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Raubbau am RegenwaldBrasilianischer Kirchenführer wirft Bolsonaro Lügen vor

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Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro mit seiner Frau Michelle

  1. Erzbischof Leonardo Ulrich Steiner, geb. 1950, ist seit 2019 Erzbischof der brasilianischen Amazonasmetropole Manaus.
  2. Er setzt er sich vor allem für die Rechte der Indigenen, der Flussrandbewohner und der in Manaus gestrandeten Migranten ein.
  3. Joachim Frank hat mit dem Gast das Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat auch über die Corona-Lage in Brasilien gesprochen.

Herr Erzbischof, Sie kommen nach Deutschland in einer Phase explodierender Corona-Zahlen. In Brasilien haben Sie das hinter sich. Wie ist die Lage dort zurzeit?Erzbischof Leonardo Steiner: Die Infektionszahlen im Moment sind niedrig. Die Krankenhäuser sind nur schwach belegt, die Sterbezahlen sind gering. Das verschafft uns nach zwei Wellen, die uns schwer getroffen haben, etwas Erleichterung. Aber mit dem Wiedererwachen des öffentlichen Lebens wächst auch die Sorge, denn auch bei uns gibt es viele Ungeimpfte. Als Bischof werbe ich in jedem Gottesdienst dafür, dass sich die Menschen impfen lassen.

Gibt es genug Impfstoff?

Ja, inzwischen steht für alle Impfwilligen – gestaffelt nach Alter – genug Impfstoff zur Verfügung.

Dann kann Präsident Jair Bolsonaro ja sagen: Seht ihr, alles gut gegangen!

Aber um welchen Preis! Es sind allein in unserer Region 14.000 Menschen gestorben – das ist eine sehr große Zahl, hinter der sich schreckliches Leid verbirgt. Und auch Langzeitfolgen sind gravierend: Die Arbeitslosigkeit ist drastisch gestiegen, genau wie die Zahl der „informell Beschäftigten“, die ohne Vertrag und ohne Sicherheit arbeiten müssen. Wir haben auch spürbar mehr obdachlose, hungernde Menschen.

Zur Person

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Erzbischof Leonardo Ulrich Steiner, Manaus

Erzbischof Leonardo Ulrich Steiner, geb. 1950, ist seit 2019 Erzbischof der brasilianischen Amazonasmetropole Manaus. Zuvor war der Geistliche acht Jahre lang Generalsekretär der Brasilianischen Bischofskonferenz und Weihbischof von Brasilia.

Steiner stammt aus einer deutschen Einwandererfamilie und gehört dem Orden der Franziskaner an.

Als langjähriger Projektpartner des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat setzt er sich vor allem für die Rechte der Indigenen, der Flussrandbewohner und der in Manaus gestrandeten Migranten ein. Steiner ist ein Neffe des 2016 gestorbenen Kardinals von Sao Paolo, Paulo Evaristo Arns. (jf)

Ist die „Eine Welt“ als Ideal der Entwicklungszusammenarbeit in der Pandemie zerbrochen?

Ja und nein. Ich habe gerade in Manaus auch gespürt, wie groß die internationale Solidarität ist. Wir haben Hilfe etwa aus den USA und auch aus Deutschland bekommen. Es gibt die Sensibilität für die Bedürfnisse der anderen und ein Bewusstsein, dass heutzutage kein Land, keine Nation nur mehr für sich leben kann. Das ist in der Pandemie noch einmal deutlicher geworden, genau wie beim Blick auf den Klimawandel, der alle trifft – besonders aber die Armen im Süden.

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Gräber von Covid-Toten in Manaus (Brasilien)

Woran fehlt es Ihnen zurzeit konkret?

Nach der akuten Nothilfe in der Corona-Krise brauchen wir jetzt Unterstützung beim Erhalt und Ausbau von Angeboten für diejenigen, die unter der Pandemie und ihren Folgen am meisten leiden. Das beginnt bei Lebensmitteln für die Hungernden, geht weiter mit Schule und Ausbildung für Kinder und Jugendliche und seelsorglicher Betreuung. Wir unterstützen aber auch Kleinbauern, deren Arbeit für die Ernährung der Bevölkerung sehr wichtig ist. Gesellschaftlich wollen und müssen wir den Kampf gegen den Raubbau am Regenwald verstärken. „Der Wald ist Geld, die Erde darunter ist Geld“ – das führt fortgesetzt zu Ausbeutung und zur Zerstörung des Lebensraums der indigenen Völker. Mancherorts ist inzwischen so viel Quecksilber im Wasser des Amazonas, dass sich die Flussbewohner beim Trinken und Baden regelrecht vergiften.

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Rodungen des Amazonas-Regenwalds

Beim Klimagipfel in Glasgow ist Präsident Bolsonaro als Retter des Regenwaldes aufgetreten.

Was Bolsonaro in Glasgow gesagt hat, ist nicht wahr: 94 Prozent des Regenwalds seien noch vorhanden. Die Rodung werde kontrolliert. Das stimmt nicht. Bolsonaro sagt die Unwahrheit. 

Er hat auf die illegale Rodung verwiesen und gesagt, das Problem seien die Abnehmer für illegal geschlagenes Tropenholz.

Das größte Problem ist, dass die Institutionen – staatliche und zivilgesellschaftliche – von der Regierung systematisch eingeschränkt, angegriffen oder gar zerstört werden, die der illegalen Rodung entgegentreten könnten. Die Regierung ist schuld am Handel mit illegalem Tropenholz, weil sie ihn nicht kontrolliert und sanktioniert. Und damit ist die Regierung auch schuld an der systematischen Zerstörung des Lebensraums der indigenen Völker.

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Illegaler Bergbau im Amazonas-Regenwald

2022 will Bolsonaro erneut zum Präsidenten gewählt werden. Wie sehen Sie seine Chancen?

Es gibt ein wachsendes Bewusstsein in der Gesellschaft, dass es mit Bolsonaro nicht weitergehen kann. Die Medien helfen dabei leider gar nicht, weil sie allesamt von der Regierung gesteuert werden. Die regierungskritischen Stimmen werden als „linksradikal“ oder „kommunistisch“ denunziert. Das ist das altbekannte Narrativ der wirtschaftlichen Elite, die eine größere politische und gesellschaftliche Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten mit aller Macht verhindern will. Sie unterstützen Bolsonaro, weil er allein ihre finanziellen Interessen schützt und vertritt. Es gibt von dieser Regierung kein Programm zum Wohl des ganzen Landes. Das aber erkennen mehr und mehr Bürgerinnen und Bürger Brasiliens.

Was finden seine Anhänger im Volk an Bolsonaro?

2018 ist es ihm im Wahlkampf gelungen, Themen in den Mittelpunkt zu rücken, die ihm unter anderem den Beifall der Evangelikalen eingetragen haben: Förderung der klassischen Familie, Ablehnung der Homosexualität und der LGBTQI-Bewegung, Antikommunismus. Inzwischen schwindet der Rückhalt für Bolsonaro aber auch bei den Evangelikalen.

Die genannten Themen sind doch auch katholische Themen.

Ich will nicht verschweigen, dass Bolsonaro auch unter den Katholiken genau deswegen eine große Anhängerschaft hat. Und natürlich werden wir als katholische Bischöfe uns auch weiterhin für die Familie einsetzen. Aber wir halten den Respekt und die Unterstützung für die Entscheidung der Einzelnen auf ihrem individuellen Lebensweg hoch.

Das klingt fast so wie auf dem „Synodalen Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland.

Ich bin damit nicht so sehr vertraut. Aber ich kann sagen: Alle diese Reformdebatten führen wir auch bei uns in Brasilien. Mir ist es für unsere Situation wichtig, den Akzent auf den Wert und die Bedeutung der Demokratie zu setzen. Demokratie bedeutet, die Gewaltenteilung anzuerkennen, freie Wahlen zu respektieren, die Institutionen des Staates und der Gesellschaft zu achten. All das tut Bolsonaro nicht. Hier sind moralische Fragen berührt, zu denen wir als Kirche nicht schweigen dürfen – und Moral meint viel mehr als Sexualmoral. Der Schutz der Natur, die Wahrung der Rechte der Ureinwohner und der Armen – das ist eminent moralisch.

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Ist in Ihrer Region die Hoffnung auf den Papst aus Lateinamerika noch so groß wie am Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus?

Die von Papst Franziskus einberufene Amazonas-Synode hat im Grunde unsere Praxis bestätigt. Wir fühlen uns gestärkt – auch in einer Frage wie der Zulassung verheirateter Priester. Der Papst hat hier kein Stoppsignal gesetzt. Die Reflexion geht weiter – bei uns wie auch in anderen Weltgegenden.

Es heißt, der Papst rufe Sie gelegentlich auf dem Handy an. Was hat er Ihnen gesagt?

Das war auf dem Höhepunkt der Pandemie, ja. Ich war so verdattert, dass ich auf Anhieb kein Wort herausbekam. Der Papst am Telefon! Was soll man da sagen? Ich habe dann als erstes ein Gebetswort aus der Heiligen Messe zitiert: „Domine, non sum dignus“ – „Herr, ich bin nicht würdig …“ Da hat er gelacht. Er wollte von mir wissen, wie die Corona-Lage bei uns ist und besonders auch bei den Indigenen. „Was tut ihr für die Indigenen?“ Darum war er sehr besorgt. Sie können sich vorstellen, dass nicht nur ich persönlich, sondern auch die Menschen bei uns es in schwerer Zeit als große Ermutigung empfunden haben, dass der Papst uns im Blick hat und an uns denkt.