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Mit 45 JahrenKölnerin erleidet Schlaganfall – doch die Ärzte erkennen ihn zunächst nicht

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Kathrin Wendt bei der Rehabilitation im Kölner St.-Marien-Krankenhaus, sie erlitt mit 45 Jahren einen Schlaganfall.

Kathrin Wendt bei der Rehabilitation im Kölner St.-Marien-Krankenhaus, sie erlitt mit 45 Jahren einen Schlaganfall. 

Kathrin Wendt, Mutter eines sechs Jahre alten Sohnes, berichtet vom 10. März, als es ihr plötzlich schlecht ging. 

Körperlich geht es Kathrin Wendt gut. Das Krafttraining absolviert sie ohne Problem, Fahrradfahren funktioniert auch schon wieder. Sie hat keine Lähmungserscheinungen, keine Koordinationsstörungen, keine Sprachausfälle. „Äußerlich merkt man mir nichts an“, sagt die 45 Jahre alte Kölnerin. Aber da ist diese neue Angst, die ihr Tränen in die Augen treibt und die Stimme stocken lässt: „Ich muss doch meinen Sohn groß kriegen. Ich möchte erleben, wie er volljährig wird.“

Kathrin Wendts Sohn ist sechs Jahre alt, als sie am 10. März einen Schlaganfall erleidet. Seither kostet es sie viel Kraft, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Kurz vor dem diesjährigen Muttertag am 10. Mai, der auf den bundesweiten Aktionstag gegen den Schlaganfall fällt, macht Neurologin Pantea Pape ihr jedoch Mut: „Sie haben Ziele, und das ist eine sehr wichtige Ressource für eine gute Prognose.“

Die Neurologin Pantea Pape (l.) macht ihrer Schlaganfallpatientin Kathrin Wendt Mut: „Sie haben Ziele, und das ist eine sehr wichtige Ressource für eine gute Heilungs-Prognose.“

Die Neurologin Pantea Pape (l.) macht ihrer Schlaganfallpatientin Kathrin Wendt Mut: „Sie haben Ziele, und das ist eine sehr wichtige Ressource für eine gute Prognose.“

Wenn Kathrin Wendt am Sonntag von Mann und Sohn beschenkt wird, vielleicht mit einem selbst gemalten Bild oder einem Strauß Blumen, vielleicht auch einfach mit einer festen Umarmung, liegen sechs Wochen Rehabilitation in der Neurologischen Frühreha des Kölner St.-Marien-Krankenhauses hinter ihr. Mit Sport, Gesprächen oder Übungen für Konzentration und Merkfähigkeit hat sie sich darauf vorbereitet, in ein besseres Leben zurückzukehren – weiterhin als Mutter, Partnerin und Redaktionsassistentin beim WDR, aber eben auch als Frau, die sorgsamer mit sich selbst umgeht. 

Schlaganfall bei Kölnerin wird zunächst nicht entdeckt

Der 10. März begann für Kathrin Wendt als normaler Arbeitstag im Büro. Mittags war sie zum Essen verabredet, doch sie kam nur bis ins Treppenhaus. Dort wurde ihr so schwindelig und übel, dass sie nicht weiterkonnte. „Es war, als hätte mir jemand mit der flachen Hand aufs Ohr gehauen“, sagt Wendt. Kollegen kümmerten sich, jemand fragte sie nach Name und Alter. „Ich konnte gut denken und antworten, musste mich dann aber übergeben.“

Dem Rettungsdienst erzählte Wendt, dass ihre Mutter einen Herzinfarkt gehabt habe. Sie wurde ins Severinsklösterchen gebracht, doch dort fand man keine Hinweise auf einen Herzinfarkt. Am Abend ging es weiter ins St.-Franziskus-Krankenhaus. Man habe zunächst sogar überlegt, ob es eine Magen-Darm-Verstimmung sein könnte, erzählt Wendt: „Aber weil ich einfach gar nicht aufstehen konnte, ohne mich gleich wieder zu übergeben, hat man mich zu Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten geschickt.“ Die sollten prüfen, ob ihr Gleichgewichtsnerv vielleicht entzündet war.  

Das geschah dann am nächsten Tag, doch alle Untersuchungen waren unauffällig. Schließlich ordnete einer der Ärzte ein MRT an – und so wurde gut 24 Stunden nach Wendts Zusammenbruch im Treppenhaus endlich entdeckt, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte.

Frauen zeigen bei einem Schlaganfall öfter unspezifische Symptome als Männer

„Bei Frauen wird ein Schlaganfall häufig später festgestellt als bei Männern“, sagt Pantea Pape, die Chefärztin der Neurologie im St.-Marien-Krankenhaus. Statt der typischen Schlaganfall-Symptome wie motorische Defizite (Lähmung, Gesichtslähmung), Gangstörung, Schwindel oder Sprachdefizit träten bei Frauen vermehrt unspezifische Symptome wie diese in den Vordergrund: Schwäche (Müdigkeit), mentale Beeinträchtigung, Verwirrung, Übelkeit, Bewusstseinsstörung, Atemnot. Risikofaktoren für beide Geschlechter seien Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol und Herzerkrankungen. Bei Frauen könnten zudem folgende Dinge eine Rolle spielen: hormonelle Aspekte durch die Einnahme der Pille oder eine Hormonersatztherapie, Vorhofflimmern, Diabetes oder auch eine Schwangerschaft. 

Was bei Wendt bisher nicht gefunden wurde, ist die Ursache für den Schlaganfall. Auch das sei jedoch nicht unüblich, sagt Pape: „Bei zehn bis 20 Prozent der Schlaganfall-Patienten findet man die Quelle nicht.“ Helfen könnte eine Langzeitüberwachung ihres Herzens mit einem so genannten „Event-Rekorder“, vielleicht sind versteckte Herzrhythmusstörungen der Grund. 

Stress allein gilt nicht als Auslöser für einen Schlaganfall, es spielen viele Faktoren eine Rolle

Für Wendt geht es jetzt darum, zurück in einen entspannteren Alltag zu finden. Vor dem Schlaganfall sei ihr Leben sehr stressig gewesen. Job, Kind und Haushalt unter einen Hut zu bekommen ist ihr – wie vielen Müttern – nur mit Verzicht auf eigene Freiräume gelungen. Sie machte sich oft noch in der Nacht Gedanken, schlief zu wenig, trieb zu selten Sport und bestellte öfter Essen, obwohl sie lieber selbst gekocht hätte. „Wir wissen, dass Stress für nichts gut ist“, sagt Neurologin Pape. Als alleiniger Auslöser für einen Schlaganfall tauge er allerdings nicht. „Das ist viel komplexer, in der Regel wirkt ein Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren.“

Wichtig für eine gute Rehabilitation sei dennoch, zu einer Balance zwischen Be- und Entlastung zu finden, Pape nennt das „Psychohygiene“.  „Man hat immer die Vorstellung, nach einem Schlaganfall hat man einen Arm gelähmt oder kann schlechter gehen“, so die Neurologin: „Dabei wird oft unterschätzt, wie beeinträchtigend die neurophysiologischen Einschränkungen sind.“ Wendt etwa kann sich schlechter Dinge merken, wird schneller müde und kann sich in lauter Umgebung weniger gut konzentrieren. 

Nicht perfekt sein zu wollen, sei das Geheimnis, sagt Pape, die eigenen Grenzen erkennen und auch mal „Nein“ sagen. Vor allem Frauen neigten zu dem Mantra: „Ich schaffe das schon.“ Wendt ist auf einem guten Weg, sie lässt inzwischen ihren Mann und ihre Eltern ihren Sohn morgens zur Kita bringen. „Plötzlich ist das gar kein Problem“, sagt Wendt. Sie klingt noch ein wenig ungläubig, gibt aber zu: „Das ist für mich eine Wahnsinnsentlastung.“   

Ihr neues Leben nach dem Schlaganfall will sie entspannter gestalten mit mehr Zeit für sich selbst. Trotzdem denkt sie schon wieder effizient: für ihren Reha-Sport hat sie sich eine Einrichtung direkt neben dem Supermarkt ausgesucht. So kann sie das Eine mit dem Anderen verbinden. „Ich weiß nicht, wie viel ruhiger es wird“, sagt Wendt. Sie hat gerade einen Kindergeburtstag organisiert und plant die Einschulung ihres Sohnes: „Die Welt ist die Welt und das Leben ist das Leben, es muss ja weitergehen.“