MRT-Diagnosen, Rettungshubschrauber: Wie der Iran-Krieg auch die deutsche Gesundheitsversorgung trifft – und warum das Land darauf schlecht vorbereitet ist.
Fehlender Notfallplan„Fiele die Heliumversorgung für ein MRT aus, geht das Gerät offline“

Rettungshubschrauber verbrauchen pro Stunde hunderte Liter Kerosin. Gerade in Krisenzeiten kann das teuer werden.
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Krebsfrüherkennung, neurologische Notfälle, Herzerkrankungen: Ohne flüssiges Helium ist eine Diagnose dieser Erkrankungen schwer möglich. Schließlich kann das Edelgas dank seines extrem niedrigen Siedepunkts die Magnete in MRT-Geräten auf minus 269 Grad Celsius runterkühlen. Bleibt dieser Kälteschock aus, entsteht kein Magnetfeld, kein Bild, keine Diagnose. In Deutschland stehen laut OECD-Daten etwa 3000 MRT-Scanner, die kontinuierlich mit Helium versorgt werden müssen. Für NRW macht das gemäß Bevölkerungsanteil gut 600 Geräte. Gleichzeitig brauchen Forschungslabore, Pharmaproduzenten und Kryotechnik-Anlagen das Edelgas in wachsendem Umfang. Klassischerweise stammt Helium aus Ländern, die auch in der Erdgasförderung aktiv sind, da man es bei der Produktion verflüssigten Erdgases (LNG) aus dem Gasgemisch abspalten kann. Zum Beispiel aus Katar.
Und hier liegt das Problem. Schließlich haben Drohnenangriffe des Iran auf katarische LNG-Anlagen diese Produktionsstätten längerfristig zerstört. Katar hat vor dem Ausfall rund 40 Prozent des globalen Heliumhandels bedient; die EU bezog davon 33 Prozent. Die Folgen des Ausfalls sind schon eingetreten: Preissprünge, Mengenlücken, Rationierungen. „Der Krieg im Iran trifft die Gesundheitsversorgung in Deutschland damit empfindlich“, sagt Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag im Gespräch mit unserer Zeitung.
Kölner Kliniken und die Uniklinik sind ausreichend versorgt
Die für das Gesundheitssystem direkten Konsequenzen: „Fiele die Heliumversorgung für ein MRT tatsächlich vollständig aus, geht das Gerät offline – dauerhaft, bis Nachschub wieder verfügbar wäre.“ Brückenszenarien wie Helium-Reliquefier, die das verdampfte Gas zurückgewinnen, seien in vielen deutschen Kliniken noch nicht Standard. Experten fordern deshalb schon, Helium als strategisch relevanten Rohstoff für das Gesundheitswesen einzustufen und staatliche Bevorratungsregeln einzuführen. „Mittelfristig wird sich der Ausfall auch auf die Arzneimittelproduktion auswirken, wo Helium beispielsweise in Massenspektrometern und Analysegeräten, sowie bei der Herstellung wichtiger Medizintechnik unverzichtbar ist“, sagt Dahmen.
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Wie groß das Risiko konkret ist, hängt stark vom Alter der Geräte ab. Die Uniklinik Köln meldet auf Anfrage, aktuell sei „kein Lieferengpass für Helium bekannt“. Die Kliniken der Stadt Köln sehen sich an ihren drei Standorten – Krankenhaus Merheim, Holweide und Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße – gut aufgestellt. „Die modernen MRT-Geräte arbeiten mit nur sehr geringen Mengen Helium und die klinische Versorgung ist sichergestellt", teilt das Haus auf Anfrage mit. Vor anderthalb Jahren wurde am Krankenhaus Merheim ein kompletter Neubau der Klinik für Radiologie in Betrieb genommen. Neuere Geräte verbrauchen tatsächlich deutlich weniger Helium als ältere Systeme – ein Vorteil, den viele Häuser mit älterem Gerätepark nicht haben.
