Der Pegelstand des Rheins beträgt nur noch 40 Zentimeter. Ist es denkbar, dass der Fluss durch den Klimawandel austrocknet?
Rekord-Niedrigwasser im RheinSo wirkt sich der Pegelstand aus – „Wasserressourcen gehen zurück“

Die Rheinfähre Krokolino hat ihren Betrieb eingestellt. Fährmann Niklas Thiel entgehen durch das extreme Niedrigwasser Umsätze im fünfstelligen Bereich.
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Niklas Thiel steht am Montagnachmittag auf seiner Fähre und hadert mit dem Wasserstand. Seit vergangenen Freitag fährt er nicht mehr, da auch das kleinere seiner zwei Schiffe nicht mehr anlegen kann. Mitte August musste der Fährmann den Betrieb wegen des niedrigen Pegelstands schon einmal für zehn Tage einstellen. „Dadurch fehlen uns Umsätze im mittleren fünfstelligen Bereich“, sagt der Geschäftsführer des Fährbetriebs zwischen Köln-Weiß und Zündorf. Ab Oktober verkehrt die Fähre eigentlich noch am Wochenende – „ich befürchte aber, dass das jetzt wegen des anhaltenden Niedrigwassers schon das Ende der Saison gewesen sein könnte“, sagt Thiel.

Ein Teil der Landungsbrücke der Fähre in Weiß ist infolge des Niedrigwassers und des Sogs durch vorbeifahrende Frachter zerstört worden.
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Der dauerhaft niedrige Pegelstand verhindert nicht nur den Fährbetrieb, er zerstört auch Teile der Infrastruktur. Der starke Sog durch „zu schnell fahrende Frachter“ habe bei Niedrigwasser diese Saison schon zweimal dazu geführt, dass „die Zugangsbrücke aus ihrer Verankerung gerissen wurde“, sagt Thiel. Einige Träger sind verbogen, mehrere Ketten gebrochen. Die Brücke landete in der Böschung. Um Schäden am Rumpf der zwei Fähren zu verhindern, manövriert Thiel sie am Montag noch weiter Richtung Flussmitte. „Wenn es in Zukunft noch öfter extreme Niedrigwasser gibt, wird es immer schwerer für uns, wirtschaftlich arbeiten“, sagt er. Die Autofähre zwischen Köln-Langel und Leverkusen-Hitdorf ist wegen Niedrigwassers bereits seit 5. September außer Betrieb.
Am Montag erreichte der Rhein in Köln einen neuen historischen Tiefstand: Auf 40 Zentimeter sank der Pegel laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein. „Damit haben wir einen neuen Niedrigwasser-Rekord“, sagte der Kölner Außenbezirksleiter des Amtes, Markus Neumann. Der vorherige historische Tiefststand aus dem Jahr 2018 von 69 Zentimetern war schon im Sommer mehrfach unterboten worden.
Die Fahrrinne in der Mitte des Flusses hat bei einem Pegelstand von 40 Zentimetern noch eine Tiefe von 1,51 Metern. Auf den aktuellen Pegelwert werden in Köln 1,11 Meter hinzurechnet. An einigen Stellen kann die Wassertiefe niedriger sein – unter anderem an der sogenannten „Deutzer Platte“ zwischen Severinsbrücke und Deutzer Brücke, wo der Rhein permanent Kies ablagert. Dieser muss regelmäßig abgebaggert werden, um die Fahrrinne tief genug zu halten. Erst vergangenen Samstag fuhr sich das Flusskreuzfahrtschiff „Dutch Melody“ an der Deutzer Platte fest. Es musste von einem Frachtschiff freigeschleppt werden.
Besonders häufig hätten sich solche Vorfälle 2026 aber nicht ereignet, erklärt Florian Krekel, Sprecher des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Rhein. Bemerkenswert sei, „dass die Rekordtiefstände des Rheins von 2018 in diesem Jahr so stark und für so lange Zeit unterschritten werden“.
Beim momentanen Niedrigwasser fließen im Rhein pro Sekunde nur noch knapp 600 Kubikmeter Wasser an Köln vorbei. Das entspricht etwa 4000 Badewannen-Füllungen à 150 Liter. Bei normalen Pegelständen von rund 1,50 bis 2,50 Metern transportiert der Rhein 1000 bis 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Bei starkem Hochwasser kann die Wassermenge auf mehr als 7000 Kubikmeter pro Sekunde ansteigen – rund zwölfmal so viel wie momentan.
Diplom-Geograf Enno Nilson entwickelt bei der Bundesanstalt für Gewässerkunde Datengrundlagen für die Wasserwirtschaft und die Wasserstraßen angesichts des Klimawandels. Dieses Jahr sind die Pegelstände am Rhein so niedrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen, die teilweise bis ins 19. Jahrhundert reichen. Ohne umfassenden Klimaschutz sei in Zukunft generell „mit länger anhaltenden und intensiveren Niedrigwassern in den Bundeswasserstraßen zu rechnen“, jedoch seien die aktuell niedrigen Pegelstände des Rheins „auch unter diesen Szenarien nicht das neue Normal“, sagt er.
Nilson verweist auf den „Aktionsplan Niedrigwasser Rhein“ des Bundesverkehrsministeriums, der helfen soll, die Wasserstraßen im Falle von niedrigen Pegelständen künftig weiter zu nutzen. „Wir beobachten, dass die Wasserressourcen in Deutschland zurückgehen. Daher werden verschiedene Anpassungen des Wassermanagement diskutiert“, sagt er.
Auch unter zunehmend extremen Bedingungen liegt ein Austrocknen des Rheins außerhalb dessen, was wir aus wissenschaftlicher Sicht innerhalb des 21. Jahrhunderts für möglich halten
Der Aktionsplan für den Rhein reicht von verbesserter Wasserstandsvorhersage bis zu optimierten Transportkonzepten und flussbaulichen Maßnahmen in bestimmten Gebieten. Dass der Rhein bei extremen Dürreperioden eines Tages sogar austrocknen könnte, hält Nilson für fast ausgeschlossen. „Auch unter zunehmend extremen Bedingungen liegt das außerhalb dessen, was wir aus wissenschaftlicher Sicht innerhalb des 21. Jahrhunderts für möglich halten“, sagt er.
Schneller als der Rhein sind in diesem Sommer kleinere Flüsse und Bäche trockengefallen, die durch anhaltende Dürreperioden stark gefährdet sind, wie eine Sprecherin des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima mitteilt. „Das hat große Auswirkungen auf die Wasserlebewesen.“ Auf „deutlich unterdurchschnittlichem Niveau“ befinden sich aktuell die Füllstände der Talsperren von Ruhr, Rur, Sieg und Wupper – alle mit stark sinkender Tendenz. Auch die Grundwasserstände befinden sich „verglichen mit langjährigen Mittelwerten auf einem insgesamt sehr niedrigen bis niedrigen Niveau“.

