Toño Batres machte sich auf die Flucht. „Ich rief einen Freund an und bat ihn, mir zum letzten Mal 50 Euro zu leihen. Mit den 50 Euro ging ich zum Busbahnhof und stieg in den ersten Bus, der losfuhr. Es war ein Bus nach Madrid.“
Das war am 25. Juli 2011, vielleicht auch einen Tag früher oder später, ganz sicher ist sich Batres nicht mehr. „Ich stand unter Schock und bekam viele Dinge nicht mehr mit.“ Der Bus, der ihn nach Madrid brachte, spuckte ihn aus und ließ ihn auf der Straße liegen. Vier Monate brauchte Batres, um sich zu berappeln. Vier Monate lang lebte er unter Pappkartons. Vier Monate, die sein Leben veränderten.
Dreieinhalb Jahre später nähert sich der heute 52-Jährige zwei Bänken gleich neben dem Ausgang der Metrostation Ópera. „Mal sehen, ob hier jemand ist oder nicht“, ruft er munter aus. Der Platz hinterm Teatro Real, dem Madrider Opernhaus, ist festlich geschmückt: Tannenbäume mit Lichtgirlanden behängt, Marktbuden. Dazwischen abendliche Spaziergänger auf dem Heimweg von der Arbeit oder auf der Suche nach Geschenken.
Die Menschen, nach denen Batres Ausschau hält, gehören einer anderen Gruppe an. Es sind Obdachlose, Gestrandete, Arme. Leute, denen jede Hilfe willkommen ist, ein Bocadillo (belegtes Baguette), eine Tasse Kaffee, eine warme Jacke. Schnell sind ein Dutzend beisammen. Männer, Frauen, Junge, Alte, Ausländer, Spanier.
Sie schauen hin, wo viele wegschauen
„Ich habe mir vorgenommen, nie zu vergessen, wo ich einmal war“, sagt Batres. „An manchen Tagen bin ich erschöpft. Aber ich erkenne mich in den Leuten wieder, die auf der Straße leben.“ Gemeinsam mit einer Gruppe von Freiwilligen zieht Batres durch die Straßen Madrids. Granito a Granito heißt ihr Verein, Körnchen für Körnchen.
Es könnte eine Touristenroute sein, die sie beschreiten: Sie treffen sich um acht Uhr abends unter den mächtigen Bögen des Viadukts, einer historischen Straßenbrücke am Rande der Altstadt, von dort ziehen sie am Königspalast vorbei, biegen zur Ópera ab, laufen weiter durch die Calle Arenal und ein paar Seitenstraßen bis zur Plaza Mayor.
Doch für architektonische Schönheit haben sie keinen Blick. Sie schauen dorthin, wo wir gewöhnlich wegschauen. Sie sind bepackt mit Taschen voller Essen, Getränken und Kleidung. Und verteilen alles unter denen, die es nötig haben. Die meisten, die sich Batres und seinen Mitstreitern nähern, sagen nicht viel. Sie bitten um einen Kaffee, eine Suppe, ein Bocadillo mit Tortilla. Nehmen es schweigend entgegen, sagen ein schüchternes Danke und gehen wieder.
Mancher hat besondere Wünsche. Handschuhe, einen Pullover. Ein junger Mann probiert eine Windjacke an, sie ist ihm etwas groß. „Da muss ich aber viele Süßigkeiten essen“, sagt er laut lachend. „Das war ein guter Scherz, oder?“ Und, während sein Lächeln langsam verlischt: „Für uns ist es schwer, Scherze zu machen.“
„Ich war vom Geld beherrscht“
„Mir ist es wichtig, dass die Menschen sehen und verstehen“, sagt Batres. „Man sieht die Obdachlosen aus den Augenwinkeln, aber man schaut nicht hin. Das war das Härteste für mich: dass mich die Leute nicht angeschaut haben.“ Batres hatte ein gutes Leben hinter sich. Er lebte mit seiner Frau in einer schönen Wohnung in seinem Heimatstadt Hellín in der kastilischen Provinz Albacete. Er war Programmierer und betrieb sein eigenes kleines, gut laufendes Unternehmen. Er verdiente genug, um sich Luxus zu leisten.
„Ich war vom Geld beherrscht“, sagt er. „Ich fuhr nach London und kaufte mir das neueste iPhone, um es einen Monat früher zu haben als alle anderen. Es war das Glück des Besitzes. Ein Glück, das sehr kurz hielt. Wie ein Spielzeug, das nach kurzem seinen Reiz verliert. Eher als glücklich fühlte ich mich mächtig: Ich kann mir das kaufen – und du nicht!“
2008 erwischte ihn die Krise. Zwei Jahre lang bekam er keine Aufträge. Er lebte vom Ersparten. Und als er endlich neue Kunden an Land zog, reichte seine Frau die Scheidung ein. Das warf ihn aus der Bahn. Batres verfiel in Depressionen. Was ihm von seinem Unternehmerleben – außer Schulden – geblieben war, gehörte seiner Frau.