Auch der kriegsbedingte Kerosinmangel bedrohe die Gesundheitsversorgung, sagt Dahmen. Schließlich müssen auch Rettungs-Helikopter tanken. Allein ADAC- und DRF-Luftrettung flogen 2025 rund 85.000 Einsätze, bundesweit sind es jährlich über 100.000 Rettungsflüge. Jeder davon hängt an der Verfügbarkeit von Jet-A1-Kerosin, der Preis dafür ist seit dem Angriff auf den Iran um mehr als 75 Prozent im Mittel gestiegen.
Die Luftnotrettung nimmt wenig Kerosin ab - und hat so wenig Möglichkeiten auf Rabatte
Gemeinnützige Luftrettungsorganisationen sind keine kommerziellen Luftfahrtkonzerne, das macht sie verletzlicher. „Anders als große Airliner haben sie schon wegen der geringeren Abnahmemenge und Sonderklauseln der Mineralölkonzerne im Falle von Krieg, Krise und Katastrophen einen weniger großen Hebel, um die Preise bezahlbar zu halten – mit der Folge, dass die Luftrettung grade besorgniserregend unter der Preisentwicklung leidet", sagt Dahmen. Luftrettungsorganisationen hätten am Rande einer gemeinsamen Pressemitteilung darauf hingewiesen, „dass die Kerosin-Verfügbarkeit insgesamt als absolute Mangellage auch diesen ganz wichtigen Bereich mit betrifft."
Beim ADAC spürt man das unmittelbar. Jochen Oesterle, der für die gemeinnützige Luftrettung des Automobilclubs spricht, bestätigt: Aktuell sei man zwar noch ausreichend versorgt – doch die Kostensteigerungen träfen das Unternehmen hart. „Wir rechnen bis Jahresende mit Mehrkosten von mehreren Millionen Euro – für die es kaum eine Gegenfinanzierung gibt", sagt Oesterle im Gespräch mit unserer Redaktion. Schließlich sind Rettungshubschrauber nicht gerade für ihren sparsamen Verbrauch bekannt. 300 Liter Kerosin pro Flugstunde schluckt laut Oesterle beispielsweise der Christoph Rheinland, der auch Köln ansteuert. NRW gehört mit seinen sechs Helikoptern zusammen mit Bayern und Rheinland-Pfalz zudem zu den drei Ländern mit den meisten Helikopter-Einsätzen im Jahr.
In diese ohnehin angespannte Lage schlugen die Pläne zur GKV-Beitragssatzstabilisierung wie ein zweiter Treffer. ADAC Luftrettung, DRF Luftrettung und Johanniter Luftrettung warnten in einer gemeinsamen Erklärung, dass dem System damit „schrittweise die finanzielle Grundlage entzogen" werde. Der Kern des Problems: Der Entwurf orientiert die Ausgaben an der allgemeinen Grundlohnrate – und ignoriert damit die spezifische Kostenstruktur der Luftrettung mit einer hochregulierten, sicherheitskritischen und permanent vorzuhaltenden Infrastruktur. Dies lasse sich nicht mit dem Lohnniveau der Gesamtwirtschaft bemessen. Auch nicht vorhersehbare und nicht beeinflussbare Kostensteigerungen, wie beispielsweise die aktuell steigenden Kraftstoffpreise durch internationale Krisen, könnten von den Luftrettungsorganisationen nicht mehr ausgeglichen werden. Für Oesterle ist es eine einfache Rechnung: „Strukturell jedes Jahr minus – dann muss man irgendwann die Notbremse ziehen." Im Extremfall stünden einzelne Stationen zur Disposition.
Durch den Umbau der Kliniklandschaft werden Hubschraubertransporte eher häufiger benötigt
Besonders brisant: Die drei Organisationen weisen darauf hin, dass die geplanten Sparmaßnahmen in einem „eklatanten Widerspruch" zur Krankenhausreform 2025 und der angestrebten Reform der Notfallversorgung stehen. Denn der Umbau der Kliniklandschaft werde den Bedarf an notfallmedizinischer Versorgung aus der Luft vor allem in ländlichen Regionen noch weiter erhöhen. Wer die Luftrettung finanziell aushöhle, säge also genau an dem Ast, den die Notfallreform gleichzeitig stärken wolle.
