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200 Millionen Euro gegen Krebs„Eine Möglichkeit in dieser Größenordnung habe ich noch nie erhalten“

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Interview mit Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor Klinik I für Innere Medizin und Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Köln

Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor der Klinik für Innere Medizin und des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) an der Uniklinik Köln koordiniert das neue Forschungscluster im Kampf gegen Krebs.

Das Land NRW fördert die Krebsforschung mit 200 Millionen Euro, die Uniklinik Köln koordiniert und plant ein neues Denkzentrum, in dem der Weg zu neuen Medikamenten entscheidend verkürzt werden soll.

Professor Hallek, Nordrhein-Westfalen stellt 200 Millionen Euro für das Forschungscluster AI4CancerCure.NRW bereit. Was verändert dieses Geld ganz konkret für die Uniklinik Köln, die einen großen Teil davon erhalten wird?

Michael Hallek: Es gibt uns völlig neue Möglichkeiten. Aus Köln heraus wird der Verbund koordiniert. Wir werden das Geld in Baumaßnahmen und Rechnerkapazitäten stecken. Am Ende werden wir damit die Entwicklung neuer Medikamente und Therapiestrategien ermöglichen. Dabei wollen wir Krebsbiologie, Künstliche Intelligenz und die Daten unserer Patientinnen und Patienten enger zusammenbringen. Wenn wir wissen, welche biologischen Strukturen das Risiko einer Erkrankung oder eines Rückfalls erhöhen, können wir gezielter nach Wirkstoffen suchen, die genau dort ansetzen. Die KI wird dabei zu einer methodischen Brücke zwischen Biologie, Chemie und klinischer Medizin.

Wie sieht dieser Brückenschlag im Labor aus?

Nehmen wir an, wir beobachten in klinischen Daten eine bestimmte Mutation. Sie könnte erklären, warum ein Tumor entsteht oder warum er gegen eine Therapie resistent wird. Früher begann danach eine sehr aufwendige Suche: Man durchforstete große Bibliotheken mit chemischen oder biologischen Substanzen und prüfte, welche davon den Tumor binden oder ihn hemmen könnte. Man testete im Labor also sehr viele Kandidaten, verwarf die meisten, optimierte einzelne. Heute können wir solche Prozesse mit Computermodellen vorsortieren. Wir simulieren, welche Moleküle voraussichtlich passen. Vereinfacht gesagt: Wir probieren nicht mehr 5000 oder gar fünf Millionen Möglichkeiten aus, sondern vielleicht fünf besonders aussichtsreiche.

Wie viel Zeit lässt sich dadurch gewinnen?

Im besten Fall mehrere Jahre. Die KI ersetzt nicht die Laborarbeit und schon gar nicht die klinische Prüfung. Aber sie kann den Weg zur passenden Substanz erheblich verkürzen. Gerade bei Krebs zählt Zeit. Je früher eine wirksame Behandlung zur Verfügung steht, desto größer ist die Chance, dass Patienten davon profitieren. Unser Ziel ist, erste Substanzen aus diesem akademischen Verbund in fünf Jahren klinisch prüfen zu können.

Was haben Patienten davon, bevor ein neues Medikament zugelassen ist?

Die Wirkung kann an mehreren Stellen einsetzen. Zunächst können wir Erkrankungen möglicherweise früher erkennen und das individuelle Risiko genauer bestimmen. Wenn sich aus genetischen, bildgebenden und klinischen Daten belastbare Muster ergeben, lässt sich zum Beispiel besser einschätzen, wer ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung oder einen Rückfall trägt. Dann kann man Prävention und Früherkennung gezielter organisieren.

Auch bei bereits erkrankten Menschen kann eine präzisere Prognose helfen. Wir wollen besser verstehen, wie sich ein Tumor entwickeln wird und welche Behandlung mit höherer Wahrscheinlichkeit wirkt. Das führt langfristig zu personalisierten Therapien. Im besten Fall bedeutet das mehr Wirksamkeit und weniger unnötige Nebenwirkungen.

