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Experten-Einschätzung nach KollapsWie geht es für Jamal Musiala weiter?

6 min
Jamal MUSIALA Bayern Muenchen bricht erneut zusammen,Ohnmacht, wird von Dr.Peter UEBLACKER Mannschaftsarzt FCB vom Platz gefuehrt, li:Harry KANE Bayern Muenchen. Fussball Testpiel / 1.FC Heidenheim - FC Bayern Muenchen 2-5 am 18.08.2025 , VOITH ARENA. *** Jamal MUSIALA of Bayern Munich collapses again,faints, is led off the field by Dr. Peter UEBLACKER, FCB team doctor featuring Harry KANE, Bayern Munich soccer friendly match: FC Heidenheim 1, FC Bayern Munich 2-5 on August 18, 2025, at VOITH ARENA

Benommen nach seinem erneuten Kollaps: Jamal Musiala (Mitten)

Der Bayern-Star kollabierte in zwei Testspielen und berichtete von „Absencen“. Was steckt dahinter?

Der Schock in der Fußballwelt war groß: Jamal Musiala, deutscher Nationalspieler und Superstar des FC Bayern München, ist binnen vier Tagen zweimal während Testspielen seines Vereins zusammengebrochen. In einem Statement sprach der 23-Jährige am Dienstagabend von „temporär kurz auftretenden, aber gut behandelbaren Absencen, die auf eine neurologische Dysfunktion“ zurückzuführen seien. Ihm gehe es gut, er wolle den Fans „auch die Sorgen nehmen. Es besteht kein darüberhinausgehendes gesundheitliches Risiko.“ Fragen und Antworten zum Fall Musiala.

Was genau sind Absencen?

Der Begriff „Absence“ stehe für eine spezielle Form eines epileptischen Anfalls, sagt Dr. Janina Neuneier, Neurologin und Leiterin der Spezialsprechstunde Epilepsie und Narkolepsie der Uniklinik Köln im Gespräch mit dieser Zeitung. Es handelt sich, wie der Name schon sagt, um eine wenige Sekunden andauernde Abwesenheit. Es trete häufig bei Kindern im Grundschulalter auf, die dann als unaufmerksam oder Tagträumer bezeichnet werden, erklärt die Expertin. „Es kann teilweise mit Lidflattern oder mit leichten Zuckungen um den Mundwinkel herum einhergehen. Seltener kann es auch mit zu einem Verlust des Muskeltonus, also der Muskelspannung, kommen, sodass es zu einem Sturz kommen kann.“ Wie es möglicherweise bei Musiala der Fall war.

Was passiert bei einem epileptischen Anfall?

Es ist wie ein Gewitter im Gehirn. „Die Nervenzellen sind plötzlich übererregt und feuern alle synchron“, sagt Neuneier. „Ein Kurzschluss, der entweder nur an einer Stelle des Gehirns abläuft, sodass es zu einem kleineren Anfall kommt, oder sich über neuronale Netzwerke so ausbreitet, dass beide Hirnhälften betroffen sind, was dann zum Verlust des Bewusstseins führt.“ Die von Musiala verwendete Bezeichnung „neurologische Dysfunktion“ sei hingegen kein feststehender medizinischer Begriff.

Hat Musiala Epilepsie?

Das ist aus seinem Statement nicht eindeutig hervorgegangen. Im Alltag werde der Begriff „Absence“ häufig unscharf verwendet, sagt Neuneier. „Ob das bei Herrn Musiala tatsächlich die exakte Diagnose ist, oder der Begriff auch hier etwas unscharf verwendet wurde, das vermag ich, ohne weitere medizinische Unterlagen, nicht zu sagen“, sagt Neuneier.

Welche Einschränkungen und Gefahren gelten für Epileptiker?

Neben der emotionalen Belastung, dass eine chronische Erkrankung diagnostiziert wurde, sollten Situationen vermieden werden, in denen ein epileptischer Anfall möglicherweise tödliche Folgen hätte. „Unproblematisch sind Sportarten wie Laufen, Fitnessstudio, Ballsportarten, Teamsportarten oder Krafttraining. Problematisch sehe ich das Radfahren. Wenn man da stürzt, können schwerste Verletzungen auftreten, auch beim Geräteturnen oder bei Kampfsportarten“, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse im Gespräch mit dieser Zeitung. „Völlig ungeeignet sind meines Erachtens Wassersportarten wie Tauchen, Motorsportarten, Klettern, wo Unsicherheitsmomente extrem gefährlich werden können.“ Dazu kommt Autofahren: Nach einem epileptischen Anfall und der Diagnose Epilepsie darf man zunächst für zwölf Monate nicht Auto fahren.

Portrait Janina Neuneier Neurologie

Dr. Janina Neuneier, Neurologin und Leiterin der Spezialsprechstunde Epilepsie und Narkolepsie der Uniklinik Köln

Wie werden Patienten, die Absencen erleben, behandelt?

Medikamentös, in Tablettenform. „Das Ziel einer Behandlung ist immer, dass keine weiteren Anfälle auftreten. Das ist auch realistisch – es klappt aber nicht bei allen Patienten. Wenn bei Herrn Musiala wirklich gerade eine Epilepsie diagnostiziert wurde, würde ich davon ausgehen, dass er gerade erst auf Medikamente eingestellt wird“, erklärt Neuneier. Bei der richtigen Einstellung bleiben bis zu 80 Prozent der Patienten anfallsfrei.

