Der Psychologie und Extremismus-Experte Ahmad Mansour fordert Ehrlichkeit und Entschiedenheit in der Bekämpfung des Islamismus - ohne falsche Ausflüchte und Nachgiebigkeit.
Ahmad Mansour zum CSD-Anschlag„Die große Überraschung ist der eigentliche Skandal“

Gesten der Trauer und des Mitgefühls im Berliner Tiergarten nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day am 25. Juli
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Was gegen islamistische Bedrohung getan werden muss, ist klar. Nicht erst nach dem jüngsten Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD), sondern seit Jahren. Doch noch immer verhindern Verteufeln, Verharmlosen und Naivität die dringenden Maßnahmen. Auf allen Seiten. Nach dem Anschlag eines islamistischen Terroristen auf den Berliner CSD streiten zwei Lager. Eines haben sie gemeinsam. Beide sprechen Muslimen ab, was Menschen ausmacht: die Fähigkeit, sich zu entscheiden, die Fähigkeit, zu unterscheiden. Zwischen Recht und Unrecht, individuellem Ich und Gesellschaft, Wahn und Wirklichkeit.
Ein junger Mann mietet einen Lieferwagen, um damit in eine feiernde Gruppe von Menschen zu rasen, um zu töten. Er weiß, was er tut. Er weiß, dass es Unrecht ist. und auch, dass er wegen solcher Pläne bereits verurteilt und in Haft war. All das ist ihm bekannt. Er will töten, er will ein Verbrechen begehen. Er rechtfertigt es vor sich selber damit, dass er „Allah“ gefällt, wenn er mordet. In Wahrheit will er die Anerkennung einer radikalen Organisation. Er will seine Wut auf die Welt austoben, in der er wenig bedeutet und geleistet hat.

Ahmad Mansour
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Abdul B. hat in Berlin eine Mutter getötet, die mit ihrer Tochter auf der großen Party war. Er hat 29 weitere Menschen körperlich verletzt, und er hat Tausende schockiert, traumatisiert. Freiheit und Freude der „Ungläubigen“ ist Islamisten wie ihm ein Dorn im Auge. Imame, Hetzschriften, Terrorgruppen wie IS, Al Kaida, Hamas, Hisbollah denunzieren Freiheit und Demokratie, sie verteufeln Homosexualität, sie wollen Israel und das Judentum vernichten. Sie werben für einen Todeskult. Wir alle wissen das. Jeder, der Nachrichten sieht, kann das sehen, hören, verstehen. Dass dennoch große Überraschung herrscht, das ist der eigentliche Skandal.
Der Diskurs im Land ist jedes Mal der gleiche nach islamistischen Attentaten.
Kaum war die Tat geschehen, hörte man Stimmen aus zwei Lagern, verlässlich wie das Echo auf den Schall. Die eine Seite rechnet den einen Täter hoch auf eine Million und mehr: Da ist der Beweis! Muslime raus, Remigration! Die andere Seite beklagt den Mangel an Chancen: Diskriminierung, Rassismus! Als müsste man den armen Muslim beschützen.
Beide Seiten bedienen dasselbe Ressentiment. Beide sprechen Muslimen ab, was erwachsene Menschen ebenfalls ausmacht: Verantwortung für das eigene Handeln zu kennen, und die Konsequenzen dafür zu tragen. Die einen sehen nur die Bedrohung. Die anderen nur ein Opfer. Beide entwerten den Menschen. Beide sehen kein vollwertiges Subjekt.
Der Diskurs im Land ist jedes Mal der gleiche nach islamistischen Attentaten. Und es sind inzwischen einige. Eine Auswahl: 2011 ermordete ein Islamist zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen. 2016 attackierte ein Syrer in Ansbach 15 Menschen. 2020 griff ein Islamist ein schwules Paar in Dresden an. 2022 tötete ein Syrer Fußgänger in Duisburg. 2024 erstach ein Afghane in Mannheim einen Polizisten. 2024 stach ein Islamist in Solingen auf Besucher eines Stadtfestes ein. 2025 schoss ein Mann in der Nähe von Israels Generalkonsulat in München auf Polizisten. Im selben Jahr fuhr ein afghanischstämmiger Islamist mit einem Auto in eine Gewerkschaftsdemo, ebenfalls 2025 attackierte ein Syrer, der beim IS war, eine Gruppe Fußballfans in Bielefeld mit einer Klinge.
Wo Aufklärung nötig wäre, Handeln, Intervenieren, da flüchtet Politik gern in die Spekulation.
Und nun Berlin 2026. Es ging dem Täter gezielt um die Community queerer Menschen, um Leute, die ihre Lebensfreude und Sexualität feierten. Das sollte denen zu denken geben, die auf den Straßen „Queers for Palestine!“ rufen und teils das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 für legitimen Widerstand hielten. Der Anschlag traf das queere Milieu, das sich so solidarisch gibt. Die Ironie ist grausam: Die Bewegung, aus der heraus man dem politischen Islam am weitesten entgegenkam, wurde zu seinem Ziel. Sie hat den Islamismus nicht verstanden. Er verachtet „ungläubige“ Bündnispartner. Er kennt nur Unterwerfung.
Wo Aufklärung nötig wäre, Handeln, Intervenieren, da flüchtet Politik gern in die Spekulation. Karl Lauterbach (SPD), einst Gesundheitsminister, hält es für „sehr denkbar“, dass öfter kurz vor Wahlen „ausländische Kräfte“ Anschläge einfädeln würden. Nüchtern erklärt der Londoner Terrorforscher Peter Neumann, auf Steuerung aus dem Ausland gebe es keinen ernstzunehmenden Hinweis. Typische Argumente, die Schuld nach außen verlagern („Rassismus“, „Moskau“), verhindern den Blick auf den Feind zuhause, in Köln oder Neukölln. Der äußere Feind entlastet. Der innere würde zur Selbstbefragung zwingen. Und zum Handeln.
Der Islamismus erscheint als Verlockung, zu etwas Größerem zu gehören - heldenhaft, berühmt, grandios.
Wer mit Jugendlichen arbeitet, wer islamische und islamistische Kanäle verfolgt, den überrascht nichts, erst recht nicht seit dem 7. Oktober 2023. Das Massaker der Hamas wirkte wie ein Brandbeschleuniger, in Familien und auf Schulhöfen. Antisemitismus, enthemmter Hass auf Israel, den Westen, Demokratie, die Ungläubigen – immer mehr junge Menschen entfernen sich vom Land und seinen Grundwerten. „Fuck you Germany“ ist ihr offener oder stummer Slogan. Sie diffamieren Politik und Polizei, verachten das Gesetz und die historische Verantwortung nach der Shoah. Sie wollen nicht dazugehören.
Der Islamismus, der Ruf nach dem Kalifat erscheint als Verlockung, zu etwas Größerem zu gehören, heldenhaft, berühmt, grandios. Das entfaltet enorme Attraktion, gerade auf junge Leute wie Abdul B., der die Scheidung der Eltern erlebte, schlechte Noten hatte und keine Ausbildung. Als Attentäter wollte er jemand sein.
Auch die Zahlen sind eindeutig: Der „Motra“-Monitor des Bundeskriminalamts weist für 2025 aus: 11,5 Prozent der Muslime unter 40 vertreten manifest islamistische Einstellungen, weitere 33,6 Prozent gelten als latent islamismus-affin. In Berlin meinen 40 Prozent der muslimischen Neuntklässler, religiöse Regeln müssten Vorrang haben vor der Schulordnung. Sie leben in einer Parallelwelt, in der Anschläge wie der von Abdul B. Geltung haben. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Das Potenzial wächst.
Der Diskurs im Land ist jedes Mal der gleiche nach islamistischen Attentaten.
Und hat all das tatsächlich „nichts mit dem Islam zu tun“, wie oft gesagt wird? Hören Sie mich als Muslim. Ich spreche aus Liebe zu meiner Religion, nicht gegen sie: Es genügt nicht, zu wiederholen, das habe mit dem Islam nichts zu tun. Es reicht nicht, wenn ein muslimischer Verband ein Attentat öffentlich verurteilt, und die Woche drauf in der Moschee Homosexualität verteufelt. Die Doppelmoral, die wir alle mitbekommen, ist Teil des Problems.
Der Islamist und ich lesen dasselbe Buch, den Koran. Der Unterschied liegt darin, wie wir es deuten und anwenden. Ob ich die Buchstaben als Angebot zum Reflektieren betrachte oder – wie der Islamist – als Befehl zur Gewalt. Die Wahrheit, die auch wir Muslime sehen müssen – und alle, die uns „schützen“ wollen –, sie lautet: Der Islamismus fällt nicht vom Himmel. Er ist eine mögliche Lesart unseres Glaubens. Und wer die eine Lesart bekämpfen will, muss eine andere anbieten – keine Ausrede.
Wenn wir unsere Kinder vor dem Islamismus schützen wollen, müssen wir aufhören, die Grundwerte dieses Landes als Bedrohung zu begreifen. Sie sind kein Risiko für unseren Glauben. Sie sind die Bedingung dafür, dass jeder Glaube friedlich existieren darf, auch unserer. Islamistische Anschläge gelten der dem Geist der Freiheit. Ihn zu verteidigen, ist keine Frage des Lebensstils. Es ist die Frage, ob die offene Gesellschaft ihre Offenheit verteidigt, selbstbewusst, realistisch, robust und proaktiv.
Solange der Entwicklung weiter zugeschaut wird, ist hier niemand frei von Mitschuld. Nicht die Gesellschaft, die wegsieht, die Politik, die untätig bleibt. Und nicht wir Muslime, wenn wir Islamisten stillschweigend dulden oder begrüßen. Das muss ein Ende finden.
