Schmerzen gehören zu einem der letzten Geheimnisse im menschlichen Körper. Der Forscher Tim Hucho erklärt, wie man ihnen auf die Spur kommen kann.
Kölner Mediziner„Morphium ist die Bazooka unter den Schmerzmitteln“

Schmerzen kennt jeder. Wie wir sie empfinden, hängt aber nicht allein von der äußerlichen Sensorik ab.
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Tim Hucho leitet die Arbeitsgruppe Translationale Schmerzforschung und ist Forschungsleiter am Schmerzzentrum der Uniklinik Köln. Im September ist er zu Gast im Medizintalk des „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Herr Professor Hucho, Sie sind Schmerzforscher. Wo tat es Ihnen zuletzt weh?
Tim Hucho: Ich weiß um die vielen Menschen mit teils sehr langanhaltenden und teils sehr belastenden Schmerzen. Im Gegensatz dazu sind alle meine persönlichen Schmerzerfahrungen sicherlich eher Lappalien. Wenn Sie aber nach starken persönlichen Schmerzerfahrungen fragen, ein sehr intensives Erlebnis war, als mir zur Vorbereitung einer Zahnbrücke ein Zahn bis fast auf die Wurzel runtergeschliffen wurde.
Aus Interesse ließ ich diese 2-stündige Prozedur ohne Lokalanästhesie machen, fragen Sie mich nicht warum. Ich kann bestätigen, das ist eine sensorisch sehr intensive Erfahrung! Spannend war, dass das Wissen darum, dass ich in besten Händen war, volle Kontrolle über die Vorgänge hatte und dass ich wirklich neugierig war, es ermöglichte, das Quälende in dem Schmerz so gut zu kontrollieren, dass ich kein einziges Mal gezuckt habe und es eben vor allem als sensorisch intensiv, weniger jedoch als wirklich schmerzhaft erlebt habe.

Tim Hucho ist Schmerzforscher an der Uniklinik Köln. Er sagt: „Welches Medikament zu welchem Menschen mit Schmerz passt, das ist zurzeit immer noch ein weitgehend ungelöstes Rätsel.“
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Das hört sich jetzt an, als bräuchte man nur das richtige Mindset und dann wären Schmerzpatienten geheilt.
So formuliert ist das natürlich nicht der Fall. Und trotzdem kann ein „Mindset“ auch eine deutliche, gegebenenfalls sogar große schmerzmodulierende Wirkung entfalten. Aber bevor wir uns über einige wirklich „spannende“ Aspekte von Schmerz unterhalten, zuerst einmal grundlegend: Weltweit sind sich Schmerzexpertinnen und Schmerzexperten einig: Wenn eine Person Schmerzen erlebt, so hat diese Person Schmerzen. Punkt. Die einzige Expertin beziehungsweise der einzige Experte für Schmerz, sind ausschließlich die schmerzerlebenden Personen selber.
Man kann Schmerz nicht von außen messen. Jeder Schmerz ist anders. Und Schmerzen unterscheiden sich nicht nur zwischen unterschiedlichen Personen, sondern vermutlich kann auch ein und dieselbe Person nie zweimal den gleichen Schmerz empfinden. Schmerz ist also nie „nur eingebildet“, das will ich hier betonen. Und der zum Ausdruck gebrachte Schmerz ist in jedem Fall vollständig zu respektieren.
Es gibt also keinen An- und Ausschalter für den Schmerz. Aber wir haben doch immerhin Einflussmöglichkeiten?
Schmerzerleben ist immer eine Summe teils bewusster aber auch vieler unbewusster Vorgänge. Man könnte es so verbildlichen: Schmerz ist das Ergebnis einer Verrechnung von Sensorik, Bewertung und Verhalten. Wenn wir uns mit dem Hammer den Nerv einquetschen, lässt sich das nicht wegdiskutieren, diese Sensorik dominiert die „Schmerzrechnung“. Aber, und das ist vielleicht eine gute Nachricht, es ist eben auch nur ein Teil dieser Rechnung. Dazu kommt unsere emotionale und kognitive Bewertung wie persönliche Erinnerung oder künftige Wünsche, aber auch unser Verhalten, also beispielsweise Immer-weiter-machen oder Rückzug.
„Die Erwartung spielt beim Schmerz eine große Rolle“
Gibt es dazu wissenschaftliche Untersuchungen?
Ja, eine ganze Reihe. Zum Beispiel das klassische Eiskübelschmerzexperiment. Dabei wurden Probandinnen dazu aufgefordert, ihre Arme so lange in einen Kübel mit Eiswasser zu stecken, bis es schmerzhaft wurde. Diese Zeit wurde gemessen. Was die Probandinnen nicht wussten: Sie waren in Gruppen eingeteilt und je nach Gruppe lag scheinbar zufällig eine Akte auf dem Tisch mit dem Titel „Vasokonstriktionsschmerz“, „Schmerz“ oder „Unbehagen“. Die „Unbehangen“-Gruppe brauchte dreimal so lang wie die gefährlich klingende „Vasokonstriktionsschmerz“-Gruppe, bevor es schmerzhaft wurde. Je alarmierender das Wording, desto schneller setzte der Schmerz ein. Die Erwartung spielt also eine große Rolle.
