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Zu viele SprachdefiziteNRW-SPD fordert Kita-Pflicht im Jahr vor der Einschulung

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Ein Mädchen schreibt das ABC an die Tafel. In NRW sollen Kinder künftig besser auf die Einschulung vorbereitet werden.

Ein Mädchen schreibt das ABC an die Tafel. In NRW sollen Kinder künftig besser auf die Einschulung vorbereitet werden.  

Fast jedes dritte Kind in Deutschland spricht nicht gut Deutsch. Die SPD will jetzt mit einer Kita-Pflicht die Bildungschancen von allen Kindern  verbessern.

Ein Jahr vor der Landtagswahl setzt sich die NRW-SPD mit einem Konzept für die frühkindliche Bildung von der schwarz-grünen Landesregierung ab. Der designierte Spitzenkandidat, Jochen Ott, forderte die Einführung einer Kita-Pflicht im Jahr vor der Einschulung.  „Viele Jugendliche in Deutschland erreichen die Mindestkompetenzen in Mathe und Lesen nicht“, sagte der Politiker aus Köln. Früh entstandene Defizite könnten von den Grundschulen nicht mehr ausgeglichen werden. Gerade Kinder aus einem herausfordernden Umfeld könnten von einer gezielten Förderung der sprachlichen, motorischen und sozialen Kompetenzen in den Kitas profitieren, erklärte Ott.

Aktuellen Studien zufolge weist fast jedes dritte Kind in Deutschland Auffälligkeiten bei der altersgemäßen Sprachkompetenz auf. Jedes fünfte Kind hat Schwierigkeiten beim Erkennen und Zeichnen von Objekten und Formen, mehr als jedes sechste Kind kann Zahlen und Mengen nicht altersgemäß erfassen. Viele Kinder kommen an die Grundschulen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Das stellt für Lehrer regelmäßig eine schwere Belastung dar. Bislang gibt es in NRW keine Kita-Pflicht.

Schwarz-Grün plant ABC-Klassen

Die schwarz-grüne Landesregierung hatte kürzlich ein anderes Konzept vorgestellt, mit dem vor allem sprachliche Defizite rechtzeitig vor der Einschulung abgemildert werden sollen. NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) will sogenannte ABC-Klassen einführen. Schüler, bei denen bei der Schuleingangsuntersuchung ein Sprachförderbedarf festgestellt wird, sollen zweimal in der Woche für zwei Stunden vom Lehrpersonal an den Grundschulen auf die Einschulung vorbereitet werden. Die Einführung ist für das Schuljahr 2028/2029 geplant.

Anders als Schwarz-Grün will die SPD die gezielte Sprachförderung in die Verantwortung der Kitas geben. Es mache keinen Sinn, die Kinder zweimal in der Woche aus ihrer gewohnten Umgebung herauszuholen und möglicherweise quer durch die Stadt zu fahren. Mit den Mitteln, die für Fahrtkosten und Lehrer vorgesehen seien, könnten landesweit 3000 Erzieherinnen eingestellt werden. Die Landesregierung will 250 Millionen Euro für die ABC-Klassen bereitstellen.

Ott kritisiert mangelnde Abstimmung

Nach dem Plan der SPD sollen die Kinder in dem „Chancenjahr“ vor der Einschulung mindestens 35 Stunden in der Woche zur Kita gehen. Das Konzept sei in Hamburg erfolgreich erprobt worden, sagte Ott. Kitas in herausfordernden Lagen, in denen viele Kinder besondere Unterstützung bräuchten, sollen den Plänen zu Folge bis zu 25 Prozent mehr Personal erhalten. „Kita und Grundschule sollen mit aufeinander abgestimmten und durchgehenden Sprachförderkonzepten arbeiten“, sagte Ott.

Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion warf der schwarz-grünen Landesregierung eine mangelnde Abstimmung zwischen Jugendministerin Verena Schaffer (Grüne) und Schulministerin Dorothee Feller (CDU) vor. Durch ihr Gerangel um Zuständigkeiten sei die überfällige Einrichtung eines verbindlichen Förderkonzepts für Vorschulkinder unnötig verschleppt worden, hieß es.

Die Landesregierung erklärte, die SPD greife mit ihrem Vorschlag für ein verpflichtendes Chancenjahr zwar die wichtige Frage auf, wie man die Kinder bestmöglich auf die Schule vorbereiten könne.  Die Umsetzung sei aber verfassungsrechtlich problematisch. Das Grundgesetz räume Eltern ausdrücklich das Recht ein, zu entscheiden, ob und in welchem Umfang ihr Kind vor der Schulpflicht eine Kindertageseinrichtung besuche. Der Anteil der Kinder ohne Kita-Besuch liege bei etwa sieben Prozent. „Vor diesem Hintergrund wäre eine pauschale Pflichtregelung für alle Kinder weder erforderlich noch verhältnismäßig“, hieß es aus dem Schulministerium.