Niedrigwasser kann sich laut Holger Schüttrumpf noch hinziehen. Für den Wasserwirtschaftler reicht die Beseitigung eines Engpasses aber aus.
Wissenschaftler zum Rhein„Wir müssen nur ein Nadelöhr beseitigen“

Die Zollburg Pfalzgrafenstein steht auf einer großen Sandbank. Trockenheit und hohe Temperaturen haben die Pegelstände weiter sinken lassen.
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Wieder ein Rekord. 49 Zentimeter – das war der Tiefststand des Rheins am Kölner Pegel am Donnerstag (13. August). Für Sonntag werden 47 Zentimeter erwartet. „Die Schifffahrt wird sich von selbst einstellen“, sagt Markus Neumann, Außenbezirksleiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Rhein.
Für die politische Debatte über die Folgen des Niedrigwassers dürfte das nicht gelten. Im Gegenteil. Sie nimmt an Schärfe zu. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) streiten über den Umgang mit dem Klimawandel. Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) will den Ausbau des Rheins beschleunigen. Aber macht das überhaupt Sinn? Holger Schüttrumpf (58), Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen, beantwortet im Gespräch die wichtigsten Fragen.
Professor Schüttrumpf, wie lange müssen wir uns noch mit dem Niedrigwasser herumplagen?
Im schlimmsten Fall müssen wir bis November oder noch länger warten.
So lange? Warum das?
Die geringsten Niedrigwassermengen am Pegel Köln hatten wir 1947. Da hat es bis Mitte November gedauert, bis die Wasserstände wieder hochgingen. Blickt man auf die zehn größten Niedrigwasser-Ereignisse seit der Aufzeichnung, lagen die alle im November, Dezember und Januar. Wir haben jetzt August. Es kann durchaus sein, dass wir noch länger warten müssen, bis sich das wieder normalisiert.
Das wird den politischen Streit zwischen Wirtschaft und Umweltschutz weiter befeuern.
Das Dilemma haben wir schon viel zu lange. Ich versuche immer, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen. Es kann nicht sein, dass unsere Industrie über so eine lange Zeit nicht arbeiten kann. Wir dürfen dabei aber die auch ökologischen Fragestellungen nicht vergessen. Das können wir uns angesichts des Klimawandels nicht mehr leisten. Ich finde es bedauerlich, dass es keinen Mittelweg mehr gibt und sich die Fronten so verhärtet haben.
Die Rheinvertiefung ist dafür das beste Beispiel, oder?
Ja. Dabei geht es im Wesentlichen um die Felsstrecke zwischen Kaub und Koblenz. Das ist die Engstelle. Da muss der Rhein durch. Da gibt es weder Kies noch Sand auf der Sohle. Das kann man nicht mal eben mit einem Bagger beseitigen. Der Rhein hat in den meisten Bereichen bei gleichwertigem Wasserstand eine Fahrrinnentiefe von 2,50 bis drei Meter. Nur zwischen Mainz und St. Goar sind es 1,90 Meter.

Ein Kanal mündet in der Kölner Innenstadt in Höhe des Rheingartens in den Rhein. Der Rhein führt extremes Niedrigwasser, das auch zahlreiche Kanäle zum Vorschein kommen lässt.
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Also gibt es zum Ausbau keine Alternative.
Ja. Der Rhein wird zwar als Wasserstraße bezeichnet, er ist aber die reinste Schlaglochpiste. Total uneben. Es gibt Dünen, die da herausragen, es gibt Rippelstrukturen wie am Strand an der Küste, die können zum Teil 60 bis 80 Zentimeter hoch sein. Diese Strukturen muss man teilweise schleifen. Es geht also nicht darum, den gesamten Rhein zu vertiefen, sondern nur darum, einige örtliche Unebenheiten wegzunehmen, damit man da langfahren kann.
Der Rhein wird zwar als Wasserstraße bezeichnet, ist aber die reinste Schlaglochpiste
Welche ökologischen Auswirkungen hat das?