Und schließlich geht es um die Entwicklung von Medikamenten, die bisherige Resistenzen überwinden. Viele Patienten erleben, dass eine Therapie zunächst hilft und später ihre Wirkung verliert. Wenn wir die Mechanismen dieser Resistenz aus Patientendaten und biologischen Untersuchungen besser ableiten, können wir wirkungsvollere Angriffspunkte finden.

Betritt Nordrhein-Westfalen mit diesem Projekt Neuland?

Die Pharmaindustrie arbeitet bereits mit Künstlicher Intelligenz und entwickelt entsprechende Verfahren. Neu ist, dass wir diesen Ansatz systematisch in der akademischen Forschung aufbauen wollen. Universitätsmedizin kann dabei etwas leisten, was ein einzelnes Unternehmen nur begrenzt kann: Sie bringt sehr unterschiedliche Patientengruppen, klinische Beobachtungen, biologische Forschung und unabhängige Expertise zusammen.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Verbindung. Wir wollen nicht nur eine KI-Anwendung entwickeln und auch nicht nur Daten sammeln. Wir wollen die gesamte Kette abbilden: Von der Krebsbiologie über die Identifikation eines Wirkstoffs bis zur klinischen Prüfung. Wenn daraus Produkte, Ausgründungen oder Kooperationen mit der Gesundheitswirtschaft entstehen, ist das ausdrücklich erwünscht. Forschung soll den Weg zu den Patienten finden.

200 Millionen Euro sind eine enorme Summe. Wie ordnen Sie sie ein?

Für ein Vorhaben dieser Art ist das außergewöhnlich. In meinem wissenschaftlichen Leben habe ich eine Möglichkeit in dieser Größenordnung noch nie erhalten. Dazu kommt: Wir können sofort beginnen und über Jahre eine Infrastruktur aufbauen, die nicht nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Wir finanzieren also nicht nur einzelne Projekte, sondern schaffen die Voraussetzungen für ein neues Forschungsfeld.

Sie planen dafür sogar ein neues Zentrum in Köln. Wo soll das entstehen?

Zwischen dem Institut für Mathematik und Informatik und dem Klinikum Weyertal gibt es eine profanierte Kirche, St. Laurentius. Das Gebäude eignet sich hervorragend für eine neue Nutzung. Dort brauchen wir keine klassische Nasslaborstruktur, sondern einen Ort für computergestützte Forschung, für Austausch und konzentriertes gemeinsames Arbeiten. Ich stelle mir das als eine Art Denkraum vor. Ein Gebäude, in dem Mathematiker, Informatiker, Biologen, Chemiker und Mediziner miteinander arbeiten. Das ist wichtig, weil die entscheidenden Ideen oft an den Übergängen zwischen den Disziplinen entstehen. Von der Uniklinik aus kann man in wenigen Minuten dorthin laufen. Das neue Zentrum würde unser Angebot um die computergestützte Krebsforschung ergänzen. Köln wird damit zum koordinierenden Zentrum des landesweiten Clusters.

Warum reicht es nicht, wenn Köln seine Stärken ausbaut?

Weil auch wir allein nicht groß genug sind. Wenn wir mit den großen Zentren in China oder den besonders gut finanzierten amerikanischen Universitäten mithalten wollen, müssen wir kooperieren. Jede beteiligte Einrichtung bringt andere Patientengruppen, Methoden und Expertisen ein. Große Datenmengen werden aussagekräftiger, wenn sie aus unterschiedlichen Regionen und Versorgungssituationen stammen. Eine Therapie, die nur an einem Standort funktioniert, ist noch keine gute Lösung. Wir müssen zeigen, dass sie sich auf viele Patienten übertragen lässt.

Dass sich bereits andere Fachrichtungen für ähnliche Modelle interessieren, etwa die Kardiologie, bestätigt diesen Weg. Gute Forschung darf Nachahmer finden. Wenn aus dem Krebsforschungsverbund ein Modell für weitere Volkskrankheiten entsteht, wäre das ein zusätzlicher Gewinn.

Verändert der Scheck auch Ihre eigene Perspektive in Köln?

Nein. Was meine berufliche Zukunft angeht, kann ich derzeit nichts kommentieren. Was ich aber sagen kann: Das Forschungscluster hier in NRW werde ich weiter koordinieren. Unabhängig davon, ob ich an der Universität Köln bleibe oder nicht.