Eine Studie von Geschichts- und Sozialwissenschaftlern hält Missbrauchsvorwürfe gegen den gestorbenen Essener Kardinal Franz Hengsbach in Teilen für erhärtet. Kritik üben die Autoren an der Essener Kirchenleitung.
Essener Kardinal HengsbachStudie sieht Missbrauchsvorwürfe gegen früheren Ruhrbischof erhärtet

Eine Skulptur des Essener Kardinals Franz Hengsbach vor dem Essener Dom wurde nach Missbrauchsvorwürfen im Jahr 2025 entfernt.
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Die Missbrauchsvorwürfe gegen den 1991 gestorbenen Gründungsbischof des Ruhrbistums Essen, Kardinal Franz Hengsbach, haben sich in Teilen erhärtet. Ein Forschungskonsortium von Geschichts- und Sozialwissenschaftlern kommt in einem am Donnerstag, 25. Juni, vorgestellten Zwischenbericht zu dem Ergebnis, dass Hengsbach in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten sexualisierte Gewalt gegen vier Minderjährige – drei Mädchen und einen Jungen – ausgeübt habe. Die Vorwürfe, die bis in die 1950er Jahre zurückreichen, seien gut belegt und plausibel.
„Er war Täter“, sagte Studienleiterin Helga Dill vom Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP). Sämtliche Vorwürfe bewegten sich allerdings unterhalb der Strafbarkeit nach den zur Tatzeit geltenden Gesetzen. Die Rede ist von Berührungen an der Brust oder übergriffigem Reden mit sexualisierten Inhalten. Den männlichen Betroffenen habe Hengsbach unter anderem gezwungen, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen.
Erste Vorwürfe gegen Hengsbach seit den 1980er Jahren bekannt
Unstrittig sei auch, dass Hengsbach als Bischof von Missbrauchsvorwürfen gegen Priester seines Bistums wusste, sie aber nicht verfolgte, sondern unter den Teppich kehrte. Hingegen stuften die Forscherinnen und Forscher mehrere Berichte über orgiastische ritualisierte Gewalttaten Hengsbachs zusammen mit anderen hochrangigen Klerikern als nicht stichhaltig ein. Es sei „äußerst unwahrscheinlich“, dass die geschilderten Vorgänge stattgefunden hätten und dass Hengsbach daran beteiligt gewesen sei. Dies sei kein Abrücken von der grundsätzlichen Annahme, dass die Berichte Betroffener glaubwürdig sind, betonten die Forschenden. „Alle Betroffenen müssen in ihrer subjektiven Leidensdimension ernstgenommen werden“, sagte Dill. Sie bräuchten finanzielle und therapeutische Unterstützung.
Bestätigt sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits bekannte Vorwürfe gegen die Essener Kirchenleitung, den amtierenden Bischof Franz-Josef Overbeck eingeschlossen, zu ihrem Umgang mit dem Fall Hengsbach. Schon in den 1980er Jahren hätten die damals Verantwortlichen von Übergriffen Hengsbachs erfahren, ihr Wissen aber für sich behalten. Hengsbach selbst habe ebenfalls Kenntnis davon gehabt, die Vorwürfe aber vehement bestritten und stattdessen die Person diskreditiert, die sie erhob.
Studienmacher „irritiert“ über Essener Bistumsleitung
Overbeck wiederum erfuhr bereits 2011, kurz nach seinem Amtsantritt 2009, erstmals von konkreten Tatvorwürfen gegen Hengsbach in dessen Zeit als Weihbischof in Paderborn. Den Hinweis des damaligen Paderborner Generalvikars Alfons Hardt gab er nach eigenem Eingeständnis nicht weiter, sondern verwahrte die Unterlagen bei sich. Er habe sich ihrer auch später nicht erinnert, so dass der Fall Hengsbach in der 2023 veröffentlichten Missbrauchsstudie des Bistums Essen keine Rolle spielt.
Eine grundsätzliche Wende im Verhalten der Bistumsverantwortlichen machte Dill ab 2022/2023 aus. Aber auch danach sei es zu Verzögerungen in der Kommunikation und zur Nichtweitergabe von Aktenmaterial gekommen, sagte Dill und sprach von „Defiziten“ und „Irritationen“. Gleichwohl zeigte sie sich „sicher, dass wir aufgrund der selbstkritischen Statements“ von Bischof und Generalvikar „mit konstruktiver Zusammenarbeit rechnen“ können.