Ein Jahr hielt er noch durch in Hellín, kam mal bei einem seiner Geschwister unter, mal bei Freunden. Aber auch die waren von der Krise getroffen. Viele arbeitslos, viele mit Gelegenheitsjobs. „Ich empfand mich nur noch als Last“, sagt Batres. „Nichts gelang mir. Es war eine Talfahrt ohne Bremsen.“ Die Fahrt endete in Madrid. Unter Pappkartons auf der Plaza Mayor. Dort erlebte Batres im Sommer 2011 das jährliche Open-Air-Konzert von Daniel Barenboim. „Ich konnte es nicht fassen“, erzählt Batres. „Ich hatte mir immer vorgenommen, einmal nach Madrid zu fahren, um mir Barenboim anzuhören. Jetzt war ich hier. Aber auf der falschen Seite, hinter der Bühne, als einer der Unsichtbaren.“
Rund 700 Obdachlose in Madrid
In Spanien geht das siebte Krisenjahr zu Ende. Die offiziellen Statistiken sagen, dass die Wirtschaft wieder wächst. Doch die am unteren Ende der sozialen Leiter spüren davon nichts. Das Wunder dieser sieben Jahre ist, dass nicht mehr Menschen wie Batres auf der Straße gelandet sind.
Nach der jüngsten Zählung der Madrider Stadtverwaltung schlafen rund 700 Männer und Frauen unter freiem Himmel, etwa die Hälfte von ihnen Spanier, die andere Hälfte Ausländer. „Es scheint paradox zu sein, dass in dieser Situation, die so viele Leute außen vor lässt, nicht noch mehr auf der Straße enden“, sagt Enrique Domínguez, der bei Caritas Spanien die Programme für Obdachlose koordiniert. „Aber es gibt einen langen Weg zur sozialen Ausgrenzung. Bis jemand wirklich durch alle Netze fällt, vergehen oft Jahre.“
In den vergangenen Jahren haben Millionen ihren Job verloren und Zehntausende ihre Wohnung (siehe: „Das Drama der Zwangsräumungen“). Weil es keine Sozialhilfe gibt, kein Hartz IV, sind die Menschen auf ihre Freunde und Angehörigen angewiesen. „Anfangs funktioniert die Familie noch als Auffangbecken“, sagt Domíngeuz. „Aber die Menschen brauchen ja nicht nur ein Dach, sie brauchen zu essen, sie brauchen Geld. Und so beginnt langsam die soziale Ausgrenzung.“ Es gibt ein Elend, das noch weniger sichtbar ist als das der Obdachlosen. Das Elend derer, die in ihrer Not eine leerstehende Wohnung besetzen, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Heizung. Oder derer, die sich einen versteckten Ort suchen, um dort ein Zelt aufzuschlagen oder eine provisorische Hütte zu bauen.
Als Toño Batres mit seinen Kollegen von Granito a Granito auf der Plaza Mayor ankommt, bildet sich wie aus dem Nichts eine Schlange von vielleicht fünfzig Leuten, die um etwas Essen und ein heißes Getränk anstehen. Über dem Platz hängen bunte Leuchtwürfel, darunter stehen Weihnachtsbuden, dazwischen lärmen die Besucher, eine Gruppe junger Frauen singt lauthals fröhliche Flamencolieder. Die Menschen in der Schlange, in einer Ecke des Platzes, sind still. Viele von ihnen haben noch irgendwo ein Dach, aber sie haben kein Geld für das Nötigste. „Das Gute ist, dass sich zur Weihnachtszeit viele Leute für uns auf der Straße engagieren“, sagt José Antonio, ein 64-Jähriger, der seit 14 Jahren auf der Plaza Mayor lebt. Ohne die „Solidarischen“, wie er sie nennt, käme er nicht über die Runden.
Glück finden im Einsatz für den Nächsten
„Die ganze Gesellschaft wird verletzlicher“, sagt Enrique Domínguez. Deshalb „verändern sich unsere Augen“. Die Menschen würden sensibler für die Not der anderen. Die Caritas verzeichnet jedes Jahr mehr Spenden. Wo der Staat versagt, springt die Zivilgesellschaft ein. Davon hat auch Toño Batres profitiert.
Nach vier Monaten auf der Straße fand er Aufnahme in einer Herberge für Obdachlose; heute lebt er für 50 Euro Monatsmiete in einer kleinen Wohnung, die ihm eine private Hilfsorganisation zur Verfügung stellt. Er hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. „Ich brauche nicht viel. Ich lebe sparsam. Angela Merkel würde sich freuen.“ Was Batres an Solidarität erfahren hat, will er zurückgeben. Das sei keine große Sache, sagt er. Ihn beeindrucken die anderen Helfer, die sich ihm anschließen. Die hätten schließlich nicht durchgemacht, was er durchgemacht habe, und kauften trotzdem Kaffee und Brot und Eier und machten Tortilla, um sie unter den Bedürftigen zu verteilen.
Er selbst sei nur froh, dass er mit 50 Jahren noch einmal die Gelegenheit gehabt habe, sein Leben auf den Kopf zu stellen. „Früher hatte ich Geld, aber ich habe das Leben nicht wirklich genossen.“ Jetzt findet er sein Glück im Einsatz für die Nächsten. „Das Leben ist oft leichter, als wir denken“, sagt er mit einem Lächeln. „Willst du etwas tun? Tue es!“
