Abo

100 Jahre Leben„Diese Angst, Krieg und Faschismus könnten wiederkehren, begleitet mich bis heute“

8 min
Renate Beisenherz-Galas steht vor einer übervollen Bücherwand und lächelt in die Kamera.

Renate Beisenherz-Galas ist 80 Jahre alt. Sie sagt: „Schon in den 1980er Jahren hatte ich Schüler, die den Holocaust anzweifelten.“

Renate Beisenherz-Galas aus Bergisch Gladbach wurde ein paar Monate nach Kriegsende geboren. Trümmergrundstücke sind ihre ersten Erinnerungen. Seitdem hat sie ihr Leben dem Kampf gegen Krieg und Faschismus gewidmet. 

Frau Beisenherz-Galas, Sie sind 1945, ein paar Monate nach Kriegsende in Hamburg geboren. Was sind denn Ihre frühesten Erinnerungen?

Renate Beisenherz-Galas: Das Trümmergrundstück nebenan. Wir haben dort gespielt, das war abenteuerlich. Ich erinnere mich aber auch an manche Bilder, zum Beispiel an das Silberbesteck, das hatten meine Eltern gerettet. Dazu gab es dunkelrote Blechteller mit schwarzem Rand, die hatten wir aus dem Nachbargrundstück ausgegraben. Wenn es Spinat mit Spiegelei gab, habe ich mich immer gefreut, weil mir die Farbkombination so gut gefiel. Aber es gab auch Bedrohliches, die Ratten in den Kellern zum Beispiel. Große Kinder auf der Straße benutzten das immer als Drohmittel, wenn ich sie genervt habe oder wir uns stritten: „Du kommst in den Rattenkeller." Das hat mich fürchterlich aufgeregt. Ich fing immer sofort an zu heulen.

Und wie konnten Sie die Erinnerungen später durch Erzählungen komplementieren?

Wir waren eine Flüchtlingsfamilie. Mein Vater war ursprünglich bei der Reichsbahn in Berlin beschäftigt, dann wurde er ins Sudetenland versetzt, von dort sind wir geflohen. Meine Großmutter wohnte noch in Hamburg, deshalb kamen wir dorthin. Allerdings nicht in das Haus meiner Großeltern, wir wurden in ein Zimmer einer Villa einquartiert. Die Eigentümer waren natürlich nicht begeistert. Außerdem waren die ersten Jahre wirklich hart. Es gab fast nichts zu essen. Meine Mutter erzählte immer, ich sei als Baby quasi nie gebadet worden, weil es einfach kein heißes Wasser gab. Dann wurde meine Mutter krank und ich kam für ein paar Wochen in ein Kinderheim. Als mein Vater mich abholte, war ich übersät mit blauen Flecken. Mein Vater hat das später in seinem Tagebuch aufgeschrieben.

Ihr Vater ist gestorben, als Sie zwölf Jahre alt waren. Über den Krieg konnten Sie also mit ihm nicht wirklich sprechen. Hat Ihre Mutter darüber geredet?

Eigentlich war das Thema tabu. Da mein Vater bei Kriegsbeginn schon relativ alt war, wurde er nicht eingezogen. Er arbeitete bei der Reichsbahn, in der Verwaltung. Lange Zeit hieß es deshalb, er sei unbescholten durch den Krieg gekommen. Erst später habe ich verstanden, dass er im Sudetenland tätig war. Von dort aus fuhren auch Züge in die Vernichtungslager. Die Fahrpläne mussten schließlich auch irgendwo gemacht werden. Wir haben nie darüber gesprochen. Aber ich nehme an, er muss daran beteiligt gewesen sein. Meine Mutter hat mir dann später irgendwann auch diese Geschichte erzählt, die mich bis heute sehr beschäftigt. Als der Krieg zu Ende war, hatte mein Vater beschlossen, lieber sich und seine Familie auszulöschen als den Russen in die Hände zu fallen. Aber meine Mutter hat sich widersetzt. Sie nahm ihr Kind und floh mit meinem Vater in einem der letzten Züge. Das fand ich sehr mutig von ihr.

Sie sagen, Sie haben sich als Jugendliche und junge Erwachsene intensiv mit der Nazi-Zeit auseinandergesetzt – anders als Ihre Mutter. An was können Sie sich erinnern?

In der Schule wurden Nationalsozialismus und Holocaust schon erwähnt. Aber das ganze Ausmaß habe ich erst später erahnen können. Ich war etwa neunzehn Jahre alt, als ich meinen späteren Mann kennenlernte. Seine Mutter war eine der ersten evangelischen Pastorinnen, ich erinnere mich daran, dass sie in diesem Zusammenhang absurderweise als „Bruder Beisenherz" angeredet wurde, weil es für Frauen gar keine Bezeichnung gab. Jedenfalls habe ich in ihrem Haushalt die Dokumentation „Nationalsozialistische Gewaltverbrechen“ entdeckt und gelesen. Ich war wahnsinnig erschüttert.

