Weihnachten ist das Fest zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aus weiter Ferne tönen die Worte des alttestamentlichen Propheten Jesaja hinein in eine Nacht vor 2000 Jahren, die sich allem Anschein nach in nichts von den Nächten davor und danach unterscheidet. „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht“, heißt es bei Jesaja. „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt.“
Es ist eine große Vision des Friedens, die sich mit dieser Geburt verbindet – ohne jede Gewähr auf Erfüllung in der Gegenwart. Wie sollte ein Kind die Gesetze der Gewalt und des Kriegs aufheben? Dass in dieser Nacht der Heiland geboren wurde, der Retter der Welt, das konnte erst in der Zukunft im Glauben erkannt und verkündet werden.
Die Verheißung der Propheten
Die frühen Christen sahen die Verheißungen der Propheten in Jesus Christus erfüllt. Nach seinem Tod und im Glauben an seine Auferstehung fragten sie nach den Umständen, unter denen der „Sohn Gottes“ zur Welt gekommen war. Die Weihnachtsgeschichten der Bibel sind nachholende Erzählungen. Aus weiter Ferne geht der Blick zurück, vergegenwärtigt etwas längst Vergangenes. Was Jesu Geburt zu bedeuten hatte, das war für die Zeitgenossen noch nicht erkennbar, sondern erst für spätere Generationen.
Weihnachten 2020 sind wir in einer vergleichbaren Situation. Wird die „Corona-Weihnacht“ einmal als Wendepunkt zum Guten gelten? Oder als Beginn einer noch größeren, schrecklicheren Leidenszeit in Erinnerung bleiben? Natürlich können wir das heute nicht wissen. Aber wir können es mit unserem Verhalten zumindest ein kleines Stück beeinflussen. Heute entscheiden wir mit darüber, wie es uns morgen ergehen wird.
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Dass die Menschen dabei nicht allein sind, sondern auf Gott vertrauen dürfen, der sich in der Geburt Jesu Christi ganz und gar auf ihre Seite stellt, das ist das Unerhörte und unerhört Tröstliche der christlichen Weihnachtsbotschaft. Sie enthebt uns nicht der Aufgabe, unser Leben verantwortungsvoll in die Hand zu nehmen. Aber sie will uns die Angst nehmen, auf uns allein gestellt zu sein. Dass Gott selbst in einem wehrlosen Kind zur Welt kommt, ist „das“ Symbol für die Hilfsbedürftigkeit menschlichen Lebens. Wir brauchen die Fürsorge und den Schutz anderer. Seit langem ist uns das in unserer scheinbar rundum ge- und versicherten Gesellschaft nicht mehr so beunruhigend, so verstörend nahe gekommen wie in den vergangenen Monaten der Pandemie.
Das Gefühl der Zeitwende
Weihnachten, sagte der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in den 1930er Jahren, sei keine „idyllische Familienangelegenheit“, bei der wir uns, wie Zuschauer im Theater, „an all den freundlichen Bildern freuen“ könnten. Vielmehr würden wir „mit hineingerissen in eine völlige Umkehrung und Neuordnung aller Dinge dieser Erde. Da müssen wir mitspielen, da können wir uns nicht entziehen.“
Auch das macht Weihnachten 2020 aus: das Gefühl einer Zeitenwende. Was es jetzt braucht, sind Mut und Entschlossenheit. „Fürchtet euch nicht!“, lautet die Botschaft der Engel an Heiligabend. Gott gibt die Menschheit nicht verloren. Im Vertrauen darauf wird Weihnachten zum Fest der Gegenwart.



