Eine Szene, die fast schon traurige Routine geworden ist: Einschusslöcher in der Kölner Innenstadt, diesmal an einem Uhrengeschäft in der Apostelnstraße. Davor die Spurensicherung, ein Diensthund ist angefordert. Es ist früher Freitagmorgen, gegen vier Uhr wurde die Polizei informiert. Niemand ist verletzt worden. Die Schützen sind verschwunden. Nur neun Tage zuvor hatten Beamte an der nahe gelegenen Breite Straße Spuren eines ähnlichen Angriffs gesichert. Zwei Verdächtige wurden damals festgenommen. Nun stehen die Ermittler vor dem nächsten beschossenen Uhrengeschäft. Ob die Taten zusammenhängen, wissen sie noch nicht.
Seit Monaten werden in Köln Geschäfte und Wohnhäuser beschossen, Brandsätze gelegt und Sprengsätze gezündet. Die Ziele sind unterschiedlich: Modegeschäfte, Juweliere, Gaststätten, Privathäuser. Ebenso unterschiedlich können die Hintergründe sein. Hinter einem Teil der Angriffe stehen nach Einschätzung der Ermittler Erpresser, die Geschäftsleute einschüchtern wollen. Andere Spuren führen in den Drogenhandel oder in die Rockerszene. Die ähnliche Vorgehensweise darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen: Es handelt sich nicht zwangsläufig um eine zusammenhängende Serie mit einem gemeinsamen Auftraggeber.
Was die Zahlen sagen – und was nicht
Die Kölner Polizei ermittelt in 35 Fällen seit Pfingsten. In den verschiedenen Tatkomplexen wurden 24 Tatverdächtige festgenommen. Die Zahl umfasst ausdrücklich nicht nur Schüsse, sondern auch Brand- und Sprengstoffanschläge auf Geschäfte und Wohnhäuser. Aus den Verdächtigen lässt sich aber längst noch keine Aufklärungsquote ableiten. Und die Festnahme eines Schützen bedeutet nicht, dass auch der Auftraggeber ermittelt ist.

Auf ein Geschäft mit Luxusuhren in der Kölner Breite Straße wurden erstmals im August dieses Jahres Schüsse abgegeben. Die Polizei (KTU) sicherte die Spuren.
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Die Liste der Tatorte ist schockierend. Am 13. Oktober beispielsweise wurden elf Schüsse auf zwei Filialen des Modegeschäfts Apropos an der Mittelstraße abgegeben. Am 17. Oktober traf es ein zur Tatzeit leeres Einfamilienhaus im Stadtteil Merkenich und die Glasfront eines Restaurants am Maternusplatz im Stadtteil Rodenkirchen. Auch im Umland außerhalb der Stadt wurde geschossen: auf das Wohnhaus einer Familie in Troisdorf und auf ein Wohn- und Geschäftshaus in Brühl.
Geldforderungen, durchgesetzt mit Schüssen
Ein Ermittlungsstrang führt zu den sogenannten „Daltons“. Die ursprünglich türkische Gruppierung operiert nach Erkenntnissen aus Sicherheitskreisen inzwischen vor allem aus Georgien. Ihr Geschäft ist die Erpressung. Geschäftsleute erhalten über WhatsApp oder andere Kommunikationswege hohe Geldforderungen, Schüsse auf Ladenlokale oder Wohnhäuser sollen den Forderungen Nachdruck verleihen. Für die Auswahl kann genügen, dass jemand wohlhabend erscheint. Oliver Huth, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Nordrhein-Westfalen, beschreibt Recherchen über Internetauftritte und das Umfeld möglicher Opfer. Eine Forderung habe sinngemäß gelautet: „Die Straße hat entschieden, zahle 500.000 Euro.“ Betroffen seien in der Regel Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln, die selbst nichts mit Kriminalität zu tun hätten.
Dabei ist zwischen Erpressung und Konflikten innerhalb des kriminellen Milieus zu unterscheiden. Wer ein Geschäft betreibt und bedroht wird, ist deshalb nicht selbst Teil organisierter Kriminalität. In anderen Fällen vermuten Ermittler dagegen, dass Drogenhändler mit Schüssen Forderungen gegenüber Konkurrenten durchsetzen. Auch Auseinandersetzungen unter Rockern und private Fehden kommen als Hintergrund infrage. Der häufig verwendete Sammelbegriff „Gen-Z-Mafia“ erklärt diese Unterschiede kaum. Er legt nahe, dass vor allem eine neue Generation sehr junger Täter das Geschehen bestimmt. Tatsächlich können hinter den ausführenden Schützen längst etablierte kriminelle Strukturen stehen. Für die Ermittlungen ist deshalb entscheidend, jeden Angriff zunächst für sich zu untersuchen.
Was die Angriffe mit dem Drogenkrieg von 2024 verbindet
Die Bilder erinnern an den Kölner Drogenkrieg von 2024: Explosionen vor Gebäuden, Entführungen und Gewalttaten, die weit über das kriminelle Milieu hinaus für Verunsicherung sorgten. Anders als bei vielen heutigen Angriffen ließ sich damals ein konkreter Ausgangskonflikt rekonstruieren. Aus einem Drogendepot in Hürth waren rund 350 Kilogramm Marihuana geraubt worden. Eine Bande aus Köln-Kalk soll daraufhin Gewalt in Auftrag gegeben haben, um die verschwundenen Drogen zurückzubekommen und die vermuteten Verantwortlichen unter Druck zu setzen. Beteiligte wurden inzwischen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Die häufige Bezeichnung als Anschlagserie der „Mocro-Mafia“ greift allerdings zu kurz. Zunächst war ein Vordringen niederländischer Drogenbanden vermutet worden. Die Ermittlungen führten jedoch vor allem zu regionalen Drogenhändlern, die Niederländer als ausführende Täter angeworben hatten. Schon damals gehörte zur Vorgehensweise, Gewalt gegen Bezahlung ausführen zu lassen. Genau diese Arbeitsteilung begegnet den Ermittlern heute wieder – nur bei unterschiedlichen Konflikten und Auftraggebern.
Gewalt als Dienstleistung
Diejenigen, die schießen, sind also nicht unbedingt diejenigen, die Geld fordern. Jugendliche und junge Erwachsene werden über soziale Medien und Nachrichtendienste angeworben, um gegen Bezahlung Anschläge auszuführen. Für einige Hundert Euro übernehmen sie die Gewalt vor Ort. „Violence as a Service“ nennen Ermittler diese Vorgehensweise – Gewalt als Dienstleistung. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede. Huth zufolge wissen junge Schützen bei den Daltons häufig, für welche Gruppierung sie arbeiten. Daneben werden Menschen angeworben, die weder Auftraggeber noch Opfer kennen und teilweise aus den Niederlanden, Schweden oder Italien anreisen.
Diese Trennung erschwert die Aufklärung. Schützen sind maskiert, Auftraggeber sitzen oft im Ausland, digitale Verbindungen werden verschleiert. Die Polizei spricht von einem Geschäft, in dem die Ausführenden „nahezu beliebig ausgetauscht“ werden können. Im Fall der Breite Straße soll ein 42-Jähriger mit einer Maschinenpistole geschossen und ein 18-Jähriger die Tat gefilmt haben. Gegen beide wurden Haftbefehle beantragt, nach einem dritten Verdächtigen wird gesucht. Die Staatsanwaltschaft vermutete einen Auftrag von Hintermännern, die Schutzgeld erpressen wollen.
Ein bundesweites Problem – ohne einheitliche Bilanz
Das Phänomen reicht weit über Köln hinaus. Bundesweit nennen Ermittler 460 Fälle im Dalton-Umfeld. Wie viele Drohungen, Schussabgaben oder Brandanschläge darin enthalten sind und welchen Zeitraum die Zählung umfasst, bleibt offen. Ermittler vermuten zudem ein großes Dunkelfeld, weil Betroffene aus Angst schweigen oder zahlen, ohne die Polizei einzuschalten.