Kleine Abnahmemengen, fehlende Langzeitverträge, Ausnahmeklauseln, keine strategischen Reserven: Die Rettungsorganisationen stehen am Ende jeder Lieferkette. Verschärft werde die Lage dadurch, dass dasselbe Problem die Bundespolizei und Bundeswehr treffe – inklusive des SAR-Dienstes, der Such- und Rettungsaufgaben übernimmt.
Der Krieg lege aber auch den Blick auf ein strukturelles Versagen des Gesundheitsministeriums frei: Deutschland verfüge auch im Jahr sechs nach der Pandemie und trotz des hybriden Kriegs Russlands gegen die EU weiterhin über keiner Gesetz zur Sicherstellung der Gesundheitsversorgung oder geeignete Krisenstabsinstrumente, die die Abhängigkeiten systematisch erfassen und Notfallpläne erzwingen könnten, kritisiert Dahmen. „Das Energiesicherungsgesetz regelt die Bereitstellung fossiler Energieträger, das Ernährungssicherstellungs- und -vorsorgegesetz oder Wassersicherstellungsgesetz das Essen wie Trinken jederzeit gewährleistet bleibt – doch ein übergreifender Krisenmechanismus für das Gesundheitssystem fehlt.“ Dabei habe ein Mangel ernste Konsequenzen: MRT-Diagnostik ist unverzichtbar für Krebsfrüherkennung, neurologische Notfälle, Herzerkrankungen. Rettungshubschrauber sind in ländlichen Regionen oft die einzige Möglichkeit, innerhalb des therapeutischen Zeitfensters einer schweren Verletzung, eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts eine Klinik zu erreichen.
Gesundheitssicherstellungsgesetz gefordert
Dahmen fordert deshalb ein Gesundheitssicherstellungsgesetz: „Dort muss ein systematisierter Krisenmechanismus hinterlegt sein – der solche Abhängigkeiten direkt in den Blick nimmt und Notfallpläne entwickelt." Konkret bedeutet das eine Triage-Regelung für Rohstoffe. Also Antworten auf die Frage, welche Verbraucher in welcher Reihenfolge abgeschaltet werden, um essenzielle Funktionen aufrechtzuerhalten.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will zwar im Sommer 2026 einen Gesetzentwurf für das Gesundheitswesen im Verteidigungsfall vorlegen. Angeblich sieht es unter anderem klare Zuständigkeiten, funktionierende Kommunikationswege und regelmäßige Notfallübungen vor. Doch ein Gesetzentwurf erst im Sommer – inmitten einer bereits eskalierten Versorgungslage – kommt für Patienten und Personal möglicherweise zu spät. Deutschland agiert trotz immer dramatischerer Warnungen von europäischer Ebene laut Dahmen „mit einer Gemächlichkeit, als könne man mit Dienst nach Vorschrift und geduldigem Zuwarten einfach so weitermachen."
Andere Europäer sind da schon weiter: Frankreich integriert das Gesundheitswesen seit Jahren in seine zivil-militärische Krisenplanung; das „Service de Santé des Armées" hält Rohstoffreserven vor und koordiniert im Notfall die Triage ziviler wie militärischer Kapazitäten. Schweden und Finnland schreiben Krankenhäusern gesetzlich vor, für mindestens 30 Tage autark arbeitsfähig zu bleiben, inklusive Energieversorgung und kritischer Verbrauchsmaterialien. In den USA sichert die „Strategic National Stockpile" nicht nur Medikamente, sondern schließt auch Güter wie Sauerstoff, medizinische Gase und Treibstoffe für medizinische Lufttransporte ein.
