Der Kölner Sportwissenschaftler über die Absencen des Fußballstars, den Umgang mit Schwächen im Profifußball und Häme im Stadion.
Ingo Froböse über Jamal Musiala„Fußballfans gehen in jede Wunde rein, so unschön das oft ist“

Seine Mitspieler bilden einen schützenden Kreis um Jamal Musiala: Absolut richtig reagiert, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse.
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Groß war der Schock in der Fußballwelt, nachdem der Bayern-Spieler Jamal Musiala innerhalb weniger Tage in den Testspielen des FC Bayern gegen RB Leipzig und den 1. FC Heidenheim ohne gegnerische Einwirkung zusammenbrach. Der Nationalspieler gab seine Diagnose selbst über Instagram bekannt: temporär kurz auftretende, aber gut behandelbare Absencen, Musiala sprach von einer „neurologischen Dysfunktion“.
Herr Froböse, wie kann man als Leistungssportler damit umgehen, wenn man unter Absencen leidet?
Grundsätzlich ist diese Form der Epilepsie gar nicht so selten. Im Kinder- und Jugendbereich kommt sie häufiger vor. Im Spitzensport gibt es viele Trigger, die eine Absence auslösen können, auch noch im Erwachsenenalter: Hitze, Stress, eine Vorwettkampfphase. In genau dieser Situation befand sich Jamal Musiala bei den Testspielen. In Fußballstadien kann das flackernde Licht bei Abendspielen ebenfalls eine Absence begünstigen.
Können betroffene Spitzensportler ihren Sport trotzdem weiter ausüben?
Menschen mit Epilepsie profitieren grundsätzlich von körperlicher Aktivität. Sport ist gut, weil er zu einer größeren Resilienz und Belastbarkeit führt. Man muss die Sportarten aber nach dem Verletzungsrisiko einteilen: Unproblematisch sind Sportarten wie Laufen, Fitnessstudio, Ballsportarten, Teamsportarten oder Krafttraining. Problematisch sehe ich das Radfahren. Wenn man da stürzt, können schwerste Verletzungen auftreten, auch beim Geräteturnen oder bei Kampfsportarten. Völlig ungeeignet sind meines Erachtens Wassersportarten wie Tauchen, Motorsportarten, Klettern, wo Unsicherheitsmomente extrem gefährlich werden können. Diese Sportarten sind für mich absolute No-Gos.
Wir haben im Fußball-Spitzenbereich eine Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, dass dort nicht sehr sanft mit Menschen umgegangen wird
Was ist zu tun, wenn ein Sportler auf dem Sportfeld eine Absence erleidet?
Sofort das Spiel stoppen und den Spieler absichern. Musialas Mitspieler haben sofort richtig reagiert, ihn abgeschottet und geschützt. Man sollte den Sportler gegebenenfalls aus einer Gefahrenzone bringen. Dann sollte man ihn ansprechen - meistens dauert so eine Absence nur wenige Sekunden. Auf keinen Fall sollte der Betroffene geschüttelt werden, das machen viele falsch. Dann kurze Fragen stellen: Ist alles klar? Weißt du, wo du bist und wie du heißt? Normalerweise kann man das Spiel dann sogar fortsetzen, ohne den Spieler rauszunehmen.
Wie groß ist der psychologische Einschnitt, wenn ein Athlet merkt: Ich kann meinem Körper nicht mehr zu hundert Prozent vertrauen?
Wir haben im Fußball-Spitzenbereich eine Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, dass dort nicht sehr sanft mit Menschen umgegangen wird. Ich bin mir sicher, dass der Gegner und das gegnerische Publikum bei Jamal Musiala genau in diese Wunde hineingehen wird. Sein Marktwert wird hundertprozentig runtergehen. Es wird psychologisch auch nicht ganz einfach für ihn werden, dass alle immer besorgt auf ihn schauen werden. Ich gehe davon aus, dass das Thema Nationalmannschaft für Musiala erst einmal erledigt ist. Ich finde auch nicht, dass man ihn in der Nationalmannschaft behalten sollte - bei aller Wertschätzung seiner Spielfähigkeiten. Man sollte ihn schützen. Wenn er medikamentös richtig gut eingestellt ist, kann man das Ganze nach einiger Zeit noch einmal neu bewerten. Es wird für ihn in jedem Fall einen gewissen Akzeptanz-Verlust geben.
Inwiefern?
Man erfährt eine andere Behandlung, wenn bekannt ist, dass man eine Krankheit hat. Er wird spüren, dass man anders mit ihm umgeht und er auch anders mit sich selbst umgehen muss, nämlich sehr viel sensibler und umsichtiger. Das wird in fremden Stadien nicht der Fall sein. Auf jeden Fall wird das für Musiala mental und psychologisch eine viel größere Herausforderung werden als körperlich.
Sie gehen tatsächlich davon aus, dass Musiala im Stadion Häme entgegenschlagen wird?
Hundertprozentig. So schätze ich leider die Fußballfans ein. Die gehen in jede Wunde rein, so unschön das oft ist. Ich glaube nicht, dass es da einen Pakt der Solidarität geben wird. Man weiß ja, wie das Thema Homosexualität im Fußball behandelt wird. Was ich außerdem kritisiere: Der Fußball ist selbst schuld, wie er mit Problemen umgeht. Seit Jahren wird immer zugedeckt: Haben Sie schon einmal von einem Fußballspieler gehört, der eine chronische Erkrankung hat? Darüber wird im Fußball nicht geredet, weil es den Marktwert schmälert.

