Bundesverkehrsminister Steffen Bilger dringt auf den bundesweiten Einsatz von Handy-Blitzern. „Mehr als 1000 Unfälle passieren jedes Jahr durch Ablenkung am Steuer. Die Tendenz ist leider steigend“, sagte der CDU-Politiker dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
„Moderne Technologien wie Handy-Blitzer können hier einen wichtigen Beitrag leisten, da sie Verstöße beweissicher dokumentieren und die Verkehrssicherheit damit deutlich verbessern“, so Bilger weiter. „Daher setze er sich für eine bundeseinheitliche Regelung im Straßenverkehrsgesetz ein. In Rheinland-Pfalz wurden Handy-Blitzer bereits erprobt und sind seit November flächendeckend im Einsatz. „Die positiven Erfahrungen in Rheinland-Pfalz zeigen, dass es bereits funktioniert. Daher setze ich mich nun für eine bundeseinheitliche Regelung im Straßenverkehrsgesetz ein, was auch die Länder fordern“, so Bilger weiter.
96 Menschen starben 2025 bei Ablenkungsunfällen
Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen, wie gefährlich Ablenkung am Steuer ist. Im vergangenen Jahr kam es deutschlandweit zu 9472 Unfällen mit Personenschaden. In 1110 Fällen wurden dabei elektronische Geräte genutzt, 555-mal davon von den Fahrern. Insgesamt wurden 96 Menschen bei Ablenkungsunfällen getötet.
Der Vorstoß aus Berlin stößt in NRW auf Zustimmung. „Die Benutzung von Handys während der Fahrt kostet Menschenleben. Da werden Existenzen vernichtet“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). „Am besten schalten Sie das Handy aus, wenn Sie sich ans Steuer setzen. Kein Anruf, keine Nachricht und kein Beitrag in den sozialen Medien sind so wichtig, als dass es sich lohnen würde, dafür sein und das Leben anderer zu riskieren.“
Keine Nachricht ist so wichitg, als dass es sich lohnen würde, dafür Leben zu riskieren
Der bundesweite Trend bei den Unfallzahlen spiegelt sich auch in NRW wider. Die polizeilich registrierten Verkehrsunfälle mit der Ursache „Ablenkung durch elektronische Geräte“ stiegen von 799 im Jahr 2024 auf 844 im Jahr 2025. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Zahl der festgestellten Verstöße von 143.787 auf 148.095. Auf längere Sicht seit 2022 lässt sich jedoch kein kontinuierlicher Anstieg feststellen.
Laut NRW-Innenministerium können die sogenannten Handy-Blitzer „einen wichtigen Beitrag zu leisten, Verkehrsverstöße wirksam zu erkennen und die Verkehrssicherheit zu erhöhen“. Für den Einsatz solcher Systeme bedürfe es allerdings einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage. Derzeit werde die Frage bundeseinheitlicher Rechtsgrundlagen für moderne Systeme der Verkehrsüberwachung von der Innenministerkonferenz erörtert. NRW begrüße die Initiative. Eine konkrete Erprobung sei derzeit nicht geplant. Man wolle zunächst die Entwicklungen auf Bundesebene abwarten.
NRW will einheitliche Rechtslage abwarten
Das MonoCam-System ist nichts anderes als eine Kamera, die Handyverstöße am Steuer aufzeichnet und mithilfe einer Künstlichen Intelligenz auswertet. Dabei werden Fahrspuren von einer Brücke aus überwacht und gefilmt. Die Kamera ist dabei auf die Fahrerseite ausgerichtet. Stellt das System einen Handyverstoß oder eine Hand- und Armhaltung fest, die auf die unerlaubte Nutzung eines elektronischen Geräts hindeutet, wird das Bildmaterial gespeichert und anschließend von speziell geschulten polizeilichen Kontrollkräften geprüft und nach der Überprüfung entweder gelöscht oder an die Zentrale Bußgeldstelle weitergeleitet.

Ein Polizist wertet die Bilder aus, die vom Handy-Blitzer in das System übertragen wurden. Foto: dpa
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Das System ist in Rheinland-Pfalz zunächst in Pilotprojekten in Mainz und Trier in Zusammenarbeit mit der niederländischen Polizei, die es schon seit längerem einsetzt, getestet worden. Anschließend war es zwischen April und November 2025 landesweit im Einsatz. Zuvor musste eine Rechtsgrundlage durch die Einführung eines neuen Paragrafen im Polizei- und Ordnungsbehördengesetz des Landes geschaffen werden.
Eine Sekunde Ablenkung bei Tempo 100 bedeutet 28 Meter Blindfahrt
Nach einer Studie der Allianz aus dem Jahr 2023 schließen 43 Prozent der Autofahrer die Nutzung des Mobiltelefons während der Fahrt nicht aus, obwohl schon eine Sekunde Ablenkung bei Tempo 100 eine Blindfahrt von 28 Metern bedeutet. Das Unfallrisiko steigt laut Studie mit der Nutzung technischer Geräte. So wurde errechnet, dass die Bedienung des Autoradios über den Bordcomputer das Unfallrisiko um 89 Prozent erhöht. Wer Textnachrichten schreibt und dabei das Smartphone in der Hand hält, hat ein um 61 Prozent erhöhtes Risiko. Beim Lesen von Textnachrichten ist es mit 56 Prozent kaum geringer. Selbst das Bedienen des Navis (46 Prozent) und das Telefonieren mit dem Smartphone in der Hand (32 Prozent) bedeutet ein erhöhtes Risiko.
Die Allianz-Studie zeigt auch, dass vor allem junge Fahrerinnen und Fahrer (18 bis 24 Jahre) anfällig für Ablenkung sind. 30 Prozent der Befragten gaben an, während der Fahrt mit dem Smartphone zu telefonieren (Durchschnitt aller Autofahrenden: 16 Prozent), 39 Prozent tippen sogar mit der Hand elektronische Textnachrichten. Interessant: Vor allem junge Fahrer sind deutlich stärker abgelenkt. Jeweils 19 Prozent geben an, während der Fahrt mit dem Handy in der Hand zu telefonieren oder SMS zu schreiben. Bei den jungen Fahrerinnen sind es nur zwölf Prozent.
Smartphone-Ablenkung laut Studie gefährlicher als Fahren mit 0,8 Promille
Im Oktober 2026 hat der Versicherungskonzern eine weitere Studie veröffentlicht, in der das Risiko, durch Ablenkung am Steuer einen Unfall zu verursachen, ist nach neuen Untersuchungen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) noch einmal deutlich höher ist als bisher angenommen. Danach haben abgelenkte Fahrer in bestimmten Situationen ein dreimal so hohes Unfallrisiko wie aufmerksame. Grundlage ist eine umfangreiche Fahrzeugstudie, die Ende Oktober beim 14. Allianz Motor Day vorgestellt wurde.
In einem simulierten Notbrems-Szenario auf der Autobahn stieg der Anteil der Unfälle von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrern auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrern. In einem Szenario, bei dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrer überhaupt nicht.
„In unseren Untersuchungen schnitten abgelenkte Fahrer in kritischen Situationen sogar schlechter ab als Fahrer mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Ablenkung ist demnach in einigen Situationen noch gefährlicher als Alkohol am Steuer“, sagt Frank Sommerfeld, Vorstand der Allianz Versicherungs-AG.
Zwei Drittel der Autofahrer wünschen sich mehr Schalter und Tasten
Der Griff nach dem Smartphone ist dabei nur eine Unfallursache, heißt es in der Studie. Dass in modernen Autos immer mehr Funktionen wie das Bedienen des Radios oder der Klimaanlage, die früher intuitiv und ohne Blickkontakt bedient werden konnten, zunehmend in digitale Menüs auf den Touchscreen wandern, erhöhe das Unfallrisiko. Derselbe Bedienvorgang, so die Studie, könne je nach Bedienkonzept bis zu 25 Prozent weniger visuelle Aufmerksamkeit beanspruchen.
„Das Cockpit ist zu einem Bildschirm geworden, der mit der Straße um die Aufmerksamkeit des Fahrers konkurriert. Aber ein Auto ist kein Smartphone. Wenn es um Sicherheit geht, muss Design der Funktion folgen“, sagt Klaus-Peter Röhler, Vorstandsmitglied der Allianz SE. Nach einer Umfrage der Allianz wünschen sich mehr als zwei Drittel der Autofahrer in Deutschland physische Schalter und Tasten im Cockpit des Autos.
