Die Partei Volt hatte hochrangige Wasserfachleute eingeladen, um über ein Problem zu reden, für das eine wesentliche Quelle in Leverkusen gefunden wurde: PFAS-Chemikalien im Rhein und damit auch im niederländischen Trinkwasser.
PFASWie in Leverkusen ein Problem fürs Trinkwasser in Holland entsteht

Gerard Stroomberg vom niederländischen Trinkwasserverband „Riwa“ und Andrea Fuchs (Volt), die in Hitdorf eine Informationsveranstaltung zum Thema PFAS im Abwasser veranstaltet hatte.
Copyright: Ralf Krieger
„Wo ist die Quelle?“ Der Niederländer Gerard Stroomberg vom Verband niederländischer Trinkwasserversorger, „Riwa Rhijn“, meint nicht die Quelle des Rheins, sondern die Ursache für die Verschmutzung des niederländischen Trinkwassers mit Ewigkeitschemikalien. Der promovierte Chemiker Stroomberg ist auf Einladung von Volt nicht ohne Grund nach Leverkusen-Hitdorf gekommen und hält einen Vortrag über PFAS-Chemikalien und die Auswirkungen in den Niederlanden. Er gibt sich selbst die Antwort: „Nun, wir sind hier in Leverkusen, Sie werden eine Idee haben, weshalb wir hier sind.“
Chemikalien der PFAS-Gruppe sind so aufgebaut, dass sie praktisch nicht abbaubar sind in der Natur. Sie werden in vielen Produkten genutzt, auch solchen des täglichen Lebens, wie in Zelten, Schuhen, Regenjacken, Teflonpfannen oder Pizzakartons. Gelangen sie beim Menschen oder anderen Lebewesen in den Körper, drohen unterschiedliche Krankheiten, etwa an der Leber, des Immunsystems, Krebs und viele andere. Andere Abkürzungen dieser Gruppe lauten PFOA, PFBA, PFBS.
Menschen und Tiere nehmen die Chemikalien vielfach übers Trinkwasser auf und hier kommt der Rhein ins Spiel: In den Niederlanden wird das „Kraanwater“, also das Leitungswasser, für fünf Millionen Menschen aus Rheinuferfiltrat gewonnen, also auch Rheinwasser, das durch die Flusssohle gesickert ist, erklärt Stroomberg in seinem Vortrag vor 50 Zuhörern. Die PFAS-Chemie sickert mit in die Trinkwasserbrunnen.
Das ist ein großes Problem für die Menschen im Nachbarland und gelegentlich gibt es deswegen schon Protest. Neue Nahrung hat das PFAS-Problem bekommen, als Greenpeace in diesem Herbst eine Karte veröffentlicht hat, auf der die Konzentration im Trinkwasser sichtbar ist: Betroffen sind genau die Gebiete, die sich für ihr Trinkwasser des Rheinuferfiltrats bedienen. Der niedrige Pegel des Rheins, am Samstag waren es 42 Zentimeter in Köln, wirkt sich verschärfend aus.
90 Prozent der PFAS-Fracht im Rhein kommen aus Deutschland über die Grenze. Nicht alles, aber offenbar ein Großteil soll aus Leverkusen stammen, und das, obwohl Lanxess die PFAS-Produktion eingestellt hat. Ewigkeitschemikalien finden sich im Sickerwasser der Sondermülldeponie in Bürrig und dieses Wasser wird, was die PFAS-Anteile angeht, ungefiltert über die Kläranlage in den Rhein abgelassen. Über diesen Weg wird den Niederländern letztlich ihr Wasser verschmutzt.
Stroomberg belegt den Zusammenhang anhand von Kurven: Gibt es einen hohen PFAS-Abfluss in Bürrig, zeigt sich kurz darauf ein steiler Anstieg im Wasser etwa in Nieuwersluis nahe Amsterdam. Besonders eklatant wirkten sich Spitzenwerte nach der Explosion der Sondermüllverbrennung im Sommer 2021 aus, eine weitere gab es aber ohne Anlass am 6. März 2025. An dem Tag liefen 1,8 Kilogramm Ewigkeitschemikalien in Bürrig in den Rhein, vollkommen legal. 1,8 Kilo sind mehr als viel. Zum Vergleich: Eine Chemiefirma in Holland darf zwei Kilogramm davon ausscheiden, aber nicht täglich, sondern jährlich, sagt Stroomberg. Die Analysen im Currenta-Abwasser veranlasst die Kölner Bezirksregierung im Durchschnitt alle 14 Tage. Dass in den Monaten nach dem Spitzenwert deutlich seltener analysiert wurde, kann Zufall gewesen sein.
Das Problem ist: Es gibt Grenzwerte fürs Kranwasser, nicht aber für den Abluss in Bürrig. Dort gilt nur ein Orientierungswert von 35 Gramm täglich, aber der ist ohne rechtliche Wirkung, nicht einklagbar. Die Werte im Bürriger Deponie-Abwasser lagen bei nahezu allen Messungen der letzten Jahre über dem Orientierungswert.
Currenta hält sich an die Gesetze
„Currenta arbeitet innerhalb der Regeln“, beschreibt Stroomberg das Problem. An der Lösung, an einem Verbot von PFAS-Einleitungen, sollen mehrere europäische Länder arbeiten.

Der Wissenschaftler Paul Kröfges, heute Wasserexperte beim BUND: Er befasst sich intensiv mit dem Problem der PFAS-Chemie im Ab- und Grundwasser.
Copyright: Ralf Krieger
Paul Kröfges, Wasserexperte des BUND, ist ebenfalls nach Hitdorf in die alte Fabrik neben dem Matchbox-Theater gekommen. Ehemals hat er bei der Kölner Abwasserbehörde gearbeitet. Er sagt, es gebe Möglichkeiten, PFAS zu filtern. Zum Beispiel in einer zusätzlichen Reinigungsstufe der Kläranlage. Uferfiltrat werde immer wichtiger, weil durch den Klimawandel andere Wasserressourcen nicht mehr sicher seien. Heute gebe es niemanden, der nicht im Blut ordentlich mit PFAS-Chemikalien versorgt sei, sagt Kröfges, auch Babys.

Bis es ein Verbot für Ewigkeitschemikalien gibt, fließt vermutlich noch viel PFAS den Rhein runter.
Copyright: Ralf Krieger
Es gebe tausende Altlasten, weil zum Beispiel auch Feuerlösch-Schaum mit PFAS versetzt gewesen sei. Experte Paul Kröfges, der sich des Themas beim BUND besonders gewidmet hat, sagt, das sei die Schuld der Industrie, die diese Stoffe hergestellt habe. „Sie haben alles gewusst und haben das Problem wissentlich in Kauf genommen. Das hat mich wütend gemacht.“ Aber auch Stroomberg wirkt kämpferisch: „Die Verschmutzung muss an der Quelle vermieden werden.“ Also auch in Leverkusen.
Auch Currenta und die Bezirksregierung waren eingeladen, Vertreter zu der Informationsveranstaltung nach Hitdorf zu schicken. Beide hatten Einladungen von Volt aber ausgeschlagen.
