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SchutzgebietBekommt NRW einen zweiten Nationalpark?

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view from mountain Wilzenberg tower Wilzenbergturm in mountain range Rothaargebirge to Bödefeld telecommunications tower at sunrise Schmallenberg Sauerland Nordrhein-Westfalen, North Rhine Germany

Blick von Wilzenberg im Rothaargebirge

Der Kreis Siegen-Wittgenstein will prüfen lassen, ob das Rothaargebirge geeignet ist. Naturschützer sehen Chancen für mehr Wildnis und Artenvielfalt, Kritiker warnen vor neuen Einschränkungen.

Mit dem knappen Votum im Kreistag von Siegen-Wittgenstein ist die Debatte über einen zweiten Nationalpark in Nordrhein-Westfalen neu entfacht. Der Kreis will erneut prüfen lassen, ob im Rothaargebirge die Voraussetzungen für einen Nationalpark geschaffen werden können. Damit bekommt ein Projekt neuen Schwung, das die schwarz-grüne Landesregierung eigentlich schon 2023 angestoßen hatte, das dann aber an Widerständen vor Ort zu scheitern drohte.

Der Nationalpark Eifel ist bislang das einzige als solches gekennzeichnete Schutzgebiet in NRW. CDU und Grüne hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, einen Beteiligungsprozess für einen zweiten Nationalpark zu starten. Ministerpräsident Hendrik Wüst machte später deutlich, dass er an diesem Ziel festhält – zugleich aber nur dort einen Sinn sieht, wo die Menschen in der Region ein solches Vorhaben auch mittragen. Umweltminister Oliver Krischer hatte den Findungsprozess im September 2023 offiziell gestartet. Gedacht war an ein offenes Verfahren, in dem sich interessierte Regionen bewerben können.

Allerdings winkten mehrere Regionen ab. Ende 2024 scheiterte auch der Reichswald im Kreis Kleve, die letzte verbliebene in Frage kommende Region, in einem Bürgerentscheid.

Im Landtag war danach bereits von einer vorerst gescheiterten Nationalparksuche die Rede. Die Entscheidung des Kreistages Siegen-Wittgenstein befeuert die Debatte nun nochmal neu.

Umweltverbände: NRW hat Nachholbedarf

Nationalparke gelten als die hochwertigste Schutzkategorie für großräumige Naturlandschaften. Sie sollen groß genug, möglichst unzerschnitten und ökologisch so wertvoll sein, dass sich Naturprozesse dort weitgehend ohne menschliche Eingriffe entfalten können. Umweltverbände verweisen darauf, dass NRW beim Schutz großer Wildnisflächen Nachholbedarf hat.

Ein weiterer Nationalpark könne laut BUND helfen, Biodiversität zu sichern, Wälder aus der Nutzung zu nehmen und natürliche Entwicklung in größerem Maßstab zuzulassen. Der Nabu verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Biodiversitätsziele Deutschlands, wonach mehr Waldflächen dauerhaft aus der Nutzung genommen und Wildnisentwicklungsgebiete gesichert werden sollen.

Sorge vor Restriktionen

Befürworter argumentieren zudem mit ökonomischen Chancen. Der Nationalpark Eifel dient ihnen als wichtigstes Beispiel. Nach Angaben aus dem Umfeld des Umweltministeriums wurden dort mehr als 11.300 Tier-, Pilz- und Pflanzenarten nachgewiesen. Bereits eine Studie für die Jahre 2014/2015 kam bei damals 870.000 Besuchen auf einen regionalen Umsatz von mehr als 30 Millionen Euro. Inzwischen zählt der Nationalpark Eifel rund 1,4 Millionen Gäste im Jahr.

Kritiker aus Wirtschaft, Land- und Forstwirtschaft fürchten hingegen zusätzliche Flächenrestriktionen, Nachteile für Betriebe und Konflikte mit Infrastruktur- und Energieprojekten.

In der politischen Debatte wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Windkraftanlagen als Ausschlusskriterium für eine Nationalpark-Ausweisung gelten. Auch die Bewirtschaftung von Waldflächen wäre in einem Nationalpark stark eingeschränkt.

Für Siegen-Wittgenstein beginnt die Diskussion nun also von vorn – allerdings unter veränderten Vorzeichen. Anders als 2024 geht es diesmal zunächst nicht um eine direkte Bewerbung, sondern um eine ergebnisoffene Prüfung. Fachleute von Behörden, Institutionen und Verbänden sollen gemeinsam mit der Politik ausloten, welche Bedingungen für einen Nationalpark im Rothaargebirge überhaupt erfüllt sein müssten. Ab September könnte der Kreistag dann entscheiden, ob aus der Prüfung ein politisches Ja wird.