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Razzia in JVA Euskirchen
Wächter sollen inhaftierte Mitglieder von Leverkusener Clan bevorteilt haben

4 min
Durchsuchungen und Ermittlungen an der JVA Euskirchen: 210 Einsatzkräfte waren im Einsatz. Im Verdacht stehen sieben männliche Justizvollzugsbeamte, Vorteile als Gegenleistung angenommen zu haben.

Durchsuchungen und Ermittlungen an der JVA Euskirchen: 210 Einsatzkräfte waren im Einsatz. Im Verdacht stehen sieben männliche Justizvollzugsbeamte, Vorteile als Gegenleistung angenommen zu haben.

Ausgang, Urlaube oder auch Hinweise auf Kontrollen: Haben JVA-Bedienstete gegen Bezahlung Hafterleichterungen ermöglicht?

Am Mittwochmorgen kommt die Polizei hinter Gitter. Nicht wegen der Verbrecher, die hier längst verurteilt sind. Sondern wegen der Staatsbediensteten, die hier normalerweise aufschließen. Rund 210 Einsatzkräfte haben nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Morgen (6. Mai) auf Weisung der Bonner Polizei acht Wohnungen sowie Gebäudebereiche der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen durchsucht. Die Maßnahmen erfolgten auf richterlichen Beschluss und gehen auf mehrmonatige Ermittlungen der Ermittlungsgruppe (EG) „Anstalt“ des Kriminalkommissariats 23 zurück.

Nach Angaben aus Ermittlerkreisen richtet sich das Verfahren vor allem gegen sieben männliche Justizvollzugsbeamte der JVA Euskirchen im Alter von 37 bis 58 Jahren. Sie stehen im Verdacht, Vorteile angenommen zu haben – als Gegenleistung dafür, Erleichterungen im Vollzug zu gewähren. Außerdem wird demnach auch gegen eine Justizvollzugsbeamtin (39) ermittelt sowie gegen drei ehemalige Inhaftierte im Alter von 30, 35 und 49 Jahren.

Inhaftierte sollen draußen gewesen sein, obwohl sie offiziell in ihrer Zelle saßen

Den betroffenen Gefangenen sollen nach dem bisherigen Ermittlungsstand gegen Zahlungen oder vergleichbare Vorteile unterschiedliche Lockerungen ermöglicht worden sein. Genannt werden unter anderem Ausgang, Hafturlaube oder auch Hinweise auf bevorstehende Kontrollen innerhalb der Anstalt. Dem Vernehmen nach sollen zudem Fälle bekannt geworden sein, in denen Inhaftierte außerhalb der JVA Euskirchen angetroffen wurden, obwohl sie laut den jeweiligen Haftunterlagen als anwesend geführt wurden. Daraus ergebe sich der Verdacht, dass „Ausgangszeiten“ regelwidrig, also ohne Protokollierung, gewährt worden sein könnten – oder dass Daten nachträglich verfälscht wurden.

Die Razzia startete am Mittwochmorgen an der JVA Euskirchen.

Die Razzia startete am Mittwochmorgen an der JVA Euskirchen.

Wie zu erfahren war, reicht der Ursprung des Verfahrens in den Dezember 2022 zurück. Auslöser soll ein Smartphone gewesen sein, das bei Ermittlungen gegen mutmaßliche Drogenhändler sichergestellt wurde. Durchsucht wurde am heutigen Mittwoch in den Kreisen Euskirchen (fünf Wohnungen) und Ahrweiler (ein Objekt) sowie im Rhein-Erft-Kreis (ein Objekt) und in Leverkusen (ein Objekt).

Leverkusen-Clan unter Bestechungsverdacht

Bei den ehemaligen Gefängnisinsassen, die im Zentrum der Ermittlungen stehen, soll es sich nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ um Angehörige der Leverkusener Großfamilie Goman handeln. Gegen Mitglieder des Clans laufen aktuell mehrere Strafverfahren, zahlreiche Urteile sind bereits gesprochen. Im Zentrum stehen Betrugsdelikte, von Enkeltrick- und Schockanrufen bis zu komplexeren Täuschungskonstruktionen, sowie Vorwürfe des Sozialleistungsbetrugs. Vor dem Landgericht Köln müssen sich derzeit Christopher (26) und sein Bruder Giuliano Goman (23) verantworten.

Die sogenannte Türmchenvilla der Großfamilie liegt in Leverkusen.

Die sogenannte Türmchenvilla der Großfamilie liegt in Leverkusen. (Archivbild)

Ihnen wird die Beteiligung an einer organisierten Enkeltrick-Betrugsserie vorgeworfen. Die Anklage nennt unter anderem gewerbsmäßigen Bandenbetrug. In dem Verfahren wird eine arbeitsteilige Struktur beschrieben, bei der Anrufer („Keiler“) die Opfer, meist ältere Menschen, unter Druck gesetzt haben sollen, während Abholer Bargeld und Wertgegenstände entgegennahmen.

Mitglieder der Großfamilie standen schon mehrfach vor Gericht

Bereits entschieden ist ein weiterer, umfangreicher Betrugskomplex, in dem vier Angehörige aus drei Generationen verurteilt wurden. Der Fall scheint typisch zu sein für einige Angehörige des Clans, die wegen ähnlicher Delikte schon mehrfach vor Gericht standen. In dem „Generationen-Verfahren“ ging es um besonders perfide Täuschungen. Opfer seien mit ausgearbeiteten Geschichten in Sicherheit gewiegt worden, es sei mit falschen Wertgegenständen, gefälschten Dokumenten und manipulativen Übergabesituationen gearbeitet worden.

Als Einzelfall wurde vor Gericht geschildert, dass eine 73-jährige frühere Dozentin dazu gebracht worden sei, einen Kredit über 24.000 Euro aufzunehmen. Insgesamt habe sie 38.000 Euro an die Täter gegeben. In einem weiteren Beispiel wird ein 87-jähriger Mann genannt, dem die Täter mehr als 270.000 Euro abgenommen haben sollen.

Familie ist seit Jahrzehnten polizeibekannt

Die Strafen fielen im Juni vergangenen Jahres deutlich aus. Der Haupttäter erhielt siebeneinviertel Jahre, ein Verwandter sechseinviertel Jahre Haft. Ein 61‑jähriger Angeklagter wurde zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt, obwohl er nur an einer der Straftaten beteiligt gewesen sein soll. Bei der Strafzumessung spielte nach den Ausführungen des Gerichts die lange Vorstrafenliste eine zentrale Rolle. Genannt wurden 26 frühere Verurteilungen, vielfach wegen Betrugs. Lediglich der zur Tatzeit 21 Jahre alte Vater einer Tochter kam glimpflich davon. Gegen ihn wurde Jugendstrafrecht angewandt und er musste nicht ins Gefängnis.

Seit Jahrzehnten beschäftigt die Großfamilie Polizei und Justiz. In den 60er Jahren zugewandert, entwickelten zahlreiche Mitglieder ein national wie auch international operierendes Betrüger-Syndikat. Der Clan, ein schwer durchschaubares Geflecht aus vielen verschiedenen „Einzelfamilien“, protzte in der Vergangenheit freimütig mit großzügigen Anwesen oder teuer eingerichteten Wohnungen im Raum Leverkusen. Man fuhr Mercedes und Rolls Royce. Offiziell aber gaben sich Dutzende Mitglieder der Großfamilie als mittellos aus und bekamen Hartz-IV-Bezüge.

Neben Seniorenabzocke und Sozialleistungsbetrug gab es aber auch Vorwürfe wegen Kreditschwindel, Steuerhinterziehung und Geldwäsche. So soll beispielsweise ein schwer krebskranker Eigentümer durch Vollmachten und Kreditkonstruktionen wirtschaftlich geschädigt worden sein.