Was genau haben Sie da erfahren?

Dort wurde alles genau dokumentiert, jedes Vernichtungslager. Das Thema hat mich eigentlich nie wieder losgelassen.

Wie ist Ihre Mutter damit umgegangen?

Sie hat nicht viel davon wissen wollen. Sie war von ihrem Wesen her eher unpolitisch. Dennoch kamen immer wieder diese alten Reflexe durch. Ich erinnere mich noch an einen Streit in den frühen 1970er Jahren. Damals wurde Allende in Chile gestürzt. Und meine Mutter kam rein und sagte fröhlich: „Na, jetzt wird endlich mal aufgeräumt in Chile." Ich war so entsetzt, dass sie nach all diesen Erfahrungen so einen Satz sagen konnte, der mich total an den Faschismus erinnert hat. Ich habe sie rausgeschmissen. Erst sehr viel später konnte meine Mutter meine Haltung verstehen.

Sie haben erwähnt, dass die Studentenbewegung Sie stark geprägt hat. Wie kam es dazu?

Es ging damals um die Notstandsgesetze. Alle bürgerlichen Rechte sollten eben im Notfall außer Kraft gesetzt werden können. Das hat die Studentenschaft ungeheuer aufgebracht. Es erinnerte uns schon sehr an den Nationalsozialismus. Und wir haben auch gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Wir versammelten uns zum Beispiel in der Moorweide zum Sitzstreik, das ist ein grüner Park vor der Hamburger Uni. Wir saßen da friedlich und plötzlich kamen berittene Polizisten, viele Beamte auf riesigen Pferden. Sie ritten mitten in die Menge rein. Ich hatte große Angst. Das war wirklich gefährlich. Ich dachte: Hilfe, wo sind denn unsere demokratischen Rechte? Diese Angst, Krieg und Faschismus könnten wiederkehren, begleitet mich bis heute. Ich war auch später immer wieder auf großen Friedensdemonstrationen, als meine Kinder noch klein waren auch mit der Kinderkarre.

Hat Ihr erster Mann ähnlich gedacht?

Ja, ich lernte ihn an der Universität kennen. Er saß nicht mit auf der Moorweide, war nicht besonders radikal. Aber auch er trug diesen Gedanken in sich, der uns alle damals so beschäftigt hat: Versöhnung. Er sattelte extra von Mathematik auf Slawistik um, damit er später nach Russland gehen und dort an der Universität hätte arbeiten können.

Ihr erster Mann ist sehr früh verstorben und konnte das nicht mehr umsetzen. Aber Sie waren Lehrerin. Waren Sie erfolgreich in der Weitergabe dieses Versöhnungs-Gedankens?

Ich habe es zumindest immer versucht. Auch über die Literatur und das Theater. Wir haben in einer AG auch einige antifaschistische Stücke aufgeführt, zum Beispiel „Die Welle“, „Der gelbe Vogel“ und eine Revue von Heinrich Heine. Für ein Theaterstück zu Anne Frank habe ich alle möglichen Promis angeschrieben und darum gebeten, dass sie schreiben, was ihnen das Stück bedeutet. Viele haben sich gemeldet. Von Gerhard Schröder über Luise Rinser bis zu Helmut Kohl. Wir haben die Briefe dann im Foyer der Schule aufgehängt. Aber ich habe auch Erfahrungen gemacht, die mich erschreckt haben. Schon in den 1980er Jahren hatte ich Schüler, die den Holocaust anzweifelten. Sie sagten, die Zahlen seien übertrieben. Das war schon absurd. Ich ging damals sogar zum Schulleiter. Der hat aber nur mit den Schultern gezuckt, wollte davon eigentlich nichts wissen.

Auch heute üben rechte Parteien wieder eine große Anziehungskraft auf junge Menschen aus. Was kann man dagegen tun?

Ich habe auch keine perfekte Antwort auf diese Frage. Ich würde es immer mit Information und Aufklärung versuchen. Wer weiß, was damals wirklich passiert ist, kann das nicht gutheißen. Aus meiner Sicht ist das unmöglich.

Sie leben hier inmitten von Büchern, sind großer Literaturfan. Welche Bücher haben Ihnen auf schweren Lebensstrecken Kraft gegeben?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Generell trifft auf mich aber in jedem Fall der Spruch zu: Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern in einen Buchladen. In Zeiten der Krise habe ich immer wieder versucht, mich an Autoren zu orientieren, die selbst schwere Lebenssituationen überstanden haben. Amos Oz, Angelika Schrobsdorff zum Beispiel. Kraft gegeben hat mir auch die Auseinandersetzung mit Ulla Hahn, sie hat auch in Hamburg Literaturwissenschaften studiert, schockierend früh ihren Verlobten verloren. Ermutigend fand ich „Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil. Als Religionslehrerin habe ich natürlich immer mal wieder in die Bibel geschaut - oft sehr hilfreich! Besonders das Neue Testament. Aber das muss jeder selber wissen, ob das für ihn in Frage kommt in schweren Zeiten.