Diese Erwartung wird ja auch als Kern des Placebo-Effekts angenommen, also des Phänomens, dass ich zwar nur zum Beispiel eine Zuckerpillen lutsche, aber mich dennoch besser fühle, weil ich das so prognostiziere.
Ja, da gibt es immer mehr und ganz erstaunliche Untersuchungen dazu. Morphium ist ja quasi die Bazooka unter den Schmerzmitteln und wir zellulär und biochemisch Forschenden können sehr genau erklären, wie ein solches Opioid wirkt und was es an den schmerzauslösenden Zellen macht. Und trotz seiner Wirkstärke ist auch die Wirksamkeit von Morphium wesentlich von der Erwartungshaltung abhängig. Es wird angenommen, dass 40 bis 70 Prozent der Wirkung von der Erwartungshaltung abhängen. Und das geht übrigens in beide Richtungen. Eine positive Erwartung steigerte die Wirkung, eine negative Erwartung reduzierte sie.
Ein Sportler, dessen Knie schmerzt, verhindert durch Schonung vielleicht eine frühzeitige Gelenkabnutzung
Schmerzen kennt quasi jeder. Trotzdem hat man den Eindruck, dass man bei der Behandlung noch viel im Dunklen tappt. Bekommt die Schmerzforschung genug Aufmerksamkeit?
Das Schmerzwissen explodiert derzeit! Dabei gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass die Untersuchung der molekularen Bestandteile dieses Systems gerade erst einmal vor rund 29 Jahren begann! Erst 1997 entdeckte man den Sensor für das schmerzauslösende Capsaicin, das ist der Stoff, der die Chilischote so scharf macht. Viele Therapien oder Medikamente sind heute in der Pipeline. Aber am Ende ist der Schmerz eben sehr kompliziert und vielschichtig. Welches Medikament zu welchem Menschen mit Schmerz passt, das ist zurzeit immer noch ein weitgehend ungelöstes Rätsel. Insofern, ja, Schmerzforschung bekommt viel Aufmerksamkeit und Förderung, neue Therapien werden entwickelt, die Testung bis zum Einsatz im Alltag und die Entwicklung passgenauer Diagnostik braucht aber noch.
Schmerz ist ja nicht nur der Feind. Er warnt uns ja auch. Stichwort: Heiße Herdplatte.
Richtig und sehr wichtig: Würde es nicht wehtun, wären zum Beispiel Verbrennungen viel stärker. Das ist übrigens nicht nur bei bereits erfolgten Verletzungen so. Auch ein Sportler, dessen Knie schmerzt, verhindert durch Schonung bei Schmerz vielleicht eine schwerwiegendere Überlastung und dadurch beispielsweise eine frühzeitige Gelenkabnutzung. Aber auch ein chronischer Rückenschmerz oder ein Phantomschmerz nach Amputation kann gegebenenfalls evolutionär Sinn ergeben.
Wie das denn?
Häufig bewirken langanhaltende Schmerzen zum Beispiel einen sozialen Rückzug. Man mischt nicht mehr an vorderster Front mit. Evolutionär war das vermutlich von Vorteil, wenn das angeschlagene Gruppenmitglied beim Jagen nicht mehr in der ersten Reihe stand, sondern eher am Rand oder ganz zu Hause blieb. Das schützt sowohl die Gruppe als auch das Individuum. Heute ist das natürlich kein Vorteil mehr, sondern führt eher noch zur Verschlechterung und zu Einsamkeit von Schmerzpatienten. Gegen eine solche Steinzeitlösung wie sozialen Rückzug sollte man also anarbeiten, sonst kommt zu den Schmerzen vielleicht noch eine Depression erschwerend hinzu. Und noch ein Gedanke zu Ihrer Formulierung „Schmerz ist ja nicht nur Feind“: Mit einem echten und offenen Feind lebt es sich sehr schwer zusammen. Ihn zu lieben, wäre sicherlich auch irgendwie komisch, oder? Aber vielleicht findet man ja einen Weg, langanhaltenden Schmerz wie eine skurrile Tante oder vielleicht auch wie einen nervenden entfernten Onkel wahrzunehmen. Das löst das Problem nicht, macht aber vielleicht einen pragmatischeren Umgang damit möglich. Die große Herausforderung bleibt, wie individuell passend über die Sensorik, die Bewertung und das Verhalten Schmerz erleichtert werden kann.
Tim Hucho ist Professor und Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Schmerzforschung sowie Forschungsleiter am Schmerzzentrum der Uniklinik Köln. Am 1. September ist er beim Medizintalk des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu Gast und erklärt den Besuchern, warum es manchmal wo weh tut und wie vielfältig die Möglichkeiten sind, das Leiden zu beeinflussen. Persönliche Fragen des Publikums sind ausdrücklich erwünscht. Moderiert wird die Veranstaltung von Claudia Lehnen, Chefreporterin beim Kölner Stadt-Anzeiger.
Die Veranstaltung findet am Dienstag, 1. September, 19.30 bis 21 Uhr in der Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger statt. Tickets für 14 Euro (zzgl VVK) gibt es bei Rausgegangen.
