Die Landesregierung will Kinder mit Sprachförderbedarf mithilfe von verpflichtenden ABC-Klassen fit für die erste Klasse machen. Bei einer Anhörung im Landtag stieß der schwarz-grüne Entwurf jedoch auf Kritik.
Anhörung im LandtagABC-Klassen stoßen bei Experten auf breite Kritik

Schüler melden sich im Unterricht. (Symbolbild)
Copyright: Sebastian Gollnow/dpa
Kinder in NRW brauchen mehr Sprachförderung. Wenigstens in dem Punkt stimmten Expertinnen, Experten und Verbände mit der Landesregierung am Mittwoch bei einer Anhörung im Schulausschuss des Landtages überein. Die Ausgangslage ist alarmierend: Laut der Schuleingangsuntersuchung reichen bei einem Drittel der Kinder die Deutschkenntnisse nicht aus, um aktiv am Unterricht teilzunehmen. Dieses Problem will die Landesregierung mit den ABC-Klassen angehen, einer verpflichtenden Vorschulförderung für Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen. Hier endete die Einigkeit der Sachverständigen mit der Landesregierung: Das Konzept stieß in der Anhörung auf breite Kritik.
Das schwarz-grüne Gesetzesvorhaben krempelt die Schuleingangsuntersuchungen um. Die Schulanmeldung soll von Herbst auf das Frühjahr im Jahr vor der Einschulung vorgezogen werden. Kinder durchlaufen dabei eine einheitliche Sprachstandsfeststellung. Zeigen sie darin erhebliche Probleme, kommen sie in sogenannte ABC-Klassen. Heißt: Rund 50.000 Kinder in NRW sollen künftig verpflichtend zweimal die Woche von Grundschulpädagogen in Deutsch unterrichtet werden. Die ABC-Klassen können in Schulen, einer Kita oder einem anderen geeigneten Ort stattfinden. Fahrtkosten vom Elternhaus oder der Kita zur Schule werden übernommen.
Professorin: Pläne gehen „an der Realität vorbei“
„Richtiges Ziel, falscher Ansatz“, schrieb der Kita-Träger Fröbel in einer vorab veröffentlichten Stellungnahme. Die Sprachförderung gehöre in die Kita, nicht in die Schule, argumentiert der Träger. Mit dieser Position ist Fröbel nicht allein: Ein Großteil der Sachverständigen zeigte sich ebenfalls skeptisch.
Besonders scharf kritisierte die Pädagogikprofessorin Renate Zimmer den Entwurf. Sie warnte vor einer Stigmatisierung der Kinder, die zweimal die Woche den Kita-Alltag für die ABC-Klassen verlassen müssen. Der Entwurf lasse zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht, werte die Kita als Bildungseinrichtung ab, ignoriere die Fachkompetenz des Kita-Personals und berücksichtige nicht die grundlegenden Bedingungen für erfolgreichen Spracherwerb, urteilt sie. Angesichts des Personalmangels führe der Plan, 1650 neu geschaffene Lehrerstellen für die ABC-Klassen zu besetzen, „an der Realität vorbei“, schrieb sie in ihrer Stellungnahme. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßt zwar den Schritt zur vorschulischen Sprachförderung, sieht die Umsetzung jedoch ebenfalls skeptisch: Es reiche nicht aus, Stellen auszuschreiben – sie müssten auch besetzt werden. Und: „Der VBE NRW bedauert und kritisiert, dass die Erzieherinnen und Erzieher und die Fachkräfte für Sprachförderung in den Kitas auf diese Weise vermittelt bekommen, dass ihre Arbeit keine Wertschätzung erfährt.“
Dagegen begrüßt die Bezirksregierung Arnsberg die Einführung der ABC-Klassen als einen „bedeutsamen und sachgerechten Schritt zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit“. „Grundsätzlich sind wir froh, dass das Land diese gravierenden Defizite angeht“, sagte auch Kai Zentara von den kommunalen Spitzenverbänden in der Anhörung. „Es ist absolut richtig und notwendig, dass der Staat hier gegensteuert. Ansonsten laufen wir in eine Bildungskatastrophe ungeahnten Ausmaßes hinein.“
Feller: „Wir brauchen den Mut für neue Schritte“
In der Anhörung verwies die FDP-Fraktion auf die Kosten von etwa 108 Millionen Euro für die Beförderung der Kinder. „Statt auf eine Förderung in der Kita zu setzen, hat sich die Landesregierung für die teuerste Sprachreise des Landes entschieden“, kritisierte Franziska Müller-Rech. Die SPD fordert als Alternative zu den ABC-Klassen ein „Chancenjahr“: Kinder mit besonderem Förderbedarf sollten verpflichtet werden, mindestens 35 Stunden pro Woche in eine Kita zu gehen. „Die Idee der ABC-Klassen ist krachend durchgefallen“, sagt Dennis Maelzer, Sprecher für Familie, Kinder und Jugend. Es bleibe „nur zu hoffen, dass CDU und Grüne heute zugehört haben und die Argumente ernst nehmen“.
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) teilte am Mittwochnachmittag mit, ihr Ministerium werde die Hinweise und Stellungnahmen „sorgfältig auswerten und in die weitere Betrachtung einbeziehen“. Sprachbildung in Kitas bleibe unverzichtbar, eine ergänzende Förderung sei jedoch ebenfalls notwendig. „Dabei nehmen wir ganz bewusst alle Kinder in den Blick, also auch die Kinder, die keine Kita besuchen“, sagt Feller. Es gehe nicht darum, die Kinder auszugrenzen oder zu stigmatisieren. Durch ABC-Klassen sollten Kinder mit Sprachförderbedarf frühzeitig unterstützt werden, damit sie mit besseren Voraussetzungen in die Schule starten. „Die Zeit drängt“, warnt Feller. „Wir brauchen den Mut für neue Schritte.“