Essener Bischof Overbeck bittet um Entschuldigung
Overbeck erneuerte seine Bitte um Entschuldigung aus einem Brief an die Gläubigen des Bistums Essen im Jahr 2023. Er und sein Generalvikar Klaus Pfeffer erklärten, es sei für sie „unvorstellbar“ gewesen, dass ein Bischof – zumal einer mit dem Nimbus Hengsbachs – zu solchen Taten fähig sei. Für sein Fehlurteil habe auch eine Rolle gespielt, dass der Vatikan den Beschuldigungen gegen Hengsbach keine Bedeutung beigemessen habe, sagte Overbeck. Er habe sich als junger Bischof in der Einstellung zu seinem „heroisierten“ Vorgänger von „Mustern leiten lassen, die wir kennen“. Overbeck beklagte, dass den Betroffenen zusätzliches Leid zugefügt wurde „dadurch, dass ihnen nicht geglaubt wurde“.
Kritik an Hengsbach als Autoritätsperson und katholischem Idol sei „kaum möglich gewesen“, erklärte auch Pfeffer, der selbst aus dem Bistum Essen stammt. „Wir sind Teil eines Systems mit eigenen Prägungen.“ Vor diesem Hintergrund und angesichts der Studienergebnisse betonten beide die bleibende Notwendigkeit, kirchliche Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen. „Die Anerkenntnis von Fehlern führt zur Übernahme von Verantwortung, auch für Veränderung.“ Overbeck sprach von einer „Lernkurve, die im Bistum Essen steil nach oben gegangen ist“. Einen Rücktritt schloss er aus.
Betroffenenvertreter richtet Blick auf Rom
Die Historiker Klaus Große Kracht und David Rüschenschmidt von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (FZH) der Universität Hamburg wiesen auf die kirchlichen Strukturen und Mentalitäten als „Dispositiv“ hin, das den Raum für Missbrauchstaten geschaffen habe. Der Fall Hengsbach sei weit mehr als ein Einzelgeschehen. Die Aufarbeitung mache einerseits ein „anderes, erschreckendes Gesicht“ des weit über die Grenzen des Bistums Essen hinaus hochverehrten Kardinals sichtbar, so Große Kracht. Jenseits dessen lasse sich andererseits an Hengsbach exemplarisch die kirchliche „Doppelbödigkeit“ im 20. Jahrhundert analysieren – mit einer hohen moralischen Autorität, strenger Sexualmoral und der Sakralisierung von Amtsträgern als Fassade und Grenzüberschreitungen im Inneren.
Der Betroffenenvertreter Johannes Norpoth, Mitglied einer Begleitgruppe zur Studie, geißelte „täterschützende Logiken“, die bis heute fortwirkten, und richtete den Blick auch auf Rom mit dem Ruf nach Aufarbeitung und strukturellen Konsequenzen auch dort. Die „Causa Hengsbach“ reiche „in die Mitte der Weltkirche“. Aufarbeitung, „die vor Rom Halt macht, bleibt Stückwerk“.
Auf einen Aufruf zur Mitwirkung an der Studie im Januar 2024 meldeten sich nach Angaben der Autoren 66 Personen, unter ihnen auch mehrere Betroffene. Mit sechs von ihnen sowie 22 Zeitzeugen und Bistumsverantwortlichen führten die Forschenden Interviews. Ihnen lagen zwölf einschlägige Fallakten vor. Die letzte hätten sie erst im Mai erhalten. Ausgewertet wurde auch Archivmaterial des Bistums Essen, Hengsbachs Nachlass sowie zusätzlich Archivakten der Erzbistümer Paderborn und Köln. Finanziert wurde die Studie von den Bistümern Essen und Paderborn sowie von der katholischen Militärseelsorge, dem Hilfswerk Adveniat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Institutionen, in denen Hengsbach herausgehobene Funktionen innehatte. Der Abschlussbericht soll bis 2028 vorliegen.
