Wer die richtige Treppe im Uni-Keller findet, steht plötzlich vor Schienen, Bohrhämmern und echter Kohle. Kölns kleinstes Bergwerk hat eine bewegte Geschichte.
Köln von untenHelmpflicht unterm Hörsaal

Original verlegte Schienen und ein Förderwägelchen erinnern an den echten Steinkohlebergbau – nachgebaut in den 1930er-Jahren.
Copyright: Alexander Schwaiger
Wer das Hauptgebäude der Universität am Albertus-Magnus-Platz betritt, sich scharf nach rechts wendet, die Treppe hinuntergeht, vor der Poststelle eine Linkskurve einschlägt, an den Fahrrädern vorbei und wieder eine Treppe sowie eine Linkskurve nimmt, sollte einen Helm dabeihaben. Wozu braucht man im Keller der Universität einen Helm? Weil man hier in ein Bergwerk einfahren kann. Ein Arschleder, so heißt der Schutz vor dem Durchwetzen des Hosenbodens des Bergmannes, oder einen Schutzanzug braucht es nicht. Der Barbarastollen ist wohl eines der saubersten Bergwerke in ganz NRW. Der Helm ist dennoch Pflicht, denn die Balken hängen teilweise ziemlich tief.
Was unter der Kölner Universität liegt, ist nicht irgendein Nachbau, sondern ein (fast) echter Stollen mit echten Maschinen: Schienen, ein Förderwägelchen, Bohrhämmer, und Wettertüren. Die Technik ist auf dem Stand der 1930er Jahre und ist bis heute funktionsfähig. Wer allerdings Kohle abbauen möchte, der kommt nicht weit. Denn die ist an die Kellerwände angeklebt und liegt nur zehn Meter unter der Erde.

Der Einlass zum Barbarastollen: ein schmales Tor, einst ein Geschenk von Bergleuten aus dem Erzgebirge
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Aus Platzgründen wurden die Abstände zwischen den Streckenabschnitten enger angelegt als im echten Bergbau. Der Barbarastollen ist nur 40 Meter lang. Bei jedem Schritt muss man aufpassen, nicht über die original verlegten Schienen zu stolpern. Das schmale Tor, das unter Tage führt, war ein Geschenk von Bergleuten aus dem Erzgebirge. Der Schlüssel dazu befindet sich in der Obhut der Arbeits- und Allgemeinmediziner an der Uniklinik Köln. Mitarbeiter führen gelegentlich Studierende und Beschäftigte der Universität durch die dunkle Strecke.
Ein Museum unter der Erde
Der Lehrstollen entstand Anfang der 1930er Jahre als Teil der „Schau westdeutscher Wirtschaft“ im Keller der neugebauten Universität. Die Ausstellung gliederte sich in vier Hauptabteilungen, darunter auch der Bergbau. Ursprünglich sollte sie angehenden Handelshochschülern zeigen, welche Berufszweige es in ihrer Umgebung gibt. Ab Februar 1933 durfte dann auch die Kölner Bevölkerung hinabsteigen und sich die Schau ansehen. Zur Eröffnung schrieb der „Kölner Stadt-Anzeiger“ 1933: „Sehr anschaulich sind alle Sicherungsmaßnahmen, über die ein modernes Bergwerk verfügt, zur Schau gestellt.“
Für zehn Reichspfennige konnte sie werktäglich von 10 bis 13 Uhr das Museum besuchen. Durchschnittlich 60 Besucher pro Tag sollen sich die Ausstellung angeschaut haben. Mit dem Steinkohlebergwerk als Hauptattraktion.
Entworfen hat den Stollen der Künstler Franz Holl im Auftrag mehrerer Stifter, darunter Bohrmaschinenhersteller und die Deutsche Erdöl AG. Auf einer großen gelben Tafel im Eingangsbereich stehen sie noch alle feinsäuberlich untereinander aufgelistet. Die Kohle, die bis heute an den Wänden glänzt, stammt nicht aus Köln, sondern aus dem früheren Aachener Gebiet und dem Ruhrkohlenbergbau. Angeklebt wurde sie mit Teer. Gut 20 Zentimeter dick.
Damit das Bergwerk der Wirklichkeit möglichst nahekam, war Holl in verschiedene Gruben eingefahren. Dort fertigte er Zeichnungen von typischen Situationen unter Tage, Arbeitsgeräten und Stützvorrichtungen, Förderbändern und Sicherheitseinrichtungen an. Nach seinem Entwurf und mithilfe seines Sohnes, der den Vater nach dessen Tod ablöste, entstand der Stollen.
Jahrzehnte im Dornröschenschlaf
Mit dem Krieg kam das jähe Ende. Die Kölner Innenstadt wurde zu mehr als 90 Prozent zerstört, Zentralstellen der Stadtverwaltung mussten in Gebäude wie die Universität ausweichen, und Raum wurde knapp. Die Schau westdeutscher Wirtschaft, zwischenzeitlich auch von den Nationalsozialisten vereinnahmt, wurde eingestellt. Danach begann für den Stollen ein jahrzehntelanger „Dornröschenschlaf“. Nach dem Krieg, mitten in der Entnazifizierung und dem allgemeinen Wiederaufbau, geriet die unterirdische Anlage fast vollständig in Vergessenheit. Schriftliche Unterlagen gibt es kaum noch. Ein paar Zeitungsartikel geben noch Auskunft über den Bau des Stollens.
Die Wiederentdeckung Mitte der 1980er-Jahre klingt fast wie ein Filmszenario. Nach mündlicher Überlieferung, fand sich hinter einem Schrank eine Tür. Sie wurde aufgebrochen, dahinter lag der vollständige, seit Jahren verräumte Stollen. Ein Zeitungsartikel der „Kölnischen Rundschau“ vom 1. April 1986 mit dem Titel „Altes Bergwerk unter der Universität wiederentdeckt“ berichtet davon, dass selbst zuständige Professoren zu diesem Zeitpunkt ahnungslos gewesen seien, welche Anlage sich unter dem Hauptgebäude verbarg.

Werkzeuge wie Schaufeln, Hacken und Bohrer liegen in einer Ecke. So als seien die Kumpel gerade zur Pause gegangen.
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Heute bleibt während der Führungen der Kompressor für den Antrieb druckluftbetriebener Maschinen aus, sonst wäre eine Verständigung im Barbarastollen nur schwer möglich. Die stählernen Verstrebungen, dahinter die Verzugshölzer, die Förderbänder, die Schüttelrutsche und die „Hunde“, also die auf Schienen laufenden Transportwagen, sind naturgetreu nachgebildet. Auch das Kurbeltelefon an der Wand funktioniert noch. Allerdings nur noch hausintern. Schaufeln, Hacken und andere Werkzeuge lehnen an der Wand, als seien die Kumpel nur kurz zur Mittagspause gegangen.
Schlägel und Eisen, mit denen man durch reine Muskelkraft das „Schwarze Gold“ aus dem Boden löste, gibt es ebenso wie zwei große, schwere Druckluftbohrer. Sie hatten nicht nur viel Gewicht, sondern dürften auch wegen der Vibration nur schwer zu halten gewesen sein. Wer keine Bandscheibenprobleme hat und sich einen Eindruck von den Gewichten verschaffen will, kann den Bohrer auch in die Hand nehmen– aber mit beiden Händen, bitte. Gut 30 Kilo mussten die Bergleute über Stunden so stemmen. Wer den originalen Bohrhammer in die Hand nimmt, setzt ihn schnell wieder ab. Viel zu schwer.

Rund 20 Zentimeter dick klebt die Kohle an den Wänden des Stollens, mit Teer befestigt. Weit kommt man beim Abbauen also nicht.
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An einer Ecke hängt eine Signaltafel mit Anschlagsignal und Notalarmgerät. Beide erzeugen weittragende, tiefe Töne. Mit ihnen wurden dem Maschinisten, der den Förderkorb bediente, Zeichen gegeben. Ein Klingeln mit dem Anschlagsignal bedeutete „Halt“, der Doppelton „Auf“ und das dreifache Klingeln „Hängen“, Bergmannssprache für „Abwärts“. Es war schummrig, schlechtes Licht, viel Staub, sehr laut durch die ganzen Maschinen. Man musste also gut und laut kommunizieren. Das ging dann mit Ausführungssignalen. Wenn der Strom an ist, sind die Ausführungssignale sehr laut. Um die Ecke hängt die dicke Grubenglocke. Würde diese klingeln, dann würden das wohl auch die Studierenden oben hören.

Wer hier kurbelt, der kann noch hoch in die Universität telefonieren.
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Nach seiner Wiederentdeckung fand der Barbarastollen, wie er seit der Wiedereröffnung in den 1990er-Jahren nach der Schutzpatronin der Bergleute genannt wird, in Professor Claus Piekarski einen Förderer. Der damalige Kölner Lehrstuhlinhaber für Arbeitsmedizin, der in Personalunion auch ärztlicher Direktor der Ruhrkohle AG war, sorgte für die Erhaltung des Stollens.
In Kooperation mit der Ruhrkohle AG wurde die Anlage instandgesetzt. Schläuche für die druckluftbetriebenen Maschinen und Kabel mussten ausgetauscht werden und ein neuer Generator kam hinzu. Piekarski führte Studierende und angehende Arbeitsmediziner in den Stollen und erklärte ihnen am praktischen Beispiel, wodurch Berufskrankheiten entstehen. Am Stollen lässt sich nachspüren, warum Zehntausende Kumpel in Deutschland an einer Staublunge erkrankten.
Darüber müssen sich die Besucher des Barbarastollens aber keine Gedanken machen. Der einzige Staub, der im Keller aufgewirbelt wird, ist der übliche Hausstaub der vergangenen 90 Jahre. Wer genug vom Bergwerk hat, der nimmt die zwei Treppen auf sich und steht wieder im Sonnenlicht vor der Baustelle am Albertus-Magnus-Platz.

