Keine Dating-App, keine Algorithmen, nur echte Gefühle. „Love at First Slide“ Queer Edition zeigt: Dating kann auch anders funktionieren.
Liebe statt Likes„Love at First Slide“ zeigt Köln, wie queeres Dating analog funktioniert
Swipen, Ghosting, Catfishing: Online-Dating kennen viele Singles zur Genüge. Gestern Abend war es Zeit für etwas anderes. Im Ehrenfelder Bumann & Sohn erlebte Köln die queere Ausgabe von „Love at First Slide“, einem Event des Veranstalters „Rausgegangen“, bei dem sich die Singles nicht selbst vorstellen, sondern live auf der Bühne präsentiert werden. In einem Pitch von ihren Freunden.
Das Konzept ist simpel: Es braucht ein bis zwei Freunde, die in einer sechsminütigen Präsentation erzählen, warum ausgerechnet ihr Single-Freund der perfekte Partner sei. Was macht ihn aus? Welche Eigenheiten, Leidenschaften und Macken gibt es?
Die einen bauten ihre Pitches wie eine Deutschstunde auf und analysierten ihre Freunde wie Literaturcharaktere. Die anderen beschrieben sie als eigenes Universum und nahmen das Publikum mit auf diese Reise. Einige setzten auf Lobeshymnen, andere auf brutale Ehrlichkeit und vermeintlich peinliche Videos und Bilder. Das Spektrum reichte also von liebevoller Verpackung bis zu unbarmherziger Aufrichtigkeit.

Mit einer digitalen Präsentation, stellten zwei Frauen ihre Single-Freundin vor.
Copyright: Julia Brand
Für die Moderatorin und Dragqueen Roxy Rex dreht sich das gesamte Event um einen einfachen Gedanken: „Menschen schaffen Verbindung.“ Der Erfolg zeigt sich in einer Geschichte, die Roxy Rex besonders am Herzen liegt: Durch „Love at First Slide“ habe ein Paar zusammengefunden, das später mit einem gemeinsamen Freund zurückgekommen sei, um diesen selbst zu pitchen.
Besucherin Michelle Denise Schmidt kam mit einem klaren Ziel: „Ein bisschen aus meiner Komfortzone rauskommen.“ In der queeren Community spiele sich vieles online ab, und kaum jemand traue sich mehr, in der realen Welt Menschen anzusprechen.
Der Unterschied zu Dating-Apps sei offensichtlich. Dort werde man ständig „geghostet“, bekomme also plötzlich keine Antwort mehr. „Hier kann man direkt ins Gespräch kommen. Und wenn es nicht passt, weiß man aber auch direkt Bescheid.“

Zur Begrüßung gab es ein Gratis-Getränk.
Copyright: Julia Brand
Schweigeminute für Opfer des CSD-Anschlags
Veranstalterin Anni Kurze betont die Bedeutung der queeren Ausgabe: „Wir möchten allen Leuten eine Plattform für Sichtbarkeit und für Daseinsberechtigung bieten. Wir hoffen, dass einfach alle Personen in ihrem Leben Liebe finden, egal wie diese Liebe aussieht.“
Der Abend war auch politisch geprägt. Zu Beginn hielten die Gäste eine Schweigeminute ab, um an die Opfer des Anschlags auf den CSD in Berlin am 25. Juli zu erinnern. Für Moderatorin Roxy Rex ist das kein Widerspruch zum Feiern: „Drag ist politisch. Wenn ich auf die Bühne gehe, ist das automatisch politisch. Deswegen ist es mir wichtig, laut zu sein und auch über Ereignisse zu berichten, die in der Queer-Community passieren.“ Sie appellierte an das Publikum: „Redet miteinander, seid laut, seid stolz, zeigt Mitgefühl. Das brauchen wir vor allem jetzt in dieser Zeit.“
Auch bei Besucherin Michelle Denise hat der Anschlag Spuren hinterlassen. Sie war beim CSD in Köln und fragt sich: „Wenn man sowas als queere Person liest, merkt man, dass wir immer noch nicht sicher sind in Deutschland.“ Dennoch: Für sie sind queere Events „sehr, sehr wichtig, weil man nach außen hin Sichtbarkeit zeigt und sich nicht unterkriegen lässt. Wir sind hier, wir sind laut und wir gehören zu dieser Gesellschaft.“
Eine anschließende Bar-Night mit Musik und Drinks bot Möglichkeiten zum Kennenlernen. Egal ob auf romantischer oder platonischer Ebene. Gast Jan Glaab schätzt, was das Event leistet: „Bei Dating-Apps sieht man nur Bilder, die ganze Ausstrahlung und der Charakter gehen komplett unter. Hier bekommt man die Persönlichkeit direkt mit. Und darüber geht ja auch ganz viel Attraktivität und Sympathie einher.“
Analoges Dating ist, entgegen der Klischees, also immer noch beliebt bei jüngeren Generationen: „Die Stimmung war nie besser. Die Leute haben gelacht, sich amüsiert, Getränke bestellt, sich gefunden“, zieht Roxy Rex ihr Fazit.