Anfang der 1980er Jahre waren Sie alleinerziehend. Wie anstrengend war das?

Sehr anstrengend. Sehr kompliziert. Sehr unkonventionell. Nach dem Tod meines Mannes dachte ich, mein Leben sei vorbei. Aber es kam anders. Ich bekam sogar noch zwei Kinder. Die Beziehungen gingen auseinander, ich hatte Angst. Aber trotzdem habe ich mich auf die Kinder sehr gefreut. Ich hielt sie für Geschenke des Himmels. Dennoch war es sehr schwierig. Die Infrastruktur war ja überhaupt nicht auf Alleinerziehende ausgelegt. Schon gar nicht in Bergisch Gladbach. Aber ich wollte arbeiten und schließlich wäre die Alternative das Sozialamt gewesen. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Also fuhr ich jeden Tag nach Köln zu Kita und Hort und unterrichtete anschließend. Wir haben damals in einer sehr unkonventionellen Hausgemeinschaft in Bergisch Gladbach gelebt. Zusammen mit einem anderen Paar und einem Studenten. Der Vermieter und die direkten Nachbarn waren sehr nett und offen. Aber in der Straße gab es auch viele, die komisch guckten und fragten: Was machen die denn da bloß? Wo ist eigentlich der Vater der Kinder?

Später haben Sie dann nochmal geheiratet.

Ja. Unsere Ehe währt jetzt schon seit über 36 Jahren. Da war dann auch nach außen hin endlich wieder alles in Ordnung. Jetzt haben wir eine Patchworkfamilie mit vier Kindern und zwei Enkeln. Letztlich hat sich in meinem Leben alles zum Guten gefügt. Dafür bin ich sehr dankbar. Und ich sage allen: Manchmal ist das Leben eben nicht so geradlinig. Privat nicht, aber auch gesellschaftlich nicht. Wichtig ist, dass man trotzdem nicht den Mut verliert, resilient bleibt. Weiter seinen Beitrag leistet, auch wenn es mal Rückschläge gibt.

Wofür setzen Sie sich ein?

Für Menschenrechte zum Beispiel. Ich bin seit vielen Jahrzehnten Mitglied bei Amnesty International und engagiere mich in einer Steuerungsgruppe für den Fairen Handel mit dem globalen Süden. Mir ist wichtig, Fluchtursachen zu bekämpfen, wie Krieg oder Klimawandel, nicht die Flüchtlinge.

Und ich bin entsetzt über den Ukraine-Krieg und wie man in Deutschland reagiert: Mit der Forderung nach Kriegstüchtigkeit. Das hatten wir doch endlich überwunden. Das war doch unser Versprechen: Nie wieder Krieg. Zudem muss man die Rüstungsausgaben dringend begrenzen. Das Geld brauchen wir für Infrastruktur und Soziales. Aber ich will auch nicht aufgeben, an den Frieden zu glauben. Als die Kinder erwachsen waren, habe ich mich aktiv in der Lokalpolitik engagiert und war zehn Jahre lang im Rat der Stadt Bergisch Gladbach, fünf Jahre dann sogar stellvertretende Bürgermeisterin für die Grünen.

In Ihrer Mail an mich haben Sie dazu geschrieben: „Der Kölner Dom wurde ja auch nicht in einer Generation erbaut - aber endlich wurde er vollendet!“

Ja, daran muss ich tatsächlich oft denken, wenn mir Ausdauer und Geduld abhanden zu kommen drohen. Das mit dem Dom sah auch sehr lange Zeit sehr schlecht aus. Dass der jemals fertig werden würde, konnte man kaum erwarten. Aber es ist dann ja tatsächlich geglückt. Genauso beharrlich sollten wir auch immer an unseren Zielen wie Frieden und Demokratie festhalten und uns dafür einsetzen. Auch wenn es mal Rückschläge gibt.


Renate Beisenherz-Galas lebt seit 40 Jahren in Bergisch Gladbach. Sie studierte in Hamburg Germanistik und evangelische Theologie, jetzt ist sie Gymnasiallehrerin in Rente. Sie ist verheiratet und hat zusammen mit ihrem Mann vier Kinder und zwei Enkel. Von 2009 bis 2014 war sie stellvertretende Bürgermeisterin von Bergisch Gladbach. Ihre besondere Liebe gehört der Literatur.