmusiker aktiv und wurde 2014 mit dem ECHO Jazz in der Kategorie „Bester Sänger national“ ausgezeichnet.


