- 70 Jahre Grundgesetz sind ein Anlass, in unserer Serie auf jedes Jahrzehnt zurückzublicken.
- Viele Menschen können genau sagen, was sie am 9. September 2001 gemacht haben, so auch Annette Frier.
- Die Schauspielerin sieht die 2000er Jahre in Deutschland aber kritisch: Die Große Koalition federte alle Konflikte in einer Wohlfühlatmosphäre ab.
Jede Zeit hat ihre Kennedy-Momente: Ereignisse, von denen die Zeitgenossen noch Jahre und Jahrzehnte später sagen können, wo und wie sie davon erfahren haben. Die Ermordung des früheren US-Präsidenten 1963 war so ein Moment, in Deutschland ganz sicher der Fall der Mauer – und am Beginn des neuen Jahrhunderts der 11. September 2001 mit den Terror-Angriffen auf die Twin Towers.
Annette Frier drehte an diesem Tag, einem Dienstag, gerade im Studio 449 in Köln-Mülheim die Sat.1-„Wochenshow“, die bis 2001 mit dem Untertitel „Die witzigsten Nachrichten der Welt“ versehen war. „Plötzlich liefen im Schnittraum auf zehn Monitoren gleichzeitig die Bilder verschiedener internationaler TV-Sender aus New York“, erinnert sie sich.
Noch heute – Kennedy-Moment! – wisse sie, wie sich die MAZ-Endlosschleife für sie ausgenommen habe: „Ich habe das allen Ernstes für ein Nachrichten-Hacking gehalten. Und ich dachte eine ganze Weile: »So, nun muss doch auch mal die Erklärung für diese Inszenierung kommen. Wird jedenfalls höchste Zeit, dass endlich einer sagt: »Locker bleiben, in Wahrheit ist nichts passiert«.“
Aber zu dieser Auflösung kam es nicht. „Da plötzlich wurden in mir die Geschichten meiner Eltern aus der Zeit des Kalten Kriegs und ein paar eigene Erinnerungsfetzen lebendig. So ein Bedrohungsgefühl, eine diffuse Angst.“ Es sollte ein emotionales Signum der folgenden Jahre werden.
Politisierung in der „Wochenshow“
Die „Wochenshow“, bei der Frier im Jahr 2000 als Komoderatorin von Ingolf Lück einstieg, bewirkte bei der 1974 geborenen Kölner Darstellerin, Absolventin der „Schauspielschule der Keller“, eine Politisierung der eigenen Art. Bis dahin, sagt sie, sei das Weltgeschehen zu einem guten Teil an ihr vorbeigerauscht.
„Ich war auf fast autistische Weise mit meinem Beruf beschäftigt: Ich wollte spielen, spielen, spielen!“ In der „Wochenshow“ verband sich diese Fixierung auf den Job jetzt mit der Tagespolitik: „Witterung aufnehmen für das, was gerade um einen herum passiert“, nennt Frier das, „das aktuelle Geschehen bespielen und reflektieren.“

Annette Frier bei der Vorstellung der Serie „SK Kölsch“
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Wie ihre Vorgängerin Anke Engelke parodierte sie Politikerinnen – unter ihnen Angela Merkel, damals noch nicht Kanzlerin, aber schon CDU-Vorsitzende. „Ich finde nach wie vor, dass ich sie ziemlich gut drauf hatte“, sagt Frier und verfällt in den Merkel-Ton mit leichtem S-Fehler und dem berlinernden Abschleifen der Silbenbetonungen.
„So wie sie bei Opernsängern die Augenwinkel mit zwei Bindfäden hochziehen, haben sie sie mir für meine Merkel-Parodie heruntergezogen.“
Nach den Aufwallungen am Beginn der 2000er Jahre kam Frier der Rest der Dekade „extrem plätschernd“ vor, spätestens mit dem Antritt der ersten großen Koalition 2005: Wen man wählt, war eigentlich egal.
Politischer Streit war unerwünscht in einem Land, das in Wohlstand gebettet war. So jedenfalls empfand es Frier – trotz Hartz IV und um sich greifenden Abstiegsängsten, die zum Entstehen der Linkspartei beitrugen. „Klar gab es das, aber ich kann als Rodenkirchener Mädchen ja nicht so tun, als wäre ich ein Arbeiterkind aus dem mitteldeutschen Chemiedreieck. Soziale Gerechtigkeit war mir immer ein Anliegen, aber wenn ich ehrlich bin, ist es der Politik bei mir ganz gut gelungen, die Gerechtigkeitslücke zu kaschieren.“
Merkel, so Frier, habe die Gummiwand zur Bauform der politischen Architektur erhoben: ohne Ecken und Kanten, jeden Außendruck abdämpfend, Verletzungsgefahr ausgeschlossen. „Der Terror hat daran gar nicht so viel verändert. Die Folge des 11. September war ein hysterisches Aufflattern wie auf dem Hühnerhof. Aber ganz bald sind alle wieder zum Eierlegen übergegangen.“
Eine Nation im „Auenland“
Frier charakterisiert das freilich als eine spezifisch deutsche Wahrnehmung. Außerhalb der Idylle des „Auenlands“, wie der Psychologe Stephan Grünewald die Nation unter Merkel genannt hat, ging es den Menschen schon viel früher an den Kragen.
„Ich habe Verwandtschaft in Griechenland. Einmal im Jahr kam mein Onkel, ein Trotzkist reinsten Wassers, nach Köln und hielt im Bürgerzentrum Ehrenfeld kommunistische Versammlungen für die »Genossinnen und Genossen« und – für »meine lieben Nichten« ab. Das war, als redete da einer von einem anderen Planeten.“ Die Botschaft des Außerirdischen an die Erdlinge lautete: „Euer Leben hier in Deutschland, das ist so weit weg von allem, das ist nicht die Wirklichkeit.“
Als das bei Frier ankam, neigte sich das Jahrzehnt schon dem Ende entgegen. Biografisch hatte es mit der Geburt ihrer Zwillinge 2008 zu tun. „Danach konnte ich anfangs überhaupt keine Nachrichten gebrauchen, schon gar keine schlechten. Alles Schreckliche, Gruselige war mir ein Horror. Wenn mir jemand ein Drehbuch anbot, das auch nur ansatzweise in dieses Genre ging, habe ich nur abwehrend die Arme ausgestreckt: »Geht mir bloß weg damit!«
Ein biologischer Schutzmechanismus gegen alles, was einen in Unruhe versetzen könnte, glaubt Frier. „Man hat eh alle Hände voll damit zu tun, dieses neue Leben und sein eigenes gut zu behüten.“
Doch die instinktive Abstinenz schlug alsbald um in eine besonders intensive Phase der Politisierung. Oder besser der Re-Politisierung. „Wenn die Kinder älter werden, werden die Fragen drängend, welche Folgen Politik für ihr späteres Leben haben wird.“
Globalisierung, Klimawandel, Migration, atomare Bedrohung, Kriegsgefahren – das alles hätten die Deutschen eigentlich schon lange gewusst oder es hätte ihnen bewusst sein können. Aber Tschernobyl, um ein Beispiel zu nennen, war 1984 gewesen, der GAU von Fukushima sollte erst 2011 folgen. „Genau das meine ich: Es lag alles auf dem Tisch, vor unserer Nase. Nur hat da in Deutschland in den wohltemperierten 2000ern nicht so interessiert.“
Womöglich, so sinniert Frier, lassen sich das eigene Leben und die vergangenen Jahrzehnte in Anlehnung an zwei alte Deutsch-Lesebücher in mehrere Phasen einteilen: Auf „Schauen und Schaffen“ folgt „Wägen und Wirken“ und schließlich – mit einem von Hanns Dieter Hüsch fiktiv hinzugefügten dritten Buchtitel – „Sitzen und Sinnen“.
In den 2000er Jahren, sagt Annette Frier, „war ich voll drin in Phase eins. Jetzt ist Phase zwei dran, auch für unser Land, damit wir nicht irgendwann dasitzen und völlig von Sinnen sind.“