Jamal Musiala mit Mannschaftsarzt Prof. Dr. Peter Ueblacker
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Über akute Verletzungen wird viel gesprochen.
Klar. Da lässt es sich ja auch nicht vermeiden. Im Fall Musiala konnten sie es auch nicht mehr vermeiden. Seinen ersten Ausfall am Samstag haben sie noch vertuscht, indem sie gesagt haben: Das war die Hitze. Beim zweiten Mal ging es aber nicht mehr. Es wurde nur öffentlich, weil es nicht mehr zu vermeiden war. Ich werfe dem Profifußball vor, dass er keinen offenen Umgang mit Schwächen pflegt. Und deswegen ist leider klar, dass die Schwächen ausgenutzt werden. Denken Sie an das ganze Thema mentale Gesundheit, denken Sie an den tragischen Fall Robert Enke: Es gibt so viele Dinge, die der Sport selbst versemmelt hat, weil er sie nicht offen anspricht und klar artikuliert. Das muss der Fußball lernen.
Das heißt, für Musiala wird es jetzt entscheidend sein, dass er gute psychologische Unterstützung bekommt?
Absolut. Wenn das nicht gelingt, könnte seine Karriere beendet sein. Denn Absencen werden auch durch Stress ausgelöst. Fußballprofi zu sein, ist eine Extremsituation. Gerade in fremden Stadien, wenn Konfrontationen entstehen, wird Musiala eine ganz engmaschige mentale Begleitung brauchen. Die neurologische Seite wird sicher herausragend behandelt werden. Sein körperliches Leistungsniveau wird er erhalten können. Aber seine mentale Stärke wird geschwächt werden durch viele extrinsische Faktoren, die auf ihn einprasseln werden, die er heute noch gar nicht kennt.
Geht man in anderen Sportarten denn besser mit Krankheiten um?
Total. Nehmen wir die Leichtathletik: Da wird mit Herzfehlern umgegangen, da wird mit epileptischen Anfällen umgegangen, mit allen möglichen Dingen. Bei Individualsportarten ist das gang und gäbe. Oder Beispiel Tennis: Alexander Zverevs Diabetesproblematik ist öffentlich bekannt, der Deutsche Tennisbund nutzt seine Erkrankung sogar, um ein Statement zu setzen: Auch mit Diabetes kann man wunderbar Tennis spielen und sogar richtig gut sein. Genauso würde ich mir wünschen, dass man mit Musiala und seiner Erkrankung nach vorne marschiert. Aber im Fußball versucht man immer alles, hinter verschlossenen Türen zu halten. Das halte ich für ein großes Problem.
Sind Ihnen als Sportprofessor über die Jahre schon viele Studierende und Spitzensportler begegnet, die plötzlich umgekippt sind?
Ja, das haben wir bei uns schon häufiger gehabt, sind aber gut vorbereitet. Ich habe auch mit vielen Kindern und Jugendlichen gearbeitet, wo das ebenfalls nicht selten war. Ich halte es für wichtig, dass Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden: Betroffene sollten am besten niemals allein sportlich aktiv sein. Alle sollten informiert sein – Trainer wie Team, alle sollten Bescheid wissen. Es ist wichtig, gemeinsam darüber zu reden und zu versuchen, Auslöser zu vermeiden. Dazu gehören Schlafmangel, Überhitzung, Dehydration, Stress oder Alkohol. Auch die Medikamente können Nebenwirkungen haben. Gerade antiepileptische Medikamente könnten auch psychomental verändern. Das muss man mit dem Neurologen sehr differenziert besprechen. Spitzensportler brauchen zudem eine andere Medikation als Nicht-Spitzensportler.

Professor Dr. Ingo Froböse
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Zur Person
Ingo Froböse ist emeritierter Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Als ehemaliger Leistungssportler zählte er einst zu den besten deutschen Sprintern. Als Buchautor und Gesundheitsexperte ist er einem breiten Publikum bekannt.



