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Kommandowechsel in NRWDer General, der Klartext über die Bundeswehr redete, tritt ab

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Hendrik Wüst (CDU, r), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, nimmt neben Brigadegeneral Hans-Dieter Müller an der feierlichen Kommandoübergabe beim Landeskommando Nordrhein-Westfalen teil.

Hendrik Wüst (CDU, r), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, nimmt neben Brigadegeneral Hans-Dieter Müller an der feierlichen Kommandoübergabe beim Landeskommando Nordrhein-Westfalen teil. 

Der scheidende Kommandeur des Landeskommandos NRW, Hans-Dieter Müller, hat die neue Bedrohungslage nie beschönigt – und NRW auf die Zeitenwende eingeschworen. Was hat sein Nachfolger jetzt vor? 

Hendrik Wüst war nie bei der Bundeswehr, aber er hat kein Problem damit, beim Abschreiten der Militärparade den Gleichschritt mit den Generälen einzuhalten. Gleich steht der feierliche Moment bevor, zu dem sich 350 Gäste – darunter fast das komplette Landeskabinett – versammelt haben. Brigadegeneral Hans-Dieter Müller, Kommandeur des Landeskommandos NRW, übergibt die Truppenfahne an seinen Nachfolger, Brigadegeneral Walter Schulte. Das Musikkorps Münster spielt die Nationalhymne – die Zuschauer auf den Tribünen erheben sich und singen mit.

Militärische Zeremonien wirken bisweilen etwas aus der Zeit gefallen. Durch die Zeitenwende und die neue Bedeutung der Bundeswehr stoßen die Rituale wieder auf breite Akzeptanz. Bevor Wüst zu seiner Rede ansetzt, ruft Generalleutnant André Bodemann den Soldaten die Kommandos zu: „Augen geradeaus. Paradeaufstellung, rührt Euch!“

Das Ritual der Fahnenübergabe dauert nur wenige Augenblicke. Doch es markiert einen Wechsel, der über die Personalie eines einzelnen Generals hinausweist. Mit der Fahne geht symbolisch auch die Verantwortung für die territoriale Bundeswehr in NRW von einem Kommandeur zum nächsten. Müller hat das Landeskommando seit 2023 geführt. Der Sauerländer war das Gesicht der Bundeswehr gegenüber Landespolitik, Wirtschaft und Gesellschaft in NRW. Wüst beschreibt den General als einen bodenständigen, direkten und verlässlichen Menschen mit Hartnäckigkeit und Humor. „Sie können Menschen erreichen, begeistern und mitnehmen“, sagt der Ministerpräsident.

Wüst beschreibt das Landeskommando als zentrale Schnittstelle zwischen Bundeswehr und Landesregierung. Es soll die militärischen Anforderungen der neuen Sicherheitslage mit den zivilen Strukturen des Landes verbinden. „Die neue sicherheitspolitische Lage verändert auch die Aufgabe des Landeskommandos“, sagt Wüst. Mehr denn je komme es darauf an, dass Bundeswehr und zivile Kräfte Hand in Hand arbeiteten.

Wüst weist auf die Rolle von NRW bei der Aufrüstung der Bundeswehr hin. „Wir müssen die Zeitenwende umsetzen, Deutschland muss verteidigungsfähig werden. Und Deutschland muss als Drehscheibe für die Verteidigung Europas funktionieren. NRW ist dabei zentraler Knotenpunkt.“

Auch Müller unterstreicht in seiner Abschiedsrede die Notwendigkeit der Aufrüstung. Deutschland müsse sich auf einen möglichen Krieg vorbereiten. „Die Bedrohung, der sich unser Land ausgesetzt sieht, ist real“, sagt der bisherige Kommandeur. „Wir müssen davon ausgehen, dass Russland nicht von dem Versuch ablassen wird, weitere Grenzen mit Gewalt zu verschieben.“