In der Fahrrinne geringe. Man muss aber beachten, dass das Wasser nach den erfolgten Arbeiten nicht schneller fließt und die Überflutungsgebiete und Retentionsflächen erhalten bleiben. Alle reden von Vertiefung. Die Experten sprechen eher von Abladeoptimierung oder Fahrrinnenanpassung. Das Ziel ist gleich: die Fahrrinne für einen größeren Tiefgang auszubilden. Im Grunde geht es um die Beseitigung eines Nadelöhrs.
Mehr muss am Rhein nicht geschehen?
Aus meiner Sicht ist das erstmal völlig ausreichend.
Wir reden jetzt nur über den Rhein. Was ist mit dem Einzugsgebiet?
Wir können uns drehen und wenden, wie wir wollen. Wir werden nicht mehr Wasser in den Rhein bekommen. Im Gegenteil: Wir müssen davon ausgehen, dass die extremen Ereignisse häufiger auftreten werden. Das größte Problem ist das fehlende Wasser. Ich mache das immer an einem Beispiel deutlich. Wir hatten am Rhein Niedrigwasser-Ereignisse in den Jahren 2018, 2019, 2020, 2022 und aktuell 2026. Wir reden dabei aber immer nur über die Wasserstände und nicht über die Abflussmengen. Wenn man darauf schaut, ist das aktuelle Niedrigwasser gar nicht so extrem. Wir liegen momentan bei 574 Kubikmeter pro Sekunde. Im Jahr 1871, das mit Blick auf die Abflussmengen Platz zehn bei den Niedrigwasserereignissen belegt, waren es 573. Da fehlt also noch ein Kubikmeter, um in die Top Ten zu kommen.
Warum ist das so?
Weil wir die Wassermenge durch die Fahrinnen-Anpassung auf eine größere Breite verteilen. Wir konzentrieren sie auf die Wasserstraße.
Und lassen damit die Auen vertrocknen?
Leider ist das gerade der Fall.
Was kann man daran ändern?
Wir müssen nicht nur die Unebenheiten beseitigen, sondern auch die Strömungsgeschwindigkeit verringern. Das Wasser muss langsamer abfließen. Dann gehen auch die Wasserstände wieder hoch.
Wie schafft man das?
Zum Beispiel durch den Einbau von Buhnen wie am Drachenfels. Dadurch laufen die großen Wassermengen in der Rheinmitte, Sedimente können sich nicht mehr ablagern. Das ist die Aufgabe der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. Sie muss die Wasserstraße durchgängig machen und die ökologischen Folgen dabei so gering wie möglich halten. Ganz vermeiden lassen wird sich das nicht mehr. Der Rhein ist seit 200 Jahren ein stark vom Menschen geprägtes Gewässer.
Umweltschützer fordern, im Einzugsgebiet des Rheins mehr Wasser zu speichern. Was halten Sie davon?
Das ist immer versucht worden. Aber da gibt es nicht viele Möglichkeiten. Die Wassermengen sind so gigantisch, dass man gar nicht weiß, wie man das schaffen soll. Wasserrückhaltung muss sein und ist auch sehr wichtig. Aber sie wird niemals dazu führen, dass man damit die Wassermenge im Rhein deutlich erhöhen kann.
Warum nicht?
Mal davon abgesehen, dass wir gerade eine Hitzeperiode in Kombination mit fehlenden Niederschlägen haben, wo auch im Einzugsgebiet das Wasser knapp ist. Ich habe das mal ausgerechnet. Pro Sekunde fließen aktuell 574 Kubikmeter Wasser durch den Rhein. Wenn wir die Menge nur um 100 Kubikmeter erhöhen wollen, wären das in einem Monat 259 Millionen Kubikmeter. Das ist das Fassungsvermögen einer sehr großen Talsperre. Wir reden beim Rhein über gigantische Wassermengen. Auch wenn das momentan nicht so aussieht. Das meiste Wasser fließt in den regenreichen Monaten in die Nordsee.
Also müssen wir uns um die Befüllung der Tagebaue Hambach und Garzweiler im Rheinischen Revier keine Sorgen machen.
Ganz sicher nicht. Das sind Mengen, die den Rhein nicht überfordern.