Welche Nebenwirkung hat die Medikation?

„Die Medikamente sollen im Nervensystem wirken und diese Übererregbarkeit dämpfen. Deshalb sind typische Nebenwirkungen, dass man eine gewisse Müdigkeit oder Dämpfung empfindet“, sagt Neuneier. „Häufig ist es so, dass die Patientinnen und Patienten sich nach einer gewissen Zeit daran gewöhnen. Idealerweise sollen sie gar keine Nebenwirkungen merken.“

Kann Musiala, sollte bei ihm eine Epilepsie diagnostiziert worden sein, weiter Leistungssportler sein?

Grundsätzlich ja. „Apnoe-Tauchen und Formel 1 fahren wären sehr kritisch. Fußballspielen sollte aus meiner Sicht möglich sein. Wenn das bei Herrn Musiala jetzt Anfälle waren, dann hat man gesehen, wie es sich auf dem Fußballfeld darstellen würde. Das wäre dann das, was passieren kann. Fußballspielen halte ich aus medizinischer Sicht für unbedenklich“, erklärt Neuneier.

Dr. Ingo Froböse

Ingo Froböse ist emeritierter Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Froböse sieht kein körperliches Problem – dafür aber ein mentales. „Wir haben im Fußball-Spitzenbereich eine Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, dass dort nicht sehr sanft mit Menschen umgegangen wird. Ich bin mir sicher, dass der Gegner und das gegnerische Publikum bei Jamal Musiala genau in diese Wunde hineingehen werden. Sein Marktwert wird hundertprozentig runtergehen. Es wird psychologisch auch nicht ganz einfach für ihn werden, dass alle immer besorgt auf ihn schauen werden“, sagt der Sportwissenschaftler. „Ich gehe davon aus, dass das Thema Nationalmannschaft für Musiala erst einmal erledigt ist. Ich finde auch nicht, dass man ihn in der Nationalmannschaft behalten sollte – bei aller Wertschätzung seiner Spielfähigkeiten. Man sollte ihn schützen. Wenn er medikamentös richtig gut eingestellt ist, kann man das Ganze nach einiger Zeit noch einmal neu bewerten. Es wird für ihn in jedem Fall einen gewissen Akzeptanz-Verlust geben.“

Kann die Belastung im Profifußball die Wahrscheinlichkeit für Anfälle erhöhen?

„Stress ist schon ein Faktor, der Anfälle auslösen kann. Schlafmangel ebenso“, sagt Neuneier. „Natürlich kann man sich vorstellen, dass dieser sehr starke Druck, unter dem Herr Musiala wahrscheinlich steht, solche Episoden mit auslösen oder zumindest mit triggern kann.“

Froböse hält den Profifußball für ein problematisches Umfeld. „Ich werfe dem Profifußball vor, dass er keinen offenen Umgang mit Schwächen pflegt“, sagt der Sportwissenschaftler. Musiala müsse sich darauf einstellen, dass ihm in fremden Stadien Häme entgegenschlägt. „So schätze ich leider die Fußballfans ein. Die gehen in jede Wunde rein, so unschön das oft ist. Ich glaube nicht, dass es da einen Pakt der Solidarität geben wird“, warnt Froböse.

War dem FC Bayern Musialas Zustand bekannt?

Ja, das bestätigte Sportvorstand Max Eberl nach Musialas zweitem Kollaps. Das Statement des Profis war für den Fall einer erneuten Absence vorbereitet. Nur das Ausmaß der Problematik kam offenbar überraschend. „Wir haben uns darauf nicht vorbereiten können. Wir müssen erst lernen, mit dieser Situation umzugehen“, sagte Ehrenpräsident Uli Hoeneß am Mittwoch bei RTL und Sky, der FC Bayern müsse sich an die Situation „herantasten“. Laut Hoeneß fanden am Mittwoch einmal mehr Untersuchungen durch Spezialisten statt. Für den Vereinspatron sind die Vorfälle „ein Drama“, das ihn „vom Hocker gehauen“ habe: Er sei „sprachlos, was selten genug vorkommt“. Hoeneß sicherte Musiala zwar „bedingungslose Unterstützung“ zu, zugleich warnte er, dass dies „mittelfristig“ ein Problem für den Klub darstelle. Wie vom FC Bayern zu hören war, sei der Einsatz Musialas in den beiden Testspielen jedoch unbedenklich und ärztlich umfangreich abgesprochen gewesen. Man habe zudem eine schriftliche Erklärung der behandelnden Neurologen erhalten, dass es „keine Bedenken gegen einen Hochleistungssport“ gebe, sagte Hoeneß.

Wie reagierte Musiala?

Kämpferisch. Er möchte weiter seiner „Passion, Fußball zu spielen, nachgehen“. Und: „Weiter Siege und Titel jagen“. Hinter Musiala liegt ein von massivem Verletzungspech geprägtes Jahr. Bei der Klub-WM im Sommer 2025, kurz nach einer Zwangspause wegen eines Muskelbündelrisses, erlitt Musiala bei einer Kollision mit dem Pariser Keeper Gianluigi Donnarumma einen komplizierten Wadenbeinbruch. Es folgte eine monatelange Reha samt einiger Rückschläge – zur früheren Form fand der Nationalspieler nicht zurück. Im Anschluss an die enttäuschende WM im Sommer wurde dem Offensivspieler bei einem kleinen Eingriff eine Metallplatte aus dem linken Fuß entfernt, weshalb er Teile der Vorbereitung verpasste.