35 Fälle seit Pfingsten: Schüsse, Brandsätze, Sprengsätze. 24 Tatverdächtige sind festgenommen, und die Liste der Tatorte liest sich wie eine Karte der Verunsicherung: Modegeschäfte an der Mittelstraße, eine Glasfront am Maternusplatz, Uhrengeschäfte in der Breite Straße und der Apostelnstraße. Wer in Köln einkauft, abends essen geht oder einfach durch die Innenstadt läuft, fragt sich zu Recht, wie sicher das noch ist.
Dass bisher niemand verletzt wurde, ist kein Grund zur Entwarnung. Es ist eher ein Warnsignal. Gewalt eskaliert oft nach eigener Logik, und Schüsse auf Fassaden sind selten das Ende einer Entwicklung. Wenn Gewalt zur Dienstleistung wird, die für einige Hundert Euro bestellt werden kann, ist jeder Schuss ein Risiko für Passanten, Beschäftigte und Anwohner. Die Sorge ist deshalb nicht übertrieben. Sie ist nüchtern betrachtet angemessen. Sie fällt zudem in eine Zeit voller Krisen und Krieg, die die Gesellschaft ohnehin verunsichern und ängstigen. Wer sich von Nachrichten aus aller Welt bereits erschöpft fühlt, reagiert auf jede weitere Schreckensmeldung umso empfindlicher.
Zwischen Sorge und Sachlichkeit
Trotzdem lohnt ein genauerer Blick, als das Wort „Anschlagserie“ erlaubt. Die Ermittler warnen selbst davor, alles in einen Topf zu werfen. Ein Teil der Taten geht auf Erpresser zurück, die wohlhabende Geschäftsleute mit hohen Geldforderungen unter Druck setzen. Andere Spuren führen in den Drogenhandel, in die Rockerszene oder in private Fehden. Der Begriff „Gen-Z-Mafia“ verstellt den Blick mehr, als er erklärt. Wer die Motive trennt, kann gezielter ermitteln. Pauschale Panik hilft dagegen vor allem den Tätern.
Hinzu kommt: Die Zahl 35 beschreibt Ereignisse, keine Wahrscheinlichkeiten. Sie sagt wenig darüber aus, wie groß das Risiko für einen unbeteiligten Kölner tatsächlich ist. Viele Angriffe richten sich gegen Geschäftsleute, die nach Einschätzung der Ermittler gezielt ausgewählt wurden. Das macht die Gewalt nicht harmloser, aber das Bild falsch, jeder Passant stehe im Fadenkreuz. Köln hat 2024 zudem einen Drogenkrieg erlebt, bei dem es ebenfalls Explosionen und Entführungen gab. Auch damals war die Lage bedrohlich, aber sie blieb nicht unbeherrschbar, und Beteiligte wurden inzwischen verurteilt.
Was jetzt zu tun ist
Was folgt daraus für den Alltag? Erstens: Beobachtungen wie Schüsse oder verdächtige Spuren sofort über den Notruf 110 melden, statt sie ungeprüft in sozialen Netzwerken zu verbreiten. Spekulationen erschweren die Ermittlungen. Zweitens: Geschäftsleute, die Drohungen erhalten, sollten nicht zahlen und umgehend Anzeige erstatten. Wer schweigt oder zahlt, macht das Geschäftsmodell der Erpresser profitabel. Drittens: Die Stadt nicht aus Angst zu meiden. Eine Innenstadt, die sich leert, hätte den Tätern schon einen Erfolg verschafft.
Die Hauptlast liegt bei Polizei und Justiz, die Auftraggeber im Ausland und verschleierte digitale Spuren verfolgen müssen. Dafür braucht es Personal und Ressourcen, und die Politik ist in der Pflicht, sie bereitzustellen. Aber auch die Gesellschaft hat eine Aufgabe. Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, wachsam zu bleiben, ohne sich von der Angst bestimmen zu lassen.


