Kölner Psychologin über Corona„Hoffnung, dass wir stabiler aus der Krise kommen“

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„Ich habe gemerkt: Da kommt so etwas Tristes in dein Leben. Du musst aktiv gegensteuern“, sagt Damaris Sander über Corona.

  • Seit gut sechs Monaten ist Deutschland im Ausnahmezustand: Das Coronavirus hat Grundlegendes verändert.
  • Wir haben die Psychologin Damaris Sander auf den bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie zurückblicken lassen.
  • Was war ihr eindrücklichstes Erlebnis? Was macht ihr Sorgen, was Hoffnung? Welcher Begriff beschreibt die Krise für sie am besten?
  • Lesen Sie hier außerdem die Rückblicke sieben weiterer Experten.

Köln – Prägend für mich war das Erleben der ausgestorbenen Innenstadt während des Lockdowns. Ich bin in dieser Zeit sehr regelmäßig in meine Praxis gefahren, und es war gespenstisch, auf meinem Weg an einem geschlossenen Geschäft nach dem anderen vorbeizukommen. Die Angst hing förmlich in der Luft. Diese Lahmlegung praktisch des gesamten Lebens, die Unterbrechung des Alltagsstroms – das hat mich stark angefasst.

Was ich mitgenommen habe, ist die Wahrnehmung: Ich bin in so einer unvorhergesehenen, nicht planbaren Situation gefordert, mich darauf einzustellen, damit umzugehen: Wo kommt jetzt meine Freude her, woraus beziehe ich jetzt meine Energie, wenn so viele Quellen von Freude und Energie auf einmal versiegt sind? Ich glaube, diese Frage beantwortet sich nicht von alleine. Ich bin in den ersten Wochen erst einmal relativ mechanisch meinen Beschäftigungen nachgegangen, habe dann aber gemerkt: Da kommt so etwas Tristes in dein Leben. Du musst aktiv gegensteuern.

Ich illustriere das mal mit unseren Urlaubsplänen: Wir wollten ursprünglich in die Normandie fahren, haben diese Reise aber storniert und gesagt, wir machen stattdessen Urlaub zuhause. Das hat aber überhaupt nicht geklappt, so dass wir dann kurzentschlossen nach Brügge gefahren sind. Und schon im Auto merkte ich: Das war jetzt genau die richtige Entscheidung. Die Quintessenz dieser Erfahrung: Es kommt darauf an, nicht in eine Schockstarre zu fallen, sondern sehr bewusst zu schauen: Was geht jetzt? Was ist möglich? Was kann ich tun? Was tut mir gut? Ich habe mich gerade bei der VHS zu einem Fotokurs angemeldet. Das geht auch unter Corona-Bedingungen, indem ich alleine losziehe und mir meine Motive suche. Ich habe auch wieder angefangen, abends Gitarre zu spielen, was ich jahrelang vernachlässigt hatte. Das macht mir Freude, das entspannt mich, das ist eine Quelle für einen gelingenden Alltag.

Meine größte Sorge ist, dass diese Krise noch sehr lange anhält, wir in eine große Wirtschaftskrise schliddern und vieles kaputtgeht. Meine Hoffnung ist, dass wir als Gemeinschaft aus dieser Krise lernen, unsere Fähigkeit zum Umgang mit Krisen insgesamt verbessern, unseren Zusammenhalt stärken und damit stabiler aus der Krise herauskommen, als wir hineingegangen sind.

Die Corona-Krise kurz umschrieben? Großer Mist.

Lesen Sie auch, wie der Kölner Infektiologe Gerd Fätkenheuer, der Mediziner Walter Möbius, der Apotheken-Vorsitzende Thomas Preis, der Psychologe Peter WehrGerhard Wiesmüller vom Kölner Gesundheitsamt, die Juristin Gerlind Wisskirchen und Jürgen Zastrow, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, auf das erste halbe Jahr im Ausnahmezustand zurückblicken.

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