Müller gilt als General, der Klartext redet. Als er 2024 gefragt wurde, ob die Bundeswehr einsatzbereit sei, antwortete er: „Eher nicht!“ Die Schuld dafür gab er ausdrücklich nicht den Soldaten. Die Bundeswehr sei „klassisch heruntergespart worden – über Parteigrenzen hinweg“. Und fügte hinzu: „Wir kochen mit kaltem Wasser.“

Das war bemerkenswert offen. Müller beschrieb damit nicht nur ein Problem der Truppe, sondern eines der deutschen Sicherheitspolitik. Er war nicht nur der oberste militärische Repräsentant der Bundeswehr im Land – sondern zugleich einer ihrer wichtigsten Erklärer. Drei Jahre lang hat er versucht, NRW auf die neue militärische Wirklichkeit einzustellen. Wüst beschreibt das so: „Sie haben, wenn man so will, unserem Land den sicherheitspolitischen Blutdruck gemessen. Und dazu aufgerufen, gemeinsam noch mehr zu tun.“

NRW ist wegen seiner Lage, seiner Verkehrswege und seiner industriellen Infrastruktur ein zentraler Raum für die Nato-Bündnisverteidigung. Über Straßen, Schienen und Wasserwege müssten im Spannungs- oder Verteidigungsfall Soldaten, Panzer, Fahrzeuge und Nachschub bewegt werden. Das Landeskommando koordiniert dabei die Zusammenarbeit mit Landesregierung, Kommunen, Polizei und anderen Behörden. Rund 600 Reservisten sind dafür vorgesehen. Sie kennen die Strukturen vor Ort und sollen im Krisenfall die Verbindung zwischen militärischen und zivilen Einsatzstäben herstellen.

Die zweite Aufgabe des Landeskommandos ist die Amtshilfe in Notlagen. Bei Hochwasser, Waldbränden oder schweren Unglücksfällen kann das Landeskommando auf Anforderung ziviler Behörden Bundeswehrkräfte vermitteln. Doch Deiche, die gerettet werden müssen, sind längst nicht mehr die eigentliche strategische Herausforderung.

Die Kommandoübergabe beim Landeskommando ist mehr als ein bloßer Personalwechsel. Der neue Chef, Walter Schulte, wurde 1969 geboren und ist Panzertruppenoffizier mit internationaler Einsatzerfahrung. Zuletzt war er als Abteilungsleiter im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr eingesetzt. Dort waren Personalführung und Personalgewinnung seine Kernaufgaben.

Diese Qualifikation könnte für seinen neuen Job wichtiger sein als manche Einsatzmedaille. Denn die Bundeswehr soll wachsen – und zwar erheblich. Sie braucht Soldaten, Reservisten und zivile Beschäftigte. Dafür braucht sie aber zunächst mehr Menschen, die bereit sind, mitzumachen.

Genau hier liegt ein politisches Problem. Die Personalwerbung der Bundeswehr ist umstritten. Kritiker werfen der Truppe seit Jahren vor, den Soldatenberuf zu stark als attraktiven Job, Abenteuer oder Lifestyle darzustellen und die Risiken von Verwundung, Tod und Krieg in den Hintergrund zu rücken. Die Debatte um Kampagnen wie „Mach, was wirklich zählt“ zeigt, wie schwierig die Balance ist: Die Bundeswehr muss werben, ohne die Realität des Soldatenberufs zu beschönigen.

Bei der Bundeswehr in NRW arbeiten derzeit an rund 300 Dienststellen und 25 Standorten noch etwa 40.000 Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Beschäftigte. Zum Vergleich: Rund 148.000 Soldaten standen 1990 in NRW – davon 77.000 ausländische Verbündete. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde ein Standort nach dem anderen geschlossen. Die Unterbringung neuer Rekruten gerät jetzt zum Kampf gegen die Zeit.

Müller geht – Schulte übernimmt. Der eine hat den Wandel erklärt. Der andere muss nun dabei helfen, ihn personell möglich zu machen.