- Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung tut so, als gäbe es hier keinen großen Reichtum und keine große Armut.
- Das Gegenteil ist richtig, schreibt Armutsforscher Christoph Butterwegge in seinem Gastbeitrag.
Seit die rot-grüne Parlamentsmehrheit der seinerzeit von Gerhard Schröder geführten Bundesregierung im Januar 2000 den Auftrag erteilte, einen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen, sind insgesamt sechs voluminöse Dokumente dieser Art vorgelegt worden. Aufgabe war „die Analyse der gesamten Verteilung von Einkommen und Lebenslagen“, die Bereitstellung von Informationen über „individuelle und kollektive Lebenslagen“ sowie die Darlegung der „Ursachen von Armut und Reichtum“, heißt es im damaligen Bundestagsbeschluss.Keiner der bisherigen Regierungsberichte hat diesen Auftrag des Bundestages zufriedenstellend erfüllt.
Beispielsweise hat der Reichtum immer ein Nischendasein gefristet. Umso verdienstvoller ist das Bemühen, ihn diesmal nicht stiefmütterlich zu behandeln. Fragwürdig ist allerdings, dass man den Einkommensreichtum bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 3894 Euro und den Vermögensreichtum bei einem Nettovermögen von 500000 Euro beginnen lässt.

Christoph Butterwegge hat bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Als „Armutsforscher“ widmet er sich den Fragen sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft.
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Denn auch wer kein Multimillionär ist, dürfte es kurios finden, dass ein Oberstudienrat wegen seines Gehalts für einkommensreich und der Besitzer einer relativ kleinen Eigentumswohnung in Ehrenfeld, Klettenberg oder Lindenthal für vermögensreich erklärt wird. Wenn man einen Großteil der Bevölkerung als reich begreift, gerät der wirkliche Reichtum zwangsläufig aus dem Blickfeld. Verschleiert wird so, dass ein großes Vermögen auch Macht und politischen Einfluss mit sich bringt.
Kluft bei Vermögen so tief wie in den USA
Positiv hervorzuheben ist, dass statt der Untersuchung von Lebensphasen, die soziale Ungleichheit auf der Ebene biografischer Stationen (Kindheit, Jugend, Erwerbsphase und Ruhestand) zu erfassen suchte, diesmal eine mehrdimensionale Längsschnittbetrachtung in Fünfjahresschritten getreten ist, welche die sozialen beziehungsweise Lebenslagen in den Mittelpunkt rückt. Hierdurch wird das Problem der sozialen Ungleichheit weniger stark individualisiert und der Alterseffekt auch nicht mehr verabsolutiert.
Da die soziale Lage neben dem Einkommen und Vermögen auch die Erwerbsintegration und die Wohnraumversorgung umfasst, verspricht der Bericht die gesellschaftliche Entwicklung genauer abzubilden, als dies bisher der Fall war. Acht soziale Lagen werden identifiziert, die aber sehr konstruiert wirken. Sie reichen von „Armut“ und „Prekarität“ am unteren Ende über „Armut – Mitte“, „Untere Mitte“, „Mitte“, „Wohlhabenheit – Mitte“ bis zu „Wohlstand“ und „Wohlhabenheit“ an der Spitze. Kam der Reichtum früher nur am Rande vor, spielt er in einem analytischen Kernstück des 6. Regierungsberichts dieser Art überhaupt keine Rolle mehr. Man hat also einen Schritt vorwärts gemacht, ist am Ende jedoch zwei Schritte zurückgefallen.Das größte Manko des 6. Armuts- und Reichtumsberichts liegt in seiner rein deskriptiven Vorgehensweise. Nach den gesellschaftlichen Ursachen der ausführlich beschriebenen Verteilungsschieflage wird überhaupt nicht gefragt.
Vielmehr geraten nur die Auslöser persönlicher Notlagen wie Erwerbslosigkeit, (Früh-)Invalidität oder Trennung beziehungsweise Scheidung vom (Ehe-)Partner ins Blickfeld. Der strukturelle Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum wird hingegen ignoriert, womit die Bundesregierung selbst hinter Bertolt Brecht zurückfällt, der ihn 1934 in einem Kindergedicht so ausgedrückt hat: „Reicher Mann und armer Mann/Standen da und sahn sich an./ Und der Arme sagte bleich:/ Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Die Corona-Pandemie zeigt die Schieflage – auch in Köln
Während einer Pandemie, in der viele Kölner erkennen, dass zwischen den Stadtteilen stark streuende Inzidenzwerte auf riesige soziale Unterschiede verweisen, wird die sich auch räumlich niederschlagende Ungleichheit von der Bundesregierung nicht als Kardinalproblem unserer Gesellschaft verstanden. Vielmehr beruhigt und beschwichtigt man die Leser des Berichts eher, was der überkommenen Sichtweise entspricht, dass die Bundesrepublik ein Land ohne großen privaten Reichtum und ohne nennenswerte Armut sei.
Richtig ist das Gegenteil, die Kluft beim Vermögen nämlich inzwischen fast genauso tief wie in den USA. Letztlich wurde damit eine weitere Chance vertan, die Dramatik der Verteilungsschieflage aufzudecken sowie die Voraussetzungen für einen Kurswechsel in der Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik zu verbessern.
