Beim Olympia-Entscheid geht es nicht nur um Sport, sondern auch darum, wer das Rennen der möglichen Merz-Nachfolger für sich entscheidet.
Wüst und Söder kämpfen um die SpieleWer gewinnt das Armdrücken um Olympia?

Markus Söder (r), Bayerns Ministerpräsident und CSU-Parteichef, und Hendrik Wüst, NRW-Ministerpräsident (CDU), stehen bei einem Volksfest mit Bierkrügen auf der Bühne.
Copyright: dpa
Die Entscheidung fällt in einer prachtvollen Kulisse. Im klassizistischen Kurhaus von Baden-Baden stimmen am Samstag die Delegierten über den deutschen Olympia-Kandidaten ab. Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und DOSB-Präsident Thomas Weikert das Ergebnis auf der Bühne verkünden, dürften sich die Kameras vor allem auf zwei Akteure richten: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein Amtskollege Hendrik Wüst (CDU) sitzen mit im Publikum. Wer bricht in Jubel aus – und wem steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben?
Nachdem Berlin seine Bewerbung in dieser Woche zurückgezogen hat, kommt es in Baden-Baden zum Showdown der Kandidaturen aus Bayern und NRW. Beide Bewerbungen werden von den jeweiligen Ministerpräsidenten angeführt, und die sind aus einem ähnlichen Holz geschnitzt. Söder und Wüst gehören zu den mächtigsten Männern in der Union. Beide trauen sich zu, Friedrich Merz als Bundeskanzler nachzufolgen. Der Zuschlag für Olympia wäre für beide mehr als ein Prestigeerfolg. Der „Kampf ist wie ein Armdrücken“, sagte ein Mitglied der NRW-Delegation unserer Redaktion. „Der Sieger beweist, dass er mehr Muckis hat.“
Bayern gegen NRW – das ist ein Duell, bei dem die Emotionen hochschlagen. In der vom DOSB am Dienstag vorgelegten Konzept-Bewertung liegt München knapp vorn. Auch deshalb, weil die „internationale Strahlkraft“ der bayerischen Landeshauptstadt höher eingeschätzt wird als die von Köln. Im Süden gibt man sich schon siegessicher. „Auf München ist Verlass“, heißt es bei den Unterstützern. Köln hingegen kriege nichts auf die Reihe, da müsse man ja nur mal einen Blick auf die Verzögerungen bei der Sanierung der Oper werfen, heißt es. „Wir bewerben uns für 2036, 2040 oder 2044 – und nicht für 2076, 2080 oder 2084“, lästert ein München-Botschafter.
Eine Rivalität mit Geschichte
Die Rivalität der Bundesländer hat eine lange Geschichte. Bayern ist flächenmäßig größer als NRW, hat aber weniger Einwohner. München ist dank der Wittelsbacher eine Residenzstadt mit bedeutenden Schlössern und Parkanlagen, Köln wirkt weniger repräsentativ und improvisierter. Bayern kommt geschniegelt daher, Köln mit Schrammen. Wo München auf Stolz und Selbstbewusstsein setzt, antworten die Rheinländer mit Humor und Lebensfreude.
Gut, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst kommt aus dem Münsterland, aber er ist immerhin ein großer Fan des 1. FC Köln und – wohldosiert – auch ein Freund des Frohsinns. Söder nutzt Humor, um Aufmerksamkeit für seine politische Inszenierung zu erzeugen. „Er kommt raumgreifend mit breiter Brust daher, Hendrik wirkt dagegen ruhig und kontrolliert“, sagt ein Sportpolitiker der CDU‑Landtagsfraktion. Mögen sich die beiden? Antwort: „Hm, schwer zu sagen.“
Gemeinsame Vergangenheit
Söder und Wüst kennen sich seit mehr als 20 Jahren persönlich. Beide gehörten zur sogenannten „Einstein-Connection“, die sich 2007 im Berliner Café Einstein zusammenfand. Söder war zu dieser Zeit CSU-Generalsekretär, Wüst Generalsekretär der NRW-CDU. Gemeinsam verfassten sie ein Papier mit dem Titel „Moderner bürgerlicher Konservatismus“, mit dem sie sich gegen den damaligen Kurs Angela Merkels in Richtung politische Mitte positionieren wollten. Wüst distanzierte sich später teilweise von seinem damaligen politischen Denken. In einem Porträt in der „Zeit“ sagte er rückblickend, das Papier sei aus heutiger Sicht eher misslungen – er habe damals vieles anders gesehen und sei inzwischen politisch „erwachsen“ geworden.
Wüst und Söder starteten politisch nicht als Rivalen, sondern als Verbündete innerhalb der jungen konservativen Union. Heute stehen sie teilweise für unterschiedliche Vorstellungen davon, wie breit die Union sein sollte. Bei gemeinsamen Auftritten geben sie sich kumpelhaft, necken sich gegenseitig – aber keiner der beiden ist so naiv, den anderen politisch aus den Augen zu lassen.
Denn: Markus Söder genießt bei der NRW-CDU nicht den besten Ruf. In der Führungsriege hat man nicht vergessen, wie der Franke dem damaligen Ministerpräsidenten Armin Laschet 2021 den Bundestagswahlkampf verhagelt hat. Die Mischung aus formaler Loyalität und ständigen Signalen, dass er selbst der bessere Kandidat gewesen wäre, ist vielen in unangenehmer Erinnerung geblieben. Laschet hatte Söder vertraut – und wurde bitter enttäuscht. „Dem Söder kannst du keinen Meter über den Weg trauen“, lautet das Urteil eines CDU-Bezirksvorsitzenden, das viele Unionspolitiker nördlich des Weißwurstäquators teilen.
Schon allein deshalb genießt die NRW-Bewerbung im Kreis der CDU-Ministerpräsidenten offenbar große Sympathien. Ein Dämpfer für Söder würde die gleiche Schadenfreude auslösen wie eine Niederlage des FC Bayern im Pokalspiel gegen einen Drittligisten. Wenn NRW verliert, wäre das jedenfalls nach dem zweiten Platz in der Evaluierung keine große Überraschung. Für Söder dürfte eine Niederlage schwerer hinzunehmen sein. Bleibt er seinem Muster treu, wird er zu Wüst sagen: „Ich gönne dir den Sieg – aber du weißt natürlich, dass eigentlich wir besser waren.“
