„Emma“ (l.) mit ihrer Therapeutin Ailine Meier, im Hintergrund eine Plüschfigur des digitalen Helfers Till.
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Köln – Kölner Psychotherapeutinnen haben zwei Apps entwickelt, die Kindern und Jugendlichen bei der Therapie helfen. Die Idee: In der App können Kinder im Alltag direkt schwierige Situationen in Videos festhalten und ihre Emotionen beschreiben statt auf die nächste Therapiesitzung warten oder zu Zettel und Stift greifen zu müssen. Außerdem erinnert die App an Methoden und Techniken und bittet sogar die Kinder selbst um Rat, wie sie etwa einen Streit schlichten würden.
„Emma“ schaut auf das Handy und nutzt die App zur Therapie.
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Emma tippt mit dem Zeigefinger auf das Display und das bunte Logo der „Authark“-App. „Wir haben uns gestritten, dann geschubst. Meine Uhr wurde ganz verkratzt. Dann habe ich noch mehr geschubst“, ist aus dem Lautsprecher des Handys zu hören. Emma hat ein Video im Selfie-Modus aufgenommen und der App von dem Streit erzählt.
Emma ist nicht der richtige Name der Zehnjährigen, doch der Streit in der Schule war echt. Das Mädchen zeigt häufig aggressives Verhalten gegenüber Erwachsenen und ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Seit Juli ist sie deswegen in Therapie.
Kinder können schwierige Alltagssituationen direkt schildern
„Es sind genau diese Situationen, die uns interessieren“, sagt Anja Görtz-Dorten. Die Psychologin leitet die wissenschaftliche Abteilung des Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (AKiP) an der Uni Köln. „In Therapiestunden hören wir häufig: »weiß ich nicht mehr«. Die Kinder können die Streits und Alltagssituationen teils Wochen später nicht mehr richtig beschreiben und Ärger und Ängste sind wieder verflogen“, erklärt Görtz-Dorten. „In der App sammeln sie die Eindrücke direkt, in der Sitzung besprechen wir sie dann.“
Die „Authark“-App: Der digitale Helfer Till spricht mit dem Kind in Therapie über Ärger.
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Emma gefällt in der App vor allem „der Till“. Till ist der digitale Freund, ein Avatar, der durch die App führt. Der elektronische Junge mit Segelohren fragt die Kinder: „Hast du heute eine schwierige Situation erlebt?“ oder „Wie geht es dir heute?“. Wenn die Kinder einen Video-Tagebucheintrag filmen oder einen Regler verschieben, der angibt, wie wütend sie waren, bedankt sich Till bei den Kindern, dass sie sich die Zeit genommen haben.
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Wenn die Kinder die App regelmäßig nutzen und Tills Fragen beantworten, verdienen sie sich digitale Münzen. Damit lassen sich für Till etwa neue Kleidungsstücke, Hüte und andere Accessoires kaufen. Für 100 digitale Münzen können sich die Kinder einen sogenannten großen Wunsch erfüllen, der individuell festgelegt wurde. Auch Emma spart gerade ihre Münzen für einen großen Wunsch: Eis essen gehen mit Mama. Und irgendwann Taschengeld, damit sie sich ein echtes eigenes Handy kaufen kann, denn auf dem Therapie-Handy ist nur die eine App freigeschaltet.
Handy für Kinder attraktiver als Zettel und Stift
„Das Handy ist für viele Kinder attraktiver als Zettel, Stift und Stimmungs-Bögen“, sagt Psychologin Görtz-Dorten. Die „Authark“-App, was für App-unterstützte Therapie-Arbeit für Kinder steht, richtet sich an Sechs- bis Zwölfjährige. „Die App ist sehr individualisierbar. Von Aufgaben und Erinnerungen bis zu Bildschirm-Hintergründen und Farben, ebenso wie es für das Kind passt“, so Görtz-Dorten.
Anja Görtz-Dorten, wissenschaftliche Leiterin des AKiP-Projekts
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Mit der unterstützenden App sollen Störungen des Sozialverhaltens wie Aggressivität, Angststörungen, Depressionen oder ADHS behandelt werden. Regelmäßig erinnert die App die Kinder an die Einträge – bei Emma immer nach dem Abendbrot. „Das mach’ ich dann auch“, sagt die Zehnjährige. Eine besondere Funktion der App ist, dass die Kinder auch selbst zum Helfer werden können: Der digitale Freund Till berichtet etwa von einem Streit und fragt das Kind, wie es in dieser Situation reagiert hätte. Psychologin Görtz-Dorten erklärt die Simulation: „So können die Kinder die erlernten Techniken anwenden, ohne selbst in der stressigen Situation zu sein.“
Apps für Therapie-Zwecke sind nicht komplett neu. Meistens stehen sie aber alleine und sind nicht mit der Therapie verzahnt. So ist die App etwa nur ein Tagebuch ohne Feedback.
Bei der Kölner AKiP schauen sich Kinder und Therapeutinnen gemeinsam die Video-Tagebücher an, sprechen über die Alltagssituationen und arbeiten zusammen an Lösungen. Die regelmäßige Auseinandersetzung mit den Methoden hilft, davon ist Görtz-Dorten überzeugt. Und auch Emmas Mutter Birgit sagt: „Wenn das Handy klingelt, dann schauen auch wir Eltern auf unser Verhalten.“
Hintergrund: Freie Plätze für App-unterstütze Therapie
Die App AUTHARK und eine weitere App „JAY“ der Kölner AKiP sind kostenlos in App-Stores erhältlich. Die Apps sollten aber im Rahmen einer Therapie genutzt werden.
Die Kölner AKiP bietet noch Plätze für die Projekte und Therapie an. Interessierte können sich telefonisch via 0221/478 30954 (für Kinder) und 0221/478 87772 (für Jugendliche) oder via E-Mail an authark@uk-koeln.de und jay-forschung@uk-koeln.de melden.