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AusstellungBedburger Fotograf zeigt Menschen mit besonderer Lebensgeschichte

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Das Foto zeigt einen Mann, der keine Beine mehr besitzt, auf einem Stuhl. Neben ihm steht ein Motorrad.

Auch Florian, der bei einem Motorradunfall beide Beine verlor, gehört zu den Menschen, die Hannes Keßler porträtiert hat.

Die Ausstellung „Lebenslinien – Anders als gedacht“ zeigt würdevolle Fotos etwa von schwerkranken Menschen.

Unübersehbar sind die Spuren, die die schwere Krebserkrankung in Körper und Seele von Heike hinterlassen hat. Dennoch hatte sie keine Scheu, sich mit entblößtem Oberkörper von Hannes Keßler fotografieren zu lassen. „Mit extremer Offenheit“ ist sie dem Fotografen entgegen getreten, dem ein berührendes, würdevolles Porträt der vom Schicksal gleich mehrfach gebeutelten Frau gelungen ist.

Die Fotoserie von Menschen, deren Leben unerwartet eine dramatische Wendung genommen hat, ist für den 39-Jährigen ein „Herzensprojekt“ geworden. Angefangen hat es vor drei Jahren, als ein Paar um die Sechzig ihm den Auftrag erteilte, es zu fotografieren. Der Mann war lebensbedrohlich erkrankt, die Fotos sollten der Erinnerung dienen.

Bedburg: Die Neugierde an Menschen geweckt

Bei Hannes Keßler war damit die „Neugierde an Menschen und ihren Geschichten“ geweckt. Er kontaktierte Mitarbeitende aus dem medizinisch-sozialen Bereich, die ihm Kontakte vermittelten, und ging selbst „mit offenen Augen und Ohren durch die Weltgeschichte“. So kam er in Berührung mit Menschen, deren Leben durch Brüche, Wendungen und Neuanfänge gekennzeichnet war.

Keßler, der eigentlich auf Hochzeitsfotografie spezialisiert ist und Fotokurse gibt, suchte sie in ihrem privaten Umfeld auf, entwickelte mit ihnen gemeinsam eine Bildidee und vereinbarte einen Fototermin. „Einige sind auch wieder abgesprungen“, gibt er allerdings offen zu. Aus den vertrauensvollen Gesprächen entstanden intime Aufnahmen von bemerkenswerter Tiefe, die niemandem kalt lassen. „Ich wollte kontextbezogene Fotos machen und habe überlegt, was die Wirkung unterstreichen könnte“, berichtet der gebürtige Wismarer, der in Viersen aufgewachsen ist, „ich bin dankbar, dass die Leute mich so nah an sich herangelassen haben“.

Das Foto zeigt einen Mann, der eine große Fotografie hält.

Ungeschönt und berührend sind die Porträts, die Hannes Keßler von Menschen gemacht hat, deren Leben durch Krankheit, Verlust und Abschied eine Wendung nahm.

Seine Aufnahmen zeigen Menschen in ihrer Verletzlichkeit. Jedes Bild steht für eine Biografie, jede Begegnung für eine besondere Geschichte. Jedes Bild erzählt von Krankheit, Verlust, Abschied oder einem hoffnungsvollen Neubeginn. Der gelang etwa Florian, der als 17-Jähriger einen Motorradunfall hatte, bei dem er beide Beine verlor. Heute ist er ein bekannter Autor, der Lesungen in ganz Deutschland hat und für eine Spendensammlung mit dem Handbike vom Norden in den Süden des Landes geradelt ist.

Steven erzählte Hannes Keßler vom schweren Weg einer Geschlechtsumwandlung; Heike und Andreas, beide an Multipler Sklerose erkrankt, finden in der Zweisamkeit Halt, und Herbert, der von der Flutkatastrophe an der Ahr betroffen war, weiß jetzt, welche Dinge im Leben wirklich zählen.

Das Foto zeigt eine Frau im Porträt.

Intime Aufnahmen von bemerkenswerter Tiefe sind dem Fotografen Hannes Keßler gelungen.

Keßler selbst, von seinen Freunden wegen seines Lebenstempos „Hannes Dampf in allen Gassen“ genannt, überlebte wie durch ein Wunder einen schweren Autounfall mit nur leichten Blessuren; Ehefrau Elena kam als Kind einer schwer drogenabhängigen Mutter zur Welt und wuchs in einer als Adoptivfamilie auf.

Keßlers Aufnahmen sind jetzt erstmals öffentlich in einer Ausstellung im Haus Spiess in Erkelenz zu sehen. „Lebenslinien – Anders als gedacht“ ist die Schau betitelt, bei deren Eröffnung die Besucher „alle nasse Augen hatten“ und positive Rückmeldungen hinterließen. „Man wird noch mal geerdet und ordnet sein eigenes Leben neu ein“, hinterließ jemand auf einem „Feedback-Kärtchen“ als Kommentar. „Eine Ausstellung, die lange im Herzen bleibt und zum Nachdenken anregt“, schrieb ein anderer.

Mit seiner Frau Elena, einer Grafikdesignerin, hat Hannes Keßler ein Katalogbuch herausgegeben, in dem neben den Fotografien die Geschichten der Porträtierten erzählt werden. „Ich will aufklären, begeistern und emotionalisieren“, erklärt der Fotograf seine Motivation.

Die Ausstellung „Lebenslinien – Anders als gedacht“ im Haus Spiess, Franziskanerplatz 10 in Erkelenz, läuft noch bis zum 3. Mai. Geöffnet ist samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr. Das Katalogbuch zur Ausstellung kostet 19,90 Euro.