- Stephan Grünewald ist Geschäftsführer des Kölner „rheingold“-Instituts. Derzeit führt er Tiefeninterviews mit Menschen zur Corona-Krise.
- Eine seiner Erkenntnisse: Die Corona-Krise hat zu Enttäuschungen und dreifacher Entmündigung geführt. Viele verwandeln diese Erfahrung in Wut.
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Köln – Trotz der schrittweisen Lockerung der Corona-Beschränkungen und der Normalisierung des öffentlichen Lebens nehmen das Unbehagen und die Wut seit Wochen zu. Wir befinden uns gerade in einem eigentümlichen Übergangs- oder Zwischenzustand, der die dritte Phase der Corona-Krise charakterisiert.
Im Tiefeninterview beschrieb eine Frau ihren derzeitigen Gemütszustand mit den Worten: „Es kann so nicht bleiben, und es wird nicht so, wie es mal war.“ Vieles ist zwar jetzt wieder möglich, etwa der Restaurant-Besuch, die Shoppingtour im Viertel oder das Mitfiebern im Meisterschaftskampf der Bundesliga. Aber wie deren Geisterspiele bleiben all diese Erlebnisse eben auch geisterhaft. Sie haben nicht die Sinnlichkeit und Intensität wie vor der Corona-Zeit. Der Alltag läuft, aber gedämpfter und ohne die großen Aufschwünge oder Abschwünge, die dem Leben früher seine Würze und Dramatik gegeben haben.
Diese Phase birgt viele Enttäuschungen. Enttäuscht sind diejenigen, die unter dem Lockdown gelitten haben, weil sie ihre Sicherheit, ihre Struktur und ihre Lebensfreude verloren hatten.
Corona-Biedermeier
Ihre Hoffnung, dass sie durch Disziplin nach einer zeitlich begrenzten sozialen Fastenzeit wieder ins bewährte alte Leben zurückkehren könnten, hat sich nicht erfüllt. Enttäuscht sind aber auch diejenigen, die sich – weitgehend frei von existenziellen Sorgen – in einer Art Corona-Biedermeier eingerichtet hatten. Sie haben während des harten Lockdowns eine entschleunigte Zeit genossen, in der das Hamsterrad endlich einmal kollektiv angehalten wurde. Ruhe und Müßiggang wurden für sie zur lebensrettenden Bürgerpflicht. Ohne schlechtes Gewissen durften sie einen Gang herunterschalten, sich auf das für sie Wesentliche konzentrieren oder sich ihren Herzensprojekten widmen. Ihre geheime Hoffnung, dass das Corona-Sabbatical noch Monate anhalten würde, hat sich auch nicht erfüllt.
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Eigentlich wäre jetzt eine Zeit des Trauerns und Loslassens, denn die schmerzliche Gewissheit nimmt zu, dass es tatsächlich nie mehr so wird, wie es früher war: „Früher war gestern, und ab heute ist morgen“, konstatierte mit wehmütigem Elan ein Mann im Interview. Ein Prozess des Betrauerns wäre jetzt vielleicht hilfreich, um Abschied zu nehmen von dem, was unser Leben über Jahrzehnte bestimmt hat. Wer seine Traurigkeit zulässt, wird empfänglicher für Trost, und er schafft seelisch Raum für Zuversicht und Visionen von einem anderen Leben – nach Corona.
Derzeit jedoch verwandeln viele Menschen ihre Trauer in Trotz und Wut. Ihre Wut wird gespeist und gesteigert durch eine dreifache Entmündigung, die sie erlebt haben. Die erste Entmündigung ging von dem unfassbaren und unsichtbaren Virus selbst aus, gegen das sie sich nicht wehren konnten. Die zweite Entmündigung erfolgte durch den Lockdown: Sinnbildlich verordneten Vater Staat beziehungsweise Mutter Merkel ihren Kindern, den Bürgern, Hausarrest und schränkten weitere Freiheitsrechte ein.
Großes Befremden
Die dritte Entmündigung stellte die Maskenpflicht dar, die buchstäblich als „Bevormundung“ erlebt wird. Der Mund-Nase-Schutz wird zwar von den meisten diszipliniert getragen, löst aber dennoch großes Befremden aus. Denn er signalisiert weniger den Schutz der Mitmenschen als potenzielle Aggressivität und Feindseligkeit gegenüber anderen. Masken und Maulkörbe tragen Bankräuber und bissige Hunde. Der Mund-Nase-Schutz ist daher zu einem unhöflichen Höflichkeitsstandard geworden, der mehr ertragen als getragen wird. Die Maske fungiert als Corona-Mahnmal, das uns stets daran erinnert, dass wir in einem permanenten Ausnahmezustand leben.
Viele, die jetzt gegen die Anti-Corona-Maßnahmen aufbegehren, wollen sich mit diesem Übergangs- oder Ausnahmezustand nicht abfinden, sondern unvermittelt in die alten Zustände zurückkehren. Sie richten ihre Wut gegen den Staat und suchen zu beweisen, dass seine Maßnahmen vollkommen falsch oder grob überzogen sind und daher umgehend rückgängig gemacht werden müssten oder ganz einfach ignoriert gehörten. Die schnelle Rückkehr zu den alten Verhältnissen versprechen auch die Verschwörungstheorien. Ihre Vertreter machen einen geheimen Verursacher der Corona-Krise dingfest und setzen auf das simple Prinzip „den Schuldigen erkannt, Gefahr gebannt“.
Erster Schritt zur Trauerarbeit
Die Mehrheitsgesellschaft sollte sich jedoch hüten, die Zweifler und die Wütenden pauschal zu verurteilen. Das würde die alten Spaltungsprobleme und wechselseitigen Wertschätzungsdefizite zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen nur verstärken. Jeder kennt doch auch die eigenen Zweifel und Ambivalenzen im Hinblick auf eine angemessene Bewältigung der Krise.
Zweifel, Enttäuschung und Wut können sich verhärten und uns lähmen. Sie können aber auch ein erster Schritt zu einer Trauerarbeit sein, die es ermöglicht, das seltsame Schicksal namens Corona anzunehmen und sich auf eine neue Zukunft auszurichten.