Das Niedrigwasser im Rhein beeinträchtigt die Ausflugsschifffahrt.
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Unter dem extremen Niedrigwasser leidet auch die Reederei Köln-Düsseldorfer. „Die sonst in Düsseldorf stationierte MS Rhein-Galaxie wurde nach Köln verlegt, da sie einen niedrigeren Tiefgang hat, stattdessen fährt jetzt die MS Rhein-Fantasie in Düsseldorf“, sagt KD-Chefin Nina Luig unserer Redaktion am Montag. Das Flaggschiff Rhein-Magie liegt wegen des Niedrigwasser schon seit Wochen am Anleger nahe der Bastei, es kann aktuell nicht fahren. „Grundsätzlich können Rundfahrten ab Köln nur in Richtung Leverkusen fahren, nach Rodenkirchen, rheinaufwärts, geht es aktuell nicht“, so Luig. Die KD-Chefin erwartet in den kommenden zwei Wochen keine Änderungen.
Besonders teuer wird, was besonders schwer ist. Sand und Kies etwa. Ali Demirkiran, Disponent und Fuhrparkleiter bei den Terra-Kies-Werken in Köln-Pesch muss derzeit Zuschläge von 20 bis 25 Prozent an die Kunden weitergeben. „Wir haben wegen des Niedrigwassers Mehrkosten über alle Materialien hinweg“, sagt er. Der Baustoffhändler verdient daran nichts. „Leider nicht. Wir haben sogar weniger zu tun“, beklagt Demirkiran. Viele Bauprojekte würden derzeit wegen der hohen Transportkosten gestoppt. „Die Projekte sind fertig geplant, nur die Umsetzung funktioniert nicht“, sagt er. Etliche Baustellen liegen brach, bis der Rheinpegel wieder steigt.
Bei Niedrigwasser werden Transporte teilweise auf Schiene und Straße verlagert. Aktuell gibt es keine flächendeckenden Versorgungsengpässe
„Bei Niedrigwasser werden Transporte teilweise auf Schiene und Straße verlagert“, sagt Christian Lorenz, Sprecher der Häfen und Güterverkehr Köln AG (HGK). „Gleichzeitig steigt der organisatorische Aufwand, da Transporte neu geplant und auf verschiedene Verkehrsträger verteilt werden müssen.“ Immerhin gebe es „aktuell keine flächendeckenden Versorgungsengpässe. Durch zusätzliche Transporte sowie die Nutzung von Schiene und Straße konnten viele Auswirkungen abgefedert werden.“
Das Landesverkehrsministerium hat derweil wegen des Niedrigwassers die Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw bis zum 31. Oktober 2026 verängert.
Niedrigwasser: Einschränkungen für Arbeit von Polizei und Feuerwehr
Schon seit August wirkt sich das Niedrigwasser im Rhein auch auf die Arbeit der Wasserschutzpolizei aus. Ihr Streifenboot haben die Beamten vom Hafen in Deutz, wo die Wache der Wasserschutzpolizei liegt, nach Mülheim verlegt. Die Einsatzkräfte fahren die sogenannte WSP13 inzwischen mit dem Streifenwagen von Deutz aus an. Ein weiteres Boot mit geringem Tiefgang konnte damals immerhin noch im Deutzer Hafen genutzt werden – die übrigen Boote waren bereits im August nicht mehr im Einsatz. „Der Schiffsbetrieb ist bei uns nach wie vor durch den Wasserstand eingeschränkt“, sagte eine Sprecherin.
Die Feuerwehr Köln spricht bereits ab einem Pegelstand von 1,00 Meter von Niedrigwasser. Dann wird auch die Einfahrt in den Deutzer Hafen schwierig. Aktuell liegt das Löschboot der Kölner Feuerwehr – mit vollem Namen „LB10-1 Branddirektor Hans“ – daher an einem Steiger auf Höhe der Bastei. Das Rettungsboot „RTB 10-1 Ursula“ liegt weiterhin mit einer festen Besatzung von drei Mitarbeitenden im Deutzer Hafen an der Löschbootstation. Aktuell werde täglich bei einem Wasserstand unter 0,60 Meter Kölner Pegel die Ausfahrt getestet, so die Feuerwehr.
Laut Vorhersage des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts soll der Pegel am Dienstag im Bereich der 40‑Zentimeter-Marke verweilen. Am Mittwoch oder Donnerstag könnte ein neuer historischer Tiefststand erreicht werden